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Mario Demuth
Mario Demuth (Foto: SWR3, privat)

Jugendliche haben in der Corona-Krise teilweise ein schlechtes Image zugeschrieben bekommen. Zu Unrecht, wie eine neue Jugendstudie zeigt. Doch für einige verschärft die Pandemie bereits vorhandene Probleme.

Junge Menschen als Pandemie-Treiber, die rücksichtslos Party machen, weil sie nicht zur Risikogruppe gehören. Dieses Bild wird immer mal wieder in Diskussionen gezeichnet. Doch: Es ist falsch. Das zeigt die repräsentative Studie „Junge Deutsche 2021“. Dazu wurden 1.602 Jugendliche und junge Erwachsene zwischen Mitte Oktober und Mitte November befragt.

Verzicht auf Partys und Maske tragen ist für viele ok

Die große Mehrheit der Befragten zeigt sich demnach in der Corona-Krise rücksichtsvoll und lässt sich nicht aus der Bahn werfen. Zwei Drittel (66 Prozent) geben an, zurzeit bewusst auf Partys zu verzichten, um Familie und Freunde zu schützen. 73 Prozent halten es für wichtig, sich an Abstands- und Hygieneregeln zu halten und Masken zu tragen. Nur wenige wollen nicht auf Partys verzichten (8 Prozent) oder lehnen Masken ab (4 Prozent). Aber: Ein Drittel der 14- bis 39-Jährigen sieht die Situation negativer und blickt mit Sorgen auf die eigene Zukunft.

Wer eher weniger Rücksicht nehmen will

Interessant ist auch, dass gut ein Viertel der Befragten beim Thema Rücksichtnahme nicht unbedingt mitmachen möchte. Nach Angaben der Forscher, die die Studie betreuen, sind das mehrheitlich junge Männer, aber nicht ausschließlich. Dieses Viertel hat demnach eher ein niedriges Bildungsniveau, lebt eher in Klein- als in Großstädten und kommt häufiger aus schwierigeren Familienverhältnissen.

Die Corona-Krise mache ihre Probleme noch deutlicher. Diese jungen Menschen würden sich jetzt noch weiter abgehängt sehen als vorher, heißt es in der Studie. Das betreffe die Bereiche Schule, Beruf, Finanzen und die persönlichen Perspektiven.

Forscher: Corona reißt Gesellschaft weiter auseinander

Corona verstärke ihre Sorgen, so der Sozialforscher und Mitautor der Studie, Klaus Hurrelmann. Nationalistische und autoritäre Positionen könnten dann einen ganz anderen Reiz haben. „Im Grunde wird diese Gruppe jetzt noch einmal weiter weggedrückt von der Mehrheit, weil sich ihre Perspektiven verschlechtern“, sagte Hurrelmann. „Die Generation Corona – das sind sie.“

Die Umfrageergebnisse zeigen aber auch: Die Mehrheit der jungen Menschen in Deutschland kommt mit der Krise zurecht.

„Ungefähr drei Viertel der jungen Leute fühlen sich in unserer Gesellschaft wohl und spielen gern bei ihren Regeln mit.“

Viele sind flexibel und anpassungsfähig, wenn es um die Umstellung auf Homeschooling oder Home-Office geht. Gut ein Fünftel gibt an, sich in der aktuellen Situation sogar wohler zu fühlen als vorher.

So tickt die junge Generation: Verlässlichkeit war gestern

Dafür hat Sozialforscher Hurrelmann auch eine Erklärung: Viele junge Leute seien heute Krisen-Diagnostiker. Mit dem Klimawandel würden sie bereits eine kritische und schwierige Zeit wahrnehmen, in der man sich diszipliniert verhalten müsse. Junge Menschen wüssten heute, dass sie sich auf nichts verlassen können. „Das ist eingepreist in ihr Lebenskonzept“, erklärte Hurrelmann. Ausnahme ist hier der Sozialstaat. Viele würden den Abfederungen, die er bietet, vertrauen.

Klappt es auch nach Corona mit einem guten Job?

Und noch eins zeigt die Studie: Vor allem für die Jüngeren bedeutet die Corona-Krise wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Forscher gehen davon aus, dass die, die jetzt in der Ausbildung sind, es später schwerer haben werden, einen guten Job zu finden. Mehr als ein Drittel (37 Prozent) der unter 25-Jährigen gab bei der Umfrage an, dass sich ihre schulische oder berufliche Situation bereits verschlechtert habe. Bei den Älteren bis 39 Jahre sagte das nur ein Viertel.

Das steckt hinter der Studie

Das Studien- und Beteiligungsprojekt „Junge Deutsche“ wird durch Studien- und Themenpartnerschaften mit Unternehmen und Verbänden, Schulen und Hochschulen sowie Städten und Gemeinden finanziert.

Volkswirt: Ausbildungen sind „absolut sichere Investition“

Der Volkswirt Prof. Dr. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz erklärt, dass man nicht pauschal sagen könne, dass die Jugend als Gewinner oder Verlierer aus der Corona-Krise hervorgeht. Wie sie mit der Corona-Krise umgehen, hinge vor allem mit dem Bildungshintergrund und Umfeld, in dem Jugendliche aufwachsen, zusammen. Die Jugend stehe vor vielen Herausforderungen, privat wie beruflich. Ausbildungen – ob an der Uni oder klassische Berufsausbildungen – sind aber auf jeden Fall eine „absolut sichere Investition“, ist sich der Volkswirt sicher.

Jugendliche bei der Ausbildung (Symbolbild) (Foto: IMAGO, imago images / Science Photo Library)

Nachrichten Corona-Perspektiven für Junge - Prof. Dr. Stefan Sell, Volkswirt HS Koblenz

Dauer

Der Volkswirt Prof. Dr. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz erklärt, welche Herausforderungen bei der Berufsausbildung auf die Jugend zukommen und welche Perspektiven es gibt.

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