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Die Mehrheit der Deutschen ist für eine Impfpflicht gegen das Coronavirus, sogar 74 Prozent befürworten die Pflicht für bestimmte Berufsgruppen. Argumente gibt es aber für beide Seiten.

Die Umfrageergebnisse des Deutschlandtrends heizen die Debatte um denn Sinn einer Impfpflicht weiter an. Die Mehrheit ist dafür, also kommt morgen die Impfpflicht? Ganz so ist es nicht. Die Umfrage soll das Stimmungsbild der Bevölkerung einholen, ist aber natürlich keine basisdemokratische Abstimmung. Nachvollziehbare Argumente gibt es für beide Seiten, wie die Standpunkte von Christopher Jähnert (contra) und Evi Seibert (pro) aus dem SWR-Hauptstadtstudio (weiter unten im Artikel) zeigen. Aber was wurde in der Studie nochmal genau gefragt?

Deutschlandtrend November: deutliche Mehrheit für Impfpflicht

Die ARD hat bei Infratest dimap eine Studie „DeutschlandTREND November“ in Auftrag gegeben, in der verschiedene Aspekte in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie erfragt wurden:

  • Wie groß ist die eigene Sorge, dass sich bestimmte Personengruppen oder man sich selbst mit dem Coronavirus anstecken?
  • Sind die Corona-Maßnahmen angemessen, gehen sie zu weit oder nicht weit genug?
  • Impfpflicht für Personen ab 18 Jahren?
  • Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen (bspw. im Gesundheits- oder Pflegebereich)?

Sorgen in Zusammenhang mit der Corona-Pandemie

Das Ergebnis: Nur etwa ein Viertel der Befragten haben die Sorge, sich selbst mit dem Virus anzustecken. Größer ist die Sorge um ältere Personen (62 Prozent) und Kinder (57 Prozent).

Damit verbunden ist auch der Wunsch, die aktuellen Maßnahmen nicht weiter zu lockern. Erstmals seit Juni 2021 sagen nur noch etwas weniger als die Hälfte der Befragten, sie seien mit den Maßnahmen zufrieden. Dafür gewinnt die Meinung, sie würden nicht weit genug gehen, dazu.

Impfpflicht ab 18 Jahren oder für bestimmte Berufsgruppen

57 Prozent der Befragten sind für eine Impfpflicht für Personen über 18 Jahren. Für bestimmte Berufsgruppen ist die Zustimmung noch größer: 3/4 der Personen würden eine Impfpflicht befürworten. Das beträfe zum Beispiel Pflegekräfte.
Der Gedanke dahinter: Wer viel mit besonders vulnerablen Personengruppen zu tun hat, sollte diese nicht weiter gefährden.

Statements für und gegen die Impfpflicht

Impfpflicht ja bitte oder nein danke? Das sagen Christopher Jähnert und Evi Seibert aus dem SWR-Hauptstadtstudio dazu:

Christopher Jähnert

Man kennt das doch. Wer Menschen zu etwas zwingen will, erntet oft was? Genau: Trotz. Übrigens hat genau das kürzlich auch eine Untersuchung ergeben. Die Forscher sagen: Trotz gehört zu den Hauptgründen, warum sich Menschen nicht impfen lassen wollen. Eine Impfpflicht würde nur dazu führen, dass die Fronten noch mehr verhärten. Die Menschen sollen der Impfung vertrauen – und nicht glauben, dass ihnen da irgendwas auf „Teufel komm raus“ eingeflößt werden soll. Das sähe dann so aus, als würden der Politik die Argumente ausgehen.

Dabei gibt es viele Argumente, sich impfen zu lassen! Die Impfung ist gut. Sie schützt uns vor einer potenziell gefährlichen Krankheit. Und nicht nur uns selbst – sondern auch andere. Zur Wahrheit gehört dann aber auch: Wer sich ohne Pflicht nicht impfen lassen will, muss die Konsequenzen tragen. Weil es einfach auch nicht geht, dass Pflegerinnen und Pfleger alte und schwache Menschen gefährden. Oder Kinder. Also: Lieber Argumente statt Impfpflicht! Das bringt uns weiter.

Evi Seibert

Mein Arzt hat mir denselben Tipp gegeben wie letztes Jahr: Demnächst möglichst keinen Unfall zu bauen. Warum? Weil die Intensivstationen bald wieder voll sind. Wer einen Unfall, einen Schlaganfall oder sonst was unvorhergesehenes erleidet, landet vielleicht auf dem Klinikflur – weil die Stationen voll sind mit Corona-Patienten. Und zwar hauptsächlich ungeimpften Corona-Patienten. Und weil von denen viele relativ jung sind, bleiben sie auch ziemlich lange auf Intensiv – weil sei nämlich nicht so schnell sterben, wie die älteren. So hart sagen das die Ärzte. Und  damit zum nächsten Argument.

Es geht nicht nur darum, sich unfair der Gesellschaft gegenüber zu verhalten, wenn man sich nicht impft. Es geht auch darum, dass es unlogisch ist. Ich will mich nicht impfen lassen, weil ich um eine Gesundheit fürchte – sterbe aber unter Umständen lieber an Corona? Oder habe schlimme Langzeitfolgen? Ist das gesünder? Wo ist da die Logik? Bei 37.000 Neuinfektionen an einem Tag kann sich jeder ausrechnen, wann er oder sie dran ist. Kann gut gehen – kann aber auch auf dem Friedhof enden.

Dazu kommt: Ich bin sehr froh, in einer Gesellschaft zu leben, die nicht auf dem Recht des Stärkeren aufgebaut ist, sondern die Schwachen schützt. Wenn sie ihren Job verlieren, zum Beispiel. Bei Corona bedeutet das, dass wir die mitschützen, die sich nicht impfen lassen können. Dazu gehören nicht nur sehr viele Kranke, sondern zurzeit auch unsere Kinder.

Die Menschen haben immer neue Dinge erfunden und der Wissenschaft vertraut. Würden wir es nicht tun, gäbe es uns heute nicht mehr, weil sich zum Beispiel niemand gegen Pocken hätte impfen lassen und die Menschheit ausgestorben wäre. Diesmal sterben unter Umständen die Impfgegner aus. Freiwillig – muss man dazu sagen.

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