STAND
AUTOR/IN
Ferdinand Vögele
Ferdinand Vögele (Foto: SWR3)

„Steh doch einfach wieder auf und mach was“, ist ein Satz, den Menschen, die an Long Covid leiden, nicht mehr hören können. Denn so einfach ist es nicht. Wir haben mit einem 36-jährigen Freiburger gesprochen, der durch die Krankheit sein altes Leben verloren hat.

Das leichte Zittern in den Beinen ist da. Die Hand geht nur langsam zur Klinke – denn sie ist schwer, die Eingangstür des Altbaus. Doch heute will es Johannes Geffert schaffen. Er zieht an der Tür und dann steht er da, in der milden Herbstsonne, mitten in der Freiburger Wiehre. Es ist ein schöner Tag. Auch für ihn – und kein selbstverständlicher. Doch erst jetzt beginnt der schwierige Teil: die 150 Meter zum kleinen Park an der Ecke und zurück. Der 36-Jährige fasst ans Geländer für die drei letzten Stufen bis zum Gehweg und läuft los.

Was nach einer vollkommen normalen Szene klingt, ist für den jungen Mann eine Strapaze – körperlich und mental. Denn er weiß nicht, ob sein Körper ihn den kurzen Spaziergang am nächsten Tag übel nimmt. Johannes Geffert leidet am Post-Covid-Syndrom und selbst kleinste Belastungen fallen ihm schwer.

Long Covid: Der 36-jährige Johannes möchte sein Leben zurück„Steh doch einfach wieder auf und mach was“, ist ein Satz, den Menschen, die an Long Covid leiden, nicht mehr hören können. Denn so ist es nicht. Wir haben mit einem 36-Jährigen Freiburger gesprochen, der durch die Krankheit sein altes Leben verloren hat.Posted by SWR3 on Wednesday, November 30, 2022

Long Covid: Johannes leidet an Chronischem Fatigue-Syndrom

Seine Corona-Infektion Mitte Februar ist die erste und verläuft für den dreifach-geimpften sehr mild. Ein bisschen Schnupfen, das wars. Schon nach einer Woche arbeitet er wieder von zu Hause aus.
Doch nach drei Wochen geht plötzlich gar nichts mehr. Nach einer Videokonferenz am Vormittag bricht er seinen Arbeitstag ab und legt sich ins Bett. Seither ist er dort kaum noch herausgekommen.

Es hat sich angefühlt, als ob sechs Säcke Sand auf mir drauf liegen.

Schnell merkt er, dass liegen und ausruhen nicht reichen, dass sein Körper mehr braucht. Doch die Abgeschlagenheit, die Müdig- und Mattigkeit gehen nicht mehr weg.

Davor war das Leben von Johannes ein anderes. Er war sehr aktiv, ging dreimal in der Woche zum Sport, wanderte und reiste mit seiner Freundin Nadine durch die Welt, fuhr zu ihr mit dem Fahrrad nach Herdern. Dieses Leben gibt es nicht mehr. „Da wurde ich komplett rausgerissen. Das Leben, das ich jetzt habe, ist anders“, sagt Johannes mit Tränen in den Augen.

Langzeitfolgen einer Corona-Infektion Long Covid? Alle Infos über Symptome, Langzeitfolgen & Vorerkrankungen

Wenn man sich Wochen nach einer überstandenen Corona-Infektion immer noch krank fühlt, könnte es Long Covid sein. Was ist Long Covid überhaupt und kann es behandelt werden?

Die Vormittagsshow SWR3

Johannes Leben mit Post Covid: Zwischen guten Tagen und Crashs

Das ist auch bei Johannes so. Sein neues Leben unterteilt sich grob in zwei Phasen und spielt sich größtenteils in den wenigen Quadratmetern des Zimmers in der WG ab. An guten Tagen schafft er es, sich unten in der Küche selbst was zum Essen zu machen. Vielleicht ist auch noch ein kurzer Spaziergang zum Park drin. Und dann gibt es die Crashs, wenn sich sein Körper für diese kleinsten Belastungen wieder rächt. „Das fühlt sich an wie eine Grippe, ein Jetlag und einem Kater in einem“. Dann sei er sehr stark eingeschränkt.

Man ist auf Hilfe einfach angewiesen. Wenn ich einen Crash hab', kann ich gar nichts.

Johannes dokumentiert die guten und schlechten Tage in einem Diagramm. Es gibt da die Spitzen nach oben – aber auch sehr viele nach unten. Und das zieht sich jetzt schon seit März so hin. Eine richtige Besserung ist noch nicht erkennbar.

Im Video: Rommy ist 45 und leidet an Long Covid. Die Krankheit hat ihr Leben zu großen Teilen kaputtgemacht. Sie kann nicht mehr tanzen, fährt nicht mehr mit der Familie in Urlaub. Jetzt will sie sich mit einer Reha-Therapie ins Leben zurückkämpfen.

Auch manche Ärzte nehmen Long- und Post Covid-Patienten nicht immer ernst

Für Johannes war eine Reha-Therapie bisher nicht möglich. Ihm fehlt schlicht die Kraft, ein solches Programm zu absolvieren. Immer wieder hatte er stattdessen mit den Crashs zu kämpfen. Einmal war es sogar so schlimm, dass er zusammen mit Nadine in die Notaufnahme gefahren ist. Doch dort hat man ihn nicht ernst genommen.

Die haben mich allerdings auch nach diesen Routineuntersuchungen wieder heimgeschickt, weil sie nichts für mich tun konnten“, sagt Johannes. „Mit dem Argument, dass er sich vielleicht einfach ein bisschen mehr motivieren müsse“, ergänzt Freundin Nadine. Das sei für sie als Partnerin ein Schlag ins Gesicht gewesen. Mehr noch: Für die beiden sei es die Erkenntnis gewesen, dass sie gerade keine Hilfe erwarten können.

Für mich als Partnerin – und ich kenne ihn ja – war das wie ein Schlag ins Gesicht. Weil ich so dachte Herr, das kann ja wohl nicht sein, dass das jetzt darauf geschoben wird, dass die Motivation fehlt.

News-Ticker zum Coronavirus 253 anerkannte Impfschäden in Deutschland bisher

Wir sind im dritten Winter der Corona-Pandemie. Wie gut ist Deutschland gerüstet? Alle Infos dazu hier!

Gibt es alternative Ansätze bei der Behandlung von Long Covid?

Die beiden beginnen im Internet nach Antworten zu suchen. Sie finden Selbsthilfegruppen und stellen fest, dass viele andere Long- und Post-Covid-Betroffene ähnliches berichten: Davon, dass sie nicht ernst genommen werden und sich von Medizin und Politik häufig alleingelassen fühlen.

Johannes und Nadine beginnen, nach alternativen Heilungsverfahren zu suchen. Im Nordschwarzwald finden sie eine Klinik, in der Johannes eine sogenannte Hyperthermie-Therapie durchführen kann. Dabei wird der Körper mit Infrarotlicht erwärmt – wie bei einem Fieber. Das soll Virenreste aus dem Körper spülen. Besserung bringt das für Johannes aber direkt nicht, sagt er.

Long- und Post Covid: Hilft die Blutwäsche?

Die beiden suchen weiter und stoßen schließlich auf die Immunadsorption, einer Art Blutwäsche. Auto-Antikörper, die sich gegen das eigene Immunsystem richten und die auch bei Johannes festgestellt wurden, sollen so herausgefiltert werden. Doch die Methode ist ungenau und filtert auch nützliche Antikörper aus dem Blut – deswegen ist die Methode umstritten. Aussagekräftige Studien, wie viel die Therapie bringt, fehlen ebenfalls.

Internist Winfried Kern fordert deshalb aussagekräftige vergleichende Studien mit Kontrollgruppen: „Hört sich gut an, [es] gibt wohl viele positive Berichte, aber wissenschaftlich ist es nicht bewiesen.“

Long-Covid-Patient: Man lernt das Leben neu zu schätzen

Ob die Blutwäsche ihm genutzt hat, kann Johannes noch nicht sagen. Zusammen mit Freundin Nadine sind sie aber fest entschlossen weiter zu kämpfen. Die Zeit der Krankheit hat das Paar zusammengeschweißt und auch ihren Blick auf das Leben verändert: „Im Leben davor hechelt man von einer Sache zur nächsten oder geht mal hier kochen mit Freunden und danach hier noch ins Kino“, sagt Johannes. „Und jetzt ist es eher dieses bewusste Genießen, dass wir gestern Abend zusammen gekocht haben. Und das war einfach schön.“ Kraft und Zuversicht liegen in den Worten und die sind im Dachgeschosszimmer jetzt ganz deutlich zu spüren.
Nadine ergänzt, dass sie das Gefühl habe, dass sie beide aus der Situation sehr viel lernen. „Wenn wir das durchstehen, [...] dann kann nichts mehr kommen“, sagt sie. Johannes streichelt Nadine sanft und lächelt.

Meistgelesen

  1. Öko-Test warnt vor diesen Zahncremes „Unverantwortlich“: Mit diesen Pasten schrubben Kinder Gift in den Mund

    Was machen Kinder beim Zähneputzen, vor allem, wenn sie noch ungeübt sind? Sie schlucken kleine Mengen an Zahnpasta. Bei einigen Produkten ist das richtig riskant, sagt Öko-Test. Was ist das Problem?

  2. Wie kam die da rein? „Hallo Polizei, ich hab die falsche Frau im Bett!“ 🛌

    Kann ja mal passieren: Du kommst nach Hause und da liegt in deinem Bett eine absolut fremde Frau. Da rufst du besser die Polizei! Nicht.

  3. Saarbrücken

    SWR3 Tatort-Kritik „Die Kälte der Erde“ Der Tatort aus Saarbrücken ist absolut packend!

    Ablehnung gegenüber der Polizei. Wut, Hass, Schläge. Bei den Ermittlungen in der Hooliganszene wirken die Kommissare besonders echt. Dennoch gibt es Vertrauensprobleme.

  4. Bad Mergentheim

    Horror-Tat in Bad Mergentheim Rentnerin von Fahrrad gestoßen: 14-Jähriger wegen Mordverdacht in U-Haft

    In Bad Mergentheim ist ein Jugendlicher auf eine Rentnerin losgegangen – wohl ohne Grund. Die Frau hat den Angriff nicht überlebt.

  5. Australien: Laster verliert Nuklearkapsel Radioaktive Kapsel ist riesen Gefahr: „Nähern sie sich nicht!“

    In Australien suchen die Behörden nach einer verlorenen Nuklear-Kapsel. Sie hat einen Durchmesser von nur wenigen Millimetern, ist aber wegen ihrer Strahlung hoch gefährlich.

  6. Liveblog: Der Krieg in der Ukraine Scholz: „Haben die Sicherheit Deutschlands immer im Blick“

    Russland versucht weiter, die Ukraine einzunehmen. Der Krieg hat auch Auswirkungen auf Europa und die ganze Welt. Alle Infos dazu.