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Egal ob mit dem Auto, dem Fahrrad oder als Anwohnerin oder Anwohner: Straßenverkehr ist meistens laut, langsam und lästig. Doch angeblich gibt es eine Lösung für den Verkehr innerorts: das Tempolimit von 30 km/h. Stimmt das? Wir machen den Faktencheck.

Verkehrswende in Paris: 30 ist das neue 50

Während immer wieder diskutiert und vielerorts eine Verkehrswende geplant wird, ist Paris jetzt vorgeprescht und hat das Tempolimit in der Hauptstadt von 50 auf 30 km/h gesenkt. Eigentlich war das erst 2022 geplant, nun wurde die Verkehrswende überraschend früher umgesetzt.

Spanien ist schon seit Mitte Mai 2021 dabei: Dort gilt fast überall innerorts Tempo 30. Nur bleibt die Frage: Was bringt das wirklich? Wir machen den Faktencheck.

Jürgen Resch, der Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe sagte Mitte Mai 2021 zu diesen Thema:

Immer mehr Länder gehen voran und beweisen, dass Tempo 30 innerorts nicht nur die Zahl und Schwere der Verkehrsunfälle reduziert, sondern auch die Lärmbelastung senkt, die Luftqualität verbessert und die Lebensqualität erhöht.

Mehr Lebensqualität, besserer Verkehrsfluss, weniger Unfälle und weniger Lärm – da würden die wenigsten 'Nein' sagen. Mit der näher rückenden Bundestagswahl nimmt die Diskussion wieder Fahrt auf, auch weil die World Health Organisation (WHO) Tempo 30 innerorts auf weltweiter Ebene befürwortet.

Ist Tempo 30 besser für Luft und Klima?

Wenn wir Auto fahren, verursachen wir Abgase. Diese Abgase enthalten unter anderem Kohlenstoffdioxid, Stickstoff, Kohlenstoffmonoxid, Stickoxide und Kohlenwasserstoffe. Die sind schlecht für die Umwelt und auch für uns Menschen. Das gleiche gilt für Feinstaub. Der entsteht einerseits durch den Motor beim Fahren, aber auch durch den Abrieb wenn wir bremsen oder wenn sich die Reifen abnutzen. Langsamer fahren spart Treibstoff und es gibt weniger Feinstaub. Das wurde für Autobahnen bereits berechnet. Aber diese Ergebnisse sind nicht einfach auf Städte und Ortschaften übertragbar, denn Innerorts ist die Situation komplizierter. Unter anderem wegen der Ampeln, Fußgänger und abbiegenden Autos.

Tempolimit: Was bringt Tempo 30 innerorts? (Foto: SWR3)

Viele Untersuchungen beschäftigen sich mit der Frage, was Tempo 30 für das Klima und die Luftqualität bedeutet. Die Ergebnisse sind aber nicht eindeutig: Bei einigen Untersuchungen schneidet Tempo 50 besser ab, bei anderen Tempo 30. Langsamer fahren reduziert zum Beispiel den Ausstoß von Stickoxid-Emissionen. Aber keine so große Rolle spielt die Geschwindigkeit dafür, wie viel Kohlenmonoxid und Wasserstoff ausgestoßen wird. Die größere Rolle spielt hier, wie oft und wie stark die Fahrerinnen und Fahrer bremsen und beschleunigen müssen. Untersuchungen für Feinstaub kommen ebenfalls zu teilweise unterschiedlichen Ergebnissen: Der Fahrverlauf und der Straßenbelag scheinen hier eine größere Rolle zu spielen als das Tempo.

Klimaschonend Autofahren? Der Verkehrsfluss ist entscheidend

Eine pauschale Aussage, dass Tempo 30 besser für das Klima und die Luft ist, lässt sich so nicht treffen. Ergebnisse einzelner Städte lassen sich nicht einfach auf andere Ortschaften übertragen und die Umstände sind zu unterschiedlich. In einer Untersuchung von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg heißt es ganz passend:

Tempo 30 oder 40 auf Hauptverkehrsstraßen führt nicht zwangsläufig zu einer Verminderung der Fahrzeugemissionen und damit zu einer Verbesserung der Luftqualität.

Dafür gibt es einen Grund: der Verkehrsfluss. Vereinfacht gesagt: Wenn alle gleichmäßig Tempo 50 fahren und der Verkehr gut fließt, kann das besser sein als ständiges Bremsen und Anfahren bei Tempo 30. Ziel ist also nicht langsam zu fahren, sondern besser mit gleichbleibender Geschwindigkeit, also wenig Stop-and-Go. Zu diesem Schluss kommt auch eine Untersuchung der Bundesanstalt für Straßenwesen:

Dies bedeutet, dass das Ziel einer Verkehrsberuhigung nicht nur die Geschwindigkeitsreduktion sein sollte, sondern gleichermaßen eine Verstetigung des Geschwindigkeitsverlaufs über längere Strecken beinhalten muss.

Das heißt, dass man nicht einfach ein paar Schilder aufhängt, alle fahren langsamer und gut ist. Die Verkehrsführung muss ebenfalls angepasst werden, etwa die Ampeln. Wenn nämlich die Schaltung auf Tempo 50 ausgelegt ist, haben die Fahrerinnen und Fahrer mit Tempo 30 häufiger Rot, müssen bremsen, wieder anfahren und verursachen dadurch mehr Emissionen.

Ein weiterer Aspekt, der die Wirkung eines Tempolimits beeinflusst, ist das Auto an sich: Bei einigen Automodellen funktionieren die Abgasfilter erst optimal bei Geschwindigkeiten über 30 km/h. Andere Autos sind so gebaut, dass sie bei langsamem Tempo mehr Sprit verbrauchen, zumindest bei langen Strecken. Das sieht für Hybrid- oder E-Autos natürlich wieder anders aus. Dazu kommt auch der individuelle Fahrstil, etwa wie lange man im ersten Gang fährt oder ob man auf Umdrehungszahlen achtet.

Gegen Luftverschmutzung kann Tempo 30 demnach nur bedingt helfen. Das Auto, die Fahrweise, die Ampelschaltung, Straßenführung, der Straßenbelag, all das spielt eine Rolle, sodass der Nutzen vom Tempolimit schwanken kann. Bei der Diskussion geht es aber nicht nur um Klima und Luftqualität. Viele Autofahrerinnen und Autofahrer kennen beispielsweise auch den Frust, wenn man im Stau steht und nicht vorankommt. Wird das mit Tempo 30 noch nerviger?

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Tempo 30: Komme ich mit dem Auto langsamer an mein Ziel?

Jürgen Resch hat in seiner Aussage auch den Punkt Lebensqualität genannt. Was genau er damit meint, ist schwer zu definieren. Neben Lärm, Luft und Sicherheit gehört wahrscheinlich auch die Zeit dazu, die man braucht, um an sein Ziel zu kommen. Lebensqualität kann also auch heißen: weniger Zeit im Auto zu verbringen.

Wenn man 30 km/h fährt, braucht man natürlich grundsätzlich länger um ans Ziel zu kommen als bei Tempo 50. Nämlich fast doppelt so lang – zumindest rein rechnerisch. In der Realität fahren wir aber nicht konstant mit einer Geschwindigkeit, sondern werden mal langsamer oder müssen anhalten und warten. Tatsächlich liegt die Durchschnittsgeschwindigkeit in einer größeren deutschen Stadt, oder auch Paris, zur Hauptverkehrszeit zwischen 17 und 28 km/h. In solchen Szenarien hätte Tempo 30 keinen Einfluss auf die Fahrzeit. Entscheidender ist auch hier, dass der Verkehrsfluss gewährleistet werden kann. Das betrifft weitgehend größere Städte, auf dem Land sehen die Gegebenheiten wiederum ganz anders aus. Es fahren weniger Busse und Bahnen, viele Menschen sind auf das Auto angewiesen.

Doch ein Aspekt betrifft auch Menschen in kleineren Ortschaften, durch die viel befahrene Straßen führen: Die Verkehrsverlagerung, wenn es sich auf der Hauptstraße staut. Auf dieses Problem hat unter anderem der ADAC aufmerksam gemacht: Was passiert denn, wenn auf den Hauptstraßen überall Tempo 30 gilt? Nehmen die Autofahrerinnen und Autofahrer dann nicht häufiger die Abkürzung durch Wohngebiete, weil dort weniger Verkehr ist und sie glauben, dort schneller durchzukommen? Das wiederum ist dann gefährlicher für Menschen, die zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sind – so zumindest die Argumentation. Dass es aber wirklich zu dieser Verlagerung des Verkehrs kommt, ist allerdings nicht belegbar. Welche Rolle spielt Tempo 30 beim Thema Sicherheit?

Gibt es mit Tempo 30 weniger Unfälle?

Dazu gibt es schon gute Erfahrungen. 1983 hat Buxtehude als erste Stadt in einem Modellversuch Tempo 30 in der Innenstadt eingerichtet, damit es weniger Unfälle gibt. Mit Erfolg: Es hat deutlich weniger gekracht und Unfälle mit schwerem Personenschaden haben um 19 Prozent abgenommen. In einer britischen Studie wurde über 20 Jahre lang gemessen, wie sich die Unfallzahlen nach der Einführung von Zonen mit 20 mph (entspricht etwa 30 km/h) verändert haben. Laut dieser Statistiken haben sich die Verkehrsunfälle um fast 42 Prozent verringert. Andere Untersuchungen aus Großbritannien und der Schweiz zeigen ebenfalls, dass die Zahlen von Unfällen und Verletzten abnehmen.

Ob bei Tempo 50 oder bei Tempo 30 – wenn man als Fußgänger von einem Auto erfasst wird, kann das immer fatale Folgen haben. Trotzdem ist der Unterschied in der Geschwindigkeit bedeutend, wie die Berechnung aus Reaktionszeit und Bremsweg zeigt: Wenn ein Kind vor ein Auto läuft, dann benötigt das Auto bei Tempo 50 von der Reaktion der fahrenden Person bis zum stehenden Auto 27,7 Meter. Bei Tempo 30 sind es nur 13,3 Meter. Diese wenigen Meter können über Leben und Tod entscheiden. Wer langsamer fährt, hat außerdem ein breiteres Sichtfeld und kann Gefahren früher erkennen. Und wenn es zum Unfall kommt, ist die Wucht geringer als bei höherer Geschwindigkeit. Die Gefahren durch Unfälle nehmen also ab. Wie sieht es aber mit der Geräuschkulisse an viel befahrenen Straßen aus?

Tempolimit: Was bringt Tempo 30 innerorts? (Foto: SWR3)

Hilft Tempo 30 gegen Lärm?

Lärm ist nicht nur ein lästiges Ärgernis, sondern ein echtes Problem mit teils schweren gesundheitlichen Folgen. Gerade der Lärm durch den Straßenverkehr ist für viele Menschen besonders belastend. Fahrende Autos verursachen Lärm von 60 bis 90 Dezibel. Zum Vergleich: Ein Presslufthammer hat etwa zwischen 90 und 110 Dezibel.

Tempolimit: Was bringt Tempo 30 innerorts? (Foto: SWR3)

Je langsamer ein Auto fährt, desto weniger Reibung entsteht zwischen Reifen und Asphalt und damit auch weniger Lärm. Bei geringen Geschwindigkeiten sind die Unterschiede allerdings weniger groß als bei hohem Tempo, wie zum Beispiel auf der Autobahn. Trotzdem gibt es messbare Unterschiede zwischen Tempo 30 und Tempo 50, nämlich gut vier Dezibel. Das klingt wenig, aber wir Menschen können schon einen Unterschied von einem Dezibel wahrnehmen. Bei Tempo 30 schwankt der Lärmpegel weniger und schlägt weniger hoch aus. Also: Ja, der Lärm nimmt ab. Das liegt daran, dass die Fahrgeräusche vor allem bei starker Beschleunigung entstehen und das ist bei Tempo 30 weniger ausgeprägt als bei Tempo 50.

Fazit: Wie sinnvoll ist Tempo 30 innerorts?

Bessere Luft, weniger Lärm, mehr Sicherheit und höhere Lebensqualität – das waren die Punkte von Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe.

Für das Klima und die Luftqualität und damit auch in Bezug auf den Ausstoß von Abgasen hat Tempo 30 allerdings nur einen geringen Effekt. Um einen Unterschied zu machen, muss vor allem der Verkehrsfluss für Tempo 30 gewährleistet sein. Dann kann bei Tempo 30 der Ausstoß von Emissionen verringert werden, wenn auch nur geringfügig. Im Gegenzug kann ein gut geplantes Straßennetz, bei dem alle mit Tempo 50 fahren und wenig bremsen und wieder beschleunigen müssen, deutlich besser sein in Bezug Luftverschmutzung als Tempo 30 mit ständigem Stop & Go.

Der Straßenverkehr wird sicherer, wenn wir langsamer fahren. Wir können besser auf kritische Situationen reagieren und die Folgen der Unfälle sind weniger schwer. Das zeigen auch Studien und Erfahrungen aus anderen Ländern.

Auch der Lärm wird durch ein Tempolimit reduziert, ist aber natürlich noch vorhanden. Für die Menschen, die an viel befahrenen Straßen leben, kann das Tempolimit trotzdem einen merklichen Unterschied machen.

Ob Tempo 30 innerorts tatsächlich funktioniert und die gewünschten Effekte erzielt, hängt in vielerlei Hinsicht von einem Faktor ab: Von uns, den Menschen am Steuer, und ob wir uns an das Tempolimit halten.

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