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Der Astrazeneca-Stopp in Deutschland ist Geschichte: In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz wird das Mittel wieder gespritzt. Forscher aus Greifswald wollen die Ursache für die Thrombosen entdeckt haben – und was man dagegen tun kann.

Als Reaktion auf die Empfehlung der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Donnerstagabend die weitere Verwendung des Corona-Impfstoffs von Astrazeneca genehmigt – allerdings mit Warnhinweisen. Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz impfen seit Freitagmorgen schon wieder mit dem Mittel.

Derweil glauben Forscher der Universität Greifswald, die Ursache für die seltenen Hinrvenenthrombosen gefunden zu haben, die – möglicherweise nach der Astrazeneca-Impfung – vor allem Frauen unter 50 getroffen haben. SWR-Wissenschaftsredakteur David Beck beschreibt, was die Forscher sagen:

In einem Impfzentrum wird eine Astrazeneca-Dosis aufgezogen (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Matthias Bein)

Nachrichten „Der Mechanismus ist bereits bekannt“

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Spahn: Astrazeneca-Stopp war gerechtfertigt

Die Impfungen mit dem Präparat sollten bundesweit noch im Laufe des Freitags wieder aufgenommen werden, sagte Spahn am Donnerstagabend in Berlin. Die Impfwilligen sollten dann in aktualisierten Aufklärungsbögen auf die beobachteten Hirnvenenthrombosen hingewiesen werden. Solche Komplikationen seien vor allem bei Frauen unter 55 Jahren beobachtet worden, sagte Spahn.

Die Europäische Arzneimittelagentur wird einen Warnhinweis für AstraZeneca veröffentlichen, die Impfung aber weiter empfehlen. Bund und Länder haben gemeinsam beschlossen, dass am Freitag wieder mit der Impfung von AstraZeneca gestartet werden kann. https://t.co/N1pQdQjToc

Uns bestätigt die Analyse der EMA in unserem Vorgehen“, sagte Spahn weiter. „Es war richtig, die Impfungen mit Astrazeneca vorsorglich auszusetzen, bis die auffällige Häufung der Fälle dieser sehr seltenen Thombosenart analysiert worden ist.

Ärzte ohne diese Informationen weiterimpfen zu lassen, sei schwer zu verantworten gewesen. Aufklärungsbögen für Ärzte und Patienten sollten ergänzt werden. Mit Wiederaufnahme der Impfungen gelte es nun, die vier seitdem vergangenen Tage aufzuholen.

Cichutek: Nutzen von Astrazeneca-Wirksstoff größer, als Risiken

Der Präsident des für Impfstoffe zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, sagte, eine Prüfung habe ergeben, dass der Nutzen fortgeführter Astrazeneca-Impfungen größer sei als die Risiken.

Die Impfwilligen sollten in Warnhinweisen auf Risiken hingewiesen werden – da gehe es insbesondere um spezifische Symptome, die auf eine Thrombose hinweisen könnten. Es handle sich hierbei um ein „sehr seltenes Ereignis“, sagte Cichutek.

EMA-Chefin: „Würde mich morgen impfen lassen“

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hatte zuvor mitgeteilt, der Corona-Impfstoff von Astrazeneca sei aus ihrer Sicht sicher. Es sei keine Verbindung der Impfung mit der Erhöhung des Risikos von Blutgerinnseln bei Menschen festgestellt worden, erklärte EMA-Direktorin Emer Cooke am Donnerstag in Amsterdam.

Zugleich habe eine Verbindung mit bestimmten Fällen aber auch nicht definitiv ausgeschlossen werden können. Es werde eine extra Warnung vor möglichen seltenen Blutgerinnseln (Thrombosen) in Hirnvenen bei den möglichen Nebenwirkungen aufgenommen. Insgesamt überwiege der Nutzen des Präparates die Risiken, sagte Cooke. Und:

Wenn es nach mir gehen würde, dann würde ich mich morgen impfen lassen.

Ich hätte mir erhofft, dass sie schon etwas mehr dazu sagen können, ob die Thrombosefälle auf den Impfstoff zurückzuführen sind“, sagt SWR-Wissenschaftsredakteur David Beck. Interessant sei auch, dass aus Sicht der EMA die Zahl der Thrombosefälle statistisch nicht erhöht sei. „Das mag für Großbritannien oder ganz Europa gelten“, erinnert Beck. In Deutschland sei sie aber erhöht gewesen. Hier haben laut Medienberichten bislang 13 Menschen Thrombosen erlitten, drei sind gestorben.

Baden-Württemberg impft schon wieder mit Astrazeneca

Die Gesundheitsministerkonferenz am Donnerstagabend habe den Beschluss gefasst, dass die Impfungen mit Astrazeneca schon am Freitag weitergehen sollen. Das teilte das Staatsministerium von Baden-Württemberg am Abend noch mit.

„Das gemeinsame Ziel des Landes und der Impfzentren ist es, möglichst viele Impfungen durchzuführen und einmal gebuchte Termine stattfinden zu lassen“, sagte Gesundheitsminister Manne Lucha.

#BadenWürttemberg hat die Impfzentren darüber informiert, dass Impfungen mit #AstraZeneca ab Freitag, 19. März wieder aufgenommen werden sollen. Damit folgt das Land der neuen Entscheidung der Europäischen Arzneimittelbehörde #EMA. https://t.co/lsfkVVYWTD

Lucha: Termine bis 22. März sollen stattfinden

Das Ministerium habe die Impfzentren darum gebeten, die Termine, die von Freitag, 19. März, bis einschließlich Montag, 22. März, gebucht waren, soweit möglich stattfinden zu lassen. Bedingung ist, dass die Patienten die Terminbestätigung und die Bescheinigungen über die aktuelle Impfberechtigung zum Termin mitbringen.

„Ich bin sehr froh über diese Entscheidung. Sicherlich hat der Impfstoff von AstraZeneca an Vertrauen eingebüßt. Die genaue Prüfung war aber die richtige Entscheidung. Der Gesundheitsschutz steht an erster Stelle“, sagte Lucha.

„Wir arbeiten nun unter Hochdruck die Warteliste ab, bevor wir die Anmeldesysteme wieder öffnen. Alle bereits gebuchten Termine behalten selbstverständlich ihre Gültigkeit“. Die Zwangspause habe man genutzt, um tausende Menschen mit höchster Priorität auf der Warteliste mit Biontech-Terminen zu versorgen.

Auch Rheinland-Pfalz impft wieder mit Astrazeneca

Auch Rheinland-Pfalz ist am Freitagvormittag wieder in die Impfungen mit Astrazeneca eingestiegen. Das hat das rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium mitgeteilt. Bei den schon vergebenen Impfterminen ändert sich nichts. Hier bleibt es bei der Umstellung von Astrazeneca auf die Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Neue Impftermine werden jetzt auch wieder für Astrazeneca vergeben. Bei bestimmten Impfungen zum Beispiel von Klinikpersonal oder Polizisten kommt Astrazeneca schon ab heute wieder zum Einsatz.

Ersatztermin für abgesagte Astrazeneca-Impfungen

Außerdem bekämen diejenigen, deren Termin wegen des Impfstopps für Astrazeneca abgesagt wurde und die deswegen auf der Warteliste stehen, einen Ersatztermin. Sobald diese Termine vergeben seien, werde die zentrale Terminvergabe wieder freigeschaltet.

Lauterbach: EMA-Entscheidung überzeugt

SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach lobte die Entscheidung der Agentur:

(1) Die Entscheidung der EMA zu AstraZeneca überzeugt. Allgemeine Thrombosen sind nicht häufiger als ohne Impfstoff. Die speziellen Thrombosen im Gehirn, SVT mit Hämolyse, sind sehr rar. Auch wenn sie auf Astra Impfstoff zurückgehen sind sie zu selten für Einschränkung.

Die Bundesregierung war am Montag mit einem vorläufigen Stopp einer Empfehlung des Paul-Ehrlich-Instituts gefolgt. Grund waren weitere Meldungen über Hirnvenen-Thrombosen. Es müsse geprüft werden, ob es einen Zusammenhang mit der Verimpfung des Astrazeneca-Vakzins geben könnte.  

SWR3-Faktencheck: Ist die Anti-Baby-Pille gefährlicher als der Corona-Impfstoff Astrazeneca?

Blutgerinnsel und Thrombosen nach Impfung mit Astrazeneca?

Was ziemlich erschreckend klingt, relativiert sich ein wenig, wenn man sich die Zahlen genauer ansieht:

Bis 10. März hat die EMA EU-weit 30 Fälle von „thromboembolischen Ereignissen“ nach einer Impfung mit dem Astrazeneca-Impfstoff registriert. Fünf Millionen Menschen waren bis dahin mit dem Mittel schon geimpft worden. Das entspricht einer Quote von 0,000006 – falls der Zusammenhang überhaupt besteht: Am vergangenen Freitag teilte die EMA mit, sie habe keinen Hinweis darauf gefunden.

Zusätzlich gab es Berichte über 41 mögliche Anaphylaxie-Fälle, also allergische Schocks, unter fünf Millionen Impflingen in Großbritannien, erklärte die EMA (Stand 12. März 2021) – laut Experten eine seltene, aber keine unbekannte Nebenwirkung bei Impfstoffen. Bei dem von Biontech/Pfizer steht sie bereits im Beipackzettel.

Mehrere Länder setzten Astrazeneca-Impfungen aus

Als erstes Land hatte Dänemark die Impfungen mit Astrazeneca ausgesetzt. Die Behörden in Kopenhagen hatten auf mehrere Fälle von schweren Blutgerinnseln nach Impfungen mit dem Vakzin verwiesen. Es folgten Norwegen, Island sowie die EU-Länder Bulgarien, Irland und am Sonntagabend dann auch die Niederlande.

Österreich, Estland, Lettland, Litauen und Luxemburg setzten die Nutzung von einer bestimmten Astrazeneca-Charge aus, Italien und Rumänien stoppten eine andere Charge.

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