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Die Sicherheit der Impfstoffe ist ein Dauerbrenner, bei so vielen Meldungen kann man schnell den Überblick verlieren. Was ist also der Stand der Dinge in Sachen Kinder-Impfungen gegen Corona?

Verunsicherung bei der Impfung gegen Corona für Jugendliche

Der Kampf gegen das Corona-Virus geht in eine neue Runde, eine neue Bevölkerungsgruppe rückt in den Fokus: Jugendliche zwischen 12 und 15 Jahren. Aber sollten Kinder in diesem Alter sich wirklich so schnell wie möglich impfen lassen? Was ist der Nutzen, was das Risiko der Impfung? Ist der Impfstoff für Jugendliche wirklich sicher?

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Kinder oder Jugendliche – um wen geht es genau?

„Kinder“ ist in diesem Zusammenhang etwas unpräzise. Die Impfung ist nicht für alle Kinder zugelassen, sondern für die 12- bis 15-Jährigen, also für die jüngeren Jugendlichen. Außerdem gilt das nicht für alle Corona-Impfstoffe, sondern nur den Impfstoff von Biontech.

Ob der Impfstoff für Kinder geeignet ist, muss geprüft werden. Dafür ist die Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA) zuständig. Deren Ergebnis: Der Impfstoff von Biontech sei sicher. Die EU-Kommission hat anschließend die Zulassung für Kinder ab 12 Jahren für die EU und damit auch für Deutschland erteilt.

Das heißt aber nicht, dass die Impfung auch allen Jugendlichen empfohlen wird. Für eine solche Empfehlung ist in Deutschland die Ständige Impfkommission zuständig. Sie arbeitet unabhängig von der Politik und ist bei der Kinder-Impfung skeptisch. Dafür gibt es gute Gründe:

Impfstoffe sind für Gesunde und nicht für Kranke. Wem mutet man das Risiko einer Nebenwirkung, einer Komplikation zu? Denn er ist ja eigentlich gesund. Daher haben wir neben der Zulassung, beziehungsweise als nächsten Schritt nach der Zulassung, die Frage der Empfehlung.

Der Vorsitzende von der STIKO, Thomas Mertens, hat dazu gesagt: „Den Kindern bietet man ja kein Lakritzbonbon an, sondern es ist ein medizinischer Eingriff und der muss entsprechend indiziert sein.“ Am 04. Juni hat Mertens schon mal vorgewarnt, dass die STIKO höchstwahrscheinlich keine Impfempfehlung für alle Jugendlichen ausspricht, sondern in erster Linie für Kids mit Vorerkrankungen. Aber: Jugendliche können auch ohne eine Empfehlung geimpft werden, wenn sie selbst, ihre Eltern und ihre Ärztinnen oder Ärzte das sinnvoll finden.

Gibt es mehr Impfstoff für Jugendliche?

Für die 12- bis 15-Jährigen wird es keine zusätzlichen Impfstoff-Lieferungen geben. Sie können sich – wie alle anderen auch – registrieren und um einen Impftermin bemühen. Bis die Jugendlichen an ihre Impfung kommen, kann das also ganz schön dauern. Immerhin hat Gesundheitsminister Jens Spahn das Ziel gesetzt, dass bis Ende August allen ein Impfangebot gemacht werden soll.

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Strafen für Impfverweigerer? Wir checken die Gerüchte

Zu diesem Thema gibt es ein angebliches Schreiben des Bundesministeriums für Gesundheit. Da steht fett in rot drauf: „Nur zur internen Verwendung.“ Dabei soll es sich um ein „Diskussionspapier zu Maßnahmen gegen Erziehungsberechtigte“ handeln.

In dem Schreiben ist von Strafen für Eltern und Erziehungsberechtigte die Rede, die eine Impfung für ihre Kinder ablehnen. Eltern sollen dem Schreiben nach sogar die Kinder weggenommen werden.

Unsere Kolleginnen und Kollegen von Mimikama hat dieses Schreiben genauer unter die Lupe genommen und herausgefunden: Es handelt sich um eine Fälschung. Unter anderem ist der Name des Ausschusses, der das Papier angeblich erlassen hat, falsch. Das Datum, an dem das Thema in einer Sitzung besprochen worden sein soll, ist auch falsch, weder Bundestag noch Bundesrat haben an diesem Tag Sitzungen abgehalten.
Das Schreiben ist voller Fehler und Ungenauigkeiten, inhaltlich wie grammatikalisch. Aktenzeichen, Ansprechpartner und Ort sind nicht vermerkt, die sind aber auf solchen Dokumenten immer vermerkt. Und der rote Schriftzug müsste ein Wasserzeichen sein. Mimikama hat außerdem das Bundesministerium für Gesundheit kontaktiert und um eine Stellungnahme gebeten. Dort wurde bestätigt: Es ist ein Fake.

Auch auf der Internetseite des Bundesministeriums für Gesundheit wird deutlich gesagt: Die Impfung gegen das Coronavirus ist freiwillig. Gesundheitsminister Jens Spahn hat betont, dass es sich bei der Impfung um eine „gemeinsame, individuelle Entscheidung“ von den Eltern, ihren Kindern und deren Ärztinnen oder Ärzten handelt.

Impfen ohne Zustimmung der Eltern?

Jakob Maske, Bundespressesprecher vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, hat gesagt: „Wenn mir ein 14-Jähriger klar erklären kann, warum er geimpft werden will und das Thema auch versteht, dann ist eine Impfung ohne Einwilligung der Eltern möglich“. Und tatsächlich gibt es hier keine klaren gesetzlichen Regelungen. Am besten treffe man diese Entscheidung gemeinsam, betont Jakob Maske.

Ist der Impfstoff für Kinder sicher?

Die EU-Zulassung basiert auf einer Studie aus den USA, für die 2.260 Kinder untersucht wurden. Etwa die Hälfte hat den Impfstoff bekommen, die andere Hälfte ein Placebo. Jeweils sieben Tage nach der Impfung haben die Teilnehmenden dann Impfreaktionen notiert. Das Ergebnis: Laut der Studie wirkt der Impfstoff bei Kindern zu 100%. Labortests haben die eine sehr gute Wirksamkeit bestätigt. Die Nebenwirkungen waren vergleichsweise selten, wie auch heftige Impfreaktionen. Am häufigsten waren die Klassiker: Schmerzen an der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen und Fieber.

Aber: Es fehlen die Langzeiterfahrungen. Das ist auch ein wesentlicher Kritikpunkt der STIKO. Wie auch die Teilnehmerzahl, die ist recht klein und damit wenig repräsentativ. Das sagt auch die EMA. Die betont aber trotzdem, dass die Vorteile der Impfung größer seien als die Risiken. Die STIKO hat aber kritisiert, dass mit einer so kleinen Studie keine belastbaren Aussagen zur Sicherheit gemacht werden können.

Zum Vergleich: Bei den Erwachsenen-Studien waren es rund 43.500 Versuchspersonen. Und immerhin 1,3 Prozent von den rund 1.100 in der Studie geimpften Kinder haben schwere Reaktionen gezeigt.

Ein wichtiger Punkt ist ist die Entwicklung von Jugendlichen: Bei jungen Menschen ab 12 Jahren verändert sich noch einiges im Körper. Die Organe funktionieren beispielsweise anders als bei Erwachsenen, Rezeptoren werden gebildet und das Gehirn entwickelt sich noch. Welche Auswirkung ein neuer Impfstoff auf einen jungen Menschen hat, kann man noch nicht sagen.

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Ist die Impfung für Jugendliche sinnvoll?

Bei dem Verhältnis von Vorteilen und Risiken der Impfung für Jugendliche gehen die Meinungen auseinander, denn Gesunde haben ein geringes Risiko, dass eine Covid-Infektion schwer verläuft. Auch Folgen wie Post-Covid oder Long-Covid sind deutlich seltener als bei Erwachsenen. Wichtig sind Vorerkrankungen, wenn es um die Frage geht, wie sinnvoll die Impfung ist:

Wir haben Todesfälle, auch bei Kindern und Jugendlichen, aber die sind um ein Vielfaches seltener als sie es bei Erwachsenen sind. (...) Wir sind etwa bei 11 Todesfällen. Wenn man das vergleicht mit den 80 bis 90.000 Todesfällen bei Erwachsenen, dann merkt man: Da ist ein ganz krasser Unterschied. Und das heißt, die Impfung muss für Jugendliche besonders sicher sein, damit ich nicht am Ende mehr Schaden anrichte als ich nutze.

Was ist mit der Herdenimmunität?

Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass 70 bis 80 Prozent der Bevölkerung geimpft sein müssen, damit in Deutschland eine Herdenimmunität, erreicht wird. Wenn die Jugendlichen nicht geimpft werden, ist das fast nicht zu schaffen, weil dann ca. 90 Prozent aller Erwachsenen geimpft sein müssten. Dazu sind aber nicht alle bereit.

Dazu kommt der Faktor, dass die Jugendlichen nicht mehr in Quarantäne gehen oder sich ständig testen müssten, wenn sie geimpft sind. Das gilt auch für Jugendliche mit Familienangehörigen, die ein geschwächtes Immunsystem haben. Die Impfung kann für solche Personen eine enorme Erleichterung im Alltag sein. Die Rückkehr zur Normalität ist ein wichtiger Aspekt, der eng mit der psychischen Gesundheit junger Menschen und auch derer Familien verknüpft ist. Eine Impfung soll und darf aber keine Voraussetzung für ein normalen Leben sein. Davor warnen Wissenschaftler*innen ausdrücklich.

Wenn wir uns mal angucken: Worunter leiden denn die Kinder und Jugendlichen am meisten in der momentanen Situation, dann ist das nicht Covid, sondern das ist eher Long-Lockdown, will ich mal sagen. Die Kinder leiden am meisten unter den Regeln, die wir aufstellen mussten, um die Pandemie in Schach zu halten.

In den USA und Kanada werden seit Mai 2021 Jugendliche geimpft. Auch in diesen Ländern ist die Herdenimmunität ein Argument. Der Impfstoff gilt als sicher und wird uneingeschränkt empfohlen. Auch weil man sehr gute Erfahrungen mit der Impfung von älteren Jugendlichen im Alter ab 16 Jahren gemacht hat: Die Daten und Erfahrungen von diesen Impfungen sehen Wissenschaftler*innen deshalb als Ergänzung zu der Zulassungsstudie, die eben sehr klein war.

Fazit: Risiko oder Nutzen?

Die EMA hält den Impfstoff von Biontech für sicher. In den USA und Kanada wird er schon bei Jugendlichen eingesetzt. Eine Studie aus den USA kommt auf 100% Wirksamkeit bei Kindern. Aber es ist nicht klar, wie sich der neuartige Impfstoff auf den Organismus und die Entwicklung von Jugendlichen auswirkt. Auch Langzeiterfahrungen fehlen, um Risiken und Nutzen besser abwägen zu können. Die STIKO empfiehlt die Impfung nur für Kinder mit Vorerkrankungen, nicht aber für gesunde Kinder, weil hier das Nutzen-Risiko-Verhältnis nicht so groß wie bei Erwachsenen ist.

Für die Herdenimmunität hilft es, wenn Jugendliche geimpft werden, auch wenn das nicht das Hauptargument sein sollte. Sicherheit und der eigene, individuelle Nutzen ist wichtiger.

Ob Jugendliche sich impfen lassen, bleibt eine individuelle Entscheidung, die wird am besten von den Jugendlichen selbst, aber gemeinsam mit Eltern und Ärztinnen oder Ärzten getroffen werden sollte. Denn die Impfung ist ein Angebot, ausdrücklich kein Muss.

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