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AUTOR/IN
Jessica Brandt
Jessica Brandt (Foto: SWR3)
INTERVIEW
Stefan Hoyer

Seit der Coronapandemie gibt es einen Pflegenotstand. Das stimmt nicht, sagt Ricardo Lange, selbst Intensivpfleger. Der Notstand besteht, laut ihm, schon viel länger. Was sich in der Pflege ändern sollte und wie Ricardo Lange mit dem Druck auf den Social Media Plattformen umgeht, darüber hat er mit SWR3-Moderator Stefan Hoyer gesprochen.

Am 3. Juli 2022 war Ricardo Lange bei Anne Will und hat Gesundheitsminister Karl Lauterbach mit seinen Fragen konfrontiert. Insbesondere der Personalmangel in den Krankenhäusern sowie die Corona-Regelungen waren dort Thema. Sein Tweet zu der Sendung hat ihm einen Shitstorm eingehandelt, mit dem er erstmal zurechtkommen musste. Nachdem er den Auftritt und den Shitstorm verdaut hatte, war er nun bei uns im SWR3-Interview und reflektierte dort nicht nur den Auftritt bei Anne Will, sondern auch die Tage danach. Was in der Anne Will-Sendung noch besprochen wurde, erfahrt ihr hier:

Wo Ricardo Lange Recht hat und wo nicht Warum Grundrechte einschränken ohne Daten?

Klartext von Pfleger Ricardo Lange: Selbst Lauterbach tue nichts, um mehr Personal in die Pflege zu geben. Hat er Recht?  mehr...

Obwohl ihn sehr viele negative Reaktionen nach der Sendung erreicht haben, würde er alles genau so noch einmal sagen, so Ricardo Lange in unserem Interview, das ihr euch in voller Länge hier anschauen könnt:

Sowohl aus dem Kollegenkreis als auch von Außenstehenden hatte Ricardo Lange die unterschiedlichsten Vorwürfe erhalten. Ihm wurde vorgeworfen, er sei selbst ein Maßnahmen-Leugner. Doch das sieht er anders:

Es ist mittlerweile so, dass man gewisse Themen anspricht, zum Beispiel Impfung oder Grundrechte. Dann wird man sofort wieder in die rechte Querdenkerszene gedrängt. Aber ich finde einfach, wir müssen in dieser Gesellschaft über alles sprechen dürfen. Wenn wir es zulassen, dass bestimmte Interessensgruppen Themen für sich vereinnahmen, dann ist für uns die Meinungsfreiheit deutlich eingeschränkt.

Nach diesen Vorwürfen ging es Ricardo Lange schlecht: Er verlor kurzzeitig Gewicht und spielte sogar mit dem Gedanken, seinen Job zu beenden. Doch der Sport und das positive Feedback, das er auch erhielt, halfen ihm, sich abzureagieren und neue Kraft daraus zu schöpfen.

Arbeitsbelastung in der Intensivpflege

Im Interview ging es jedoch nicht nur um die Sendung bei Anne Will. Vielmehr ging es um die aktuelle Situation und die Arbeitsbelastung in der Intensivpflege. Als Leiharbeiter ist Ricardo Lange in unterschiedlichen Krankenhäusern tätig und berichtet, dass es nicht erst seit Ausbruch der Pandemie an Personal mangelte. Das Problem:

Es verstauben Beatmungsgeräte und Betten, weil kein Personal vor Ort ist.

Entwicklung der Intensivstationen deutschlandweit

Die Auslastung der Intensivstationen in Deutschland verändert sich dynamisch. Durch Notfälle und geplante Operationen sind die meisten Intensivstationen bereits zu einem Großteil ausgelastet. Hinzu kommen die COVID-19-Patienten mit und ohne Beatmungsbedarf. Darüber hinaus halten die Krankenhäuser freie, sofort verfügbare Intensivbetten bereit. Rechnet man zu allen Intensivpatienten die freien verfügbaren Betten hinzu, zeigt sich die aktuelle Auslastung und maximale Verfügbarkeit von intensivmedizinischen Betten in Deutschland. Der folgende Chart zeigt auf, wie sich diese Kapazitäten entwickeln:

Gibt es einen Anstieg an Corona-Patienten auf den Intensivstationen, geht nicht die Kurve der freien Betten nach unten, sondern: Die Kurve der Patienten, die nicht auf der Intensivstation liegen wird kleiner. Das heißt, Patienten, die beispielsweise eine geplante Operation in einem Krankenhaus haben, müssen aufgrund des Personalmangels vertröstet werden.

Diese Entwicklung bestätigte Ricardo Lange in unserem Interview. Es führe dazu, dass andere Patienten, die nicht an Corona erkrankt sind, darunter leiden. Beispielsweise seien Krebspatienten in der anfänglichen Phase des Lockdowns aus Sorge vor einer Ansteckung nicht zu ihren Vorsorgeuntersuchungen ins Krankenhaus gegangen. Ebenfalls konnten, so Lange, sie diesen Patienten auch nicht direkt Termine anbieten, da das Personal dafür fehlte.

Ich finde das ganze katastrophal, denn auch diese Patienten haben ein Recht darauf zu leben und diese Menschen haben ein Recht darauf, einen Tumor rechtzeitig erkannt und operiert zu bekommen.

Seine Forderungen sind daher klar: Gesundheit und Leben müsse wieder als eins betrachtet werden. Man dürfe sich nicht nur auf eine Krankheit konzentrieren, sondern müsse das Ganze im Blick behalten. Corona sei ein großes Problem, das stelle er nicht in Frage. Doch es müsse grundsätzlich gewährleistet sein, dass auch andere Krankheiten behandelt werden können.

Mit Blick auf Auswertungen unterschiedlicher Krankenkassen scheint sichtbar: Die Zahl der Krebsdiagnosen sind im ersten Jahr der Pandemie rückläufig gewesen. Doch: Krebserkrankungen sind weiterhin zweithäufigste Todesursache, so ein Bericht der Barmer-Krankenkasse im Juli 2022. Hierbei bezog sich der Bericht der Krankenkasse auf Krebsdiagnosen in Bremen und Niedersachsen.

Personalmangel führt zu wenig Zeit für den Patienten

Neben Patienten, die erst gar nicht im Krankehaus behandelt werden oder nicht zu den Terminen kommen, leiden auch die Patienten im Krankenhaus unter dem Personalmangel. Ob er genügend Zeit für seine Patienten hätte, haben wir Ricardo Lange gefragt. Seine Antwort: Nein. „Im Alltag ist selbst Haarewaschen nicht möglich.“ Das sei vielleicht für Außenstehende nicht so schlimm, doch bei den jetzigen Temperaturen würden sich Patienten sicherlich freuen, auch die Haare regelmäßig gewaschen zu bekommen. Bei Frauen sei es manchmal sogar so, dass die Haare nach mehreren Wochen Krankenhausaufenthalt so verfilzt seien, dass sie abgeschnitten werden müssten. Das sei wohl mehr als ein Zeichen des Personalmangels.

Entlastungsgesetz soll gegen Personalmangel ankämpfen

Das Pflegepersonal-Stärkungsgesetz (PpSG) soll für eine Entlastung des Personalmangels in der Pflege sorgen. Hierbei wird eine Personalbemessung vorgenommen. Das heißt: Auf einer Station werden die Arbeiten in Form von Zeitaufwänden und Tätigkeiten des Personals erhoben, sodass eine Ist-Analyse angefertigt wird. Auf der Webseite des Bundesgesundheitsministeriums lautet der Plan wie folgt:

Um die Personalausstattung in der Pflege im Krankenhaus zu verbessern, wird zukünftig jede zusätzliche und jede aufgestockte Pflegestelle am Bett vollständig von den Kostenträgern refinanziert. Das mit dem Krankenhausstrukturgesetz eingeführte Pflegestellen-Förderprogramm wird damit über das Jahr 2018 hinaus weiterentwickelt und ausgebaut.

Ricardo Lange findet: „Ist eine super Sache, aber wir brauchen mehr Anreize, damit die Leute in den Beruf kommen, darin bleiben und wir mehr Personal haben.“ Ein Problem, das nämlich nicht bedacht werde: Zu wenige Menschen wollen den Beruf erlernen. Auf eine Pflegekraft sollen im Normalfall zwei Intensivpatienten aufgeschlüsselt werden. Doch laut Ricardo Lange seien es oftmals mehr als zwei Patienten, eher drei oder gar fünf Patienten, die eine Pflegekraft versorgen müsse.

Personalmangel in der Pflege

Die Vereinbarkeit von Arbeit und Familie sei in diesem Beruf, aber auch anderen sozialen Berufen äußerst schwer umzusetzen. Nachtschichten und das Arbeiten am Wochenende führen dazu, dass immer weniger junge Menschen den Beruf erlernen wollen. Zudem ist die Belastung enorm hoch, die Wertschätzung hingegen sehr gering.

Man muss den Menschen in dem Beruf zeigen, dass sich (...) in Zukunft was ändern wird.

Daher wünscht sich Ricardo Lange drei Dinge:

  1. Die Gesellschaft müsse wieder zueinanderfinden, statt in Extreme zu flüchten.
  2. Die Politik müsse dafür sorgen, dass im Gesundheitswesen nicht der Profit an erster Stelle stehe, sondern der Patient.
  3. Zudem wünscht er sich, dass die Ausbildungsberufe mehr Anerkennung erfahren:

Wenn wir alle akademisiert sind, wer schneidet uns dann die Haare oder kassiert uns im Supermarkt ab?

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