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Was sagen die Fakten zu Fleischkonsum, Ausstoß von CO₂ und Methan, zu Gülle und zur Abholzung des Regenwaldes? Wir machen für euch den Faktencheck!

Fleisch essen wird für immer mehr Menschen zur Gewissensfrage. Unter anderem wegen des Klimawandels: Die Hälfte des weltweit vom Menschen ausgestoßenen Kohlendioxids soll laut einer Studie aus der Nutztierhaltung stammen. Demnach ernähren sich Vegetarier und vor allem Veganer deutlich klimabewusster. Stimmt das wirklich?

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Tierhaltung, Treibhaus-Gase und Fleischkonsum

CO₂ und Methan haben als die entscheidenden Treibhaus-Gase einen großen Einfluss auf unser Klima. Je mehr davon produziert wird, desto mehr gelangt in die Atmosphäre und es wird wärmer. Die Atmosphäre ist die Glocke über uns. Welche Belege gibt es aber dafür, dass der Fleischkonsum unser Klima beeinflusst?

Weltweit werden unter anderem laut Statistischem Bundesamt Milliarden Nutztiere gehalten: Etwa 26 Milliarden Hühner, etwa 1,5 Milliarden Rinder und jeweils etwa Milliarden Schafe, Enten, Ziegen und Schweine. Einige Statistiken gehen von noch mehr Tieren aus. Nicht alle Nutztiere werden für unseren Fleischkonsum gezüchtet. Aber: 90 Prozent aller Säugetiere auf der Welt leben, um geschlachtet zu werden. Das hat die National Academy of Sciences in den USA erfasst. Diese Tiere benötigen Platz und sie müssen ernährt werden. Eine Studie des Umweltbundesamts zeigt: Von der kompletten Fläche auf unserem Planeten, die für die Produktion von Nahrungsmitteln verwendet werden, entfallen 80 Prozent auf die Tierhaltung. Entweder weil die Tiere dort gehalten werden oder weil ihr Futter angebaut wird.

So viel Wasser braucht ein Kilo Rindfleisch

Die Nutztiere müssen über einen langen Zeitraum viel Futter zu sich nehmen, bevor sie geschlachtet werden. Das Futter landet quasi bei den Tieren statt auf unseren Tellern. Fast die gesamte Energie des Futters, nämlich 97 Prozent, geht zu den Tieren. An einem konkreten Beispiel: Für ein Kilo Rindfleisch, das am Ende auf unserem Teller landet, verbraucht eine Kuh bis zu 25 Kilogramm Getreide und 25.000 Liter Wasser. Das wären zig Mahlzeiten für eine ganze Großfamilie.

Faktencheck: Ist Fleischessen eine Klimasünde? (Foto: SWR3)

Früher wurde zudem deutlich weniger Fleisch gegessen. Der Konsum von Fleisch stieg von 1950 bis 1985 um mehr als das Doppelte. Seitdem ist er mehr oder weniger konstant und liegt bei rund 60 Kilogramm pro Kopf und Jahr. Unser Fleischkonsum ist also immens und auch wenn er in Deutschland stagniert, entspricht das nicht der globalen Entwicklung – weltweit steigt er.

Faktencheck: Ist Fleisch essen eine Klimasünde? (Foto: SWR3)

Wie hoch ist der CO₂-Ausstoß durch Fleischkonsum?

Ein Beispiel: Ein Kilogramm Rindfleisch verursacht 14 Kilogramm CO₂. Das entspricht etwa einer 100 Kilometer langen Autofahrt. Geflügelfleisch liegt bei 3,5 Kilogramm CO₂, also deutlich weniger. Aber nicht nur Fleisch schlägt auf die Klimabilanz, zu den tierischen Produkten gehört beispielsweise auch Butter: Ein Kilogramm davon verursacht 24 Kilogramm CO₂. Ein Kilogramm Käse etwa 8 Kilogramm CO₂. Das ergibt sich unter anderem aus der Verarbeitung und der Kühlung, die sich bei den verschiedenen Lebensmitteln unterscheiden.

Baden-Baden

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Deutsche oder spanische Tomaten: Klima-Faktor Herkunftsland

Der Ursprungsort eines Lebensmittels ist zentral für dessen Klimabilanz. Das betrifft aber nicht nur tierische Produkte, sondern auch Obst und Gemüse. Das Beispiel Tomate: Kommen sie aus Spanien im Winter, also aus einem beheizten Gewächshaus, verursacht ein Kilogramm Tomaten bis zu 9 Kilogramm CO₂. Die Zahlen schwanken allerdings, je nach Berechnungsgrundlage. Ein Kilogramm regionale Tomaten im Sommer liegen bei 0,3 Kilogramm, also erheblich weniger. Faktoren wie Transportweg und Kühlung spielen eine wichtige Rolle und machen den Vergleich kompliziert.

Faktencheck: Ist Fleischessen eine Klimasünde? (Foto: SWR3)

Vegetarisch ist nicht notwendigerweise besser als Fleisch zu konsumieren. Es hängt davon ab, wo die Dinge produziert werden. Wenn ich eine Ananas aus Hawaii esse, ist es vielleicht schlechter was die Klimabilanz angeht, als wenn ich einen Rehbraten aus Deutschland zu mir nehme.

Laut Latif ist es wichtig, die Lieferketten zu betrachten, denn nur dann kann man bewerten, wie groß der ökologische Fußabdruck ist, den man durch die eigene Ernährung hinterlässt. Und da gilt vereinfacht Faustregel: Je weiter der Weg – desto schlechter für’s Klima.

Der Regenwald wird auch für Fleisch gerodet

Nutztiere brauchen jede Menge Platz. Einerseits Lebensraum und andererseits Anbauflächen für das Futter. Weil Ackerland rar ist, werden häufig Wälder gerodet, meistens Regenwälder. Der Regenwald bindet immens viel CO₂, Ackerflächen deutlich weniger. Das Roden von Wäldern ist demnach schlecht fürs Klima.

In Brasilien wurden innerhalb eines einzigen Jahres mehr als 11.000 Quadratkilometer Regenwald gerodet. Das entspricht einer Fläche fast so groß wie Schleswig-Holstein oder viermal so groß wie das Saarland. Die Fläche ist sogar aus dem Weltall sichtbar. Die brasilianische Weltraumbehörde hat das aufgrund von Satellitenbildern ausgewertet. Offen bleibt allerdings die Frage: Werden diese Flächen komplett für die Tierhaltung, den Anbau von Tierfutter oder für andere Zwecke, wie etwa Palmöl-Plantagen, verwendet.

Nutztiere produzieren tonnenweise Gülle und die muss irgendwo hin. Meistens wird sie als Dünger auf den Felder eingesetzt, was einen schlechten Einfluss auf das Grundwasser hat. Vor allem wird aber CO₂ freigesetzt. Zwischen Deutschland und den Niederlanden fahren Laster hin und her, randvoll nur mit den Ausscheidungen der Tiere. Es gibt sogar einen richtigen Güllemarkt.

Wie hoch konkret der CO₂-Ausstoß ist, der mit dem allgemeinen Fleischkonsum zusammenhängt, ist deshalb nicht zweifelsfrei zu beweisen. Fakt ist aber, dass die Produktion von Fleisch im Durchschnitt deutlich mehr CO₂ verursacht als die von Gemüse.

Was hat das Treibhaus-Gas Methan damit zu tun?

Methan ist im Zusammenhang mit dem Klimawandel ähnlich bedeutsam wie CO₂. Es bleibt zwar kürzer in der Erdatmosphäre als Kohlendioxid – laut Chemikern ist es aber 25-mal schädlicher für das Klima. Tiere scheiden Methan in Massen aus, vor allem Wiederkäuer wie Kühe, Schafe und Ziegen.

Weil Kühe und Schafe relativ viel rülpsen und pupsen, gelangt sehr viel Methan in die Umwelt. Bis zu 500 Liter Methan stößt eine einzelne Kuh an einem einzigen Tag aus. Das sind mehr als 200 Luftballons pro Tag. Die Wissensplattform Geo hat ausgerechnet: Das CO₂, das ein Mittelklassewagen mit einer Jahresleistung von 18.000 Kilometern im Jahr ausstößt, hat die gleiche Wirkung wie das Methan, das eine Kuh produziert.

Experten gehen davon aus, dass der Methanverbrauch weiter steigen wird, denn weltweit steigt auch die Nachfrage an tierischen Produkten. Das betrifft nicht nur Fleisch, sondern auch Milchprodukte. Der Methan-Ausstoß ist und bleibt also ein echtes Klima-Problem.

Welchen Anteil hat Fleisch am Klimawandel?

Dazu gibt es zahlreiche Untersuchungen – mit unterschiedlichen Ergebnissen, die alle sehr komplex sind. Denn Nutztierhaltung ist nicht gleichbedeutend mit Fleischkonsum. Eier, Milch, Schafwolle und so weiter spielen in diesem Zusammenhang ebenfalls eine Rolle. Um das korrekt einschätzen zu können, müssten diese Aspekte getrennt untersucht und ausgerechnet werden. Das machen aber nicht alle Studien.

Kritiker von Fleischkonsum zitieren gerne eine Studie des Worldwatch Institute. Die besagt, dass die Hälfte aller Treibhaus-Emissionen durch Nutztierhaltung entsteht. Diese Zahl ist aber ein Mythos, denn die Studie ist methodisch nicht sauber aufgebaut. Hier wurden beim Fleischkonsum kleinste Zulieferer mit eingerechnet, aber bei den anderen Treibhausgas-Verursachern, wie dem Verkehr beispielsweise, viel unbeachtet gelassen. Etwa der CO₂-Verbrauch, der bei der Straßensanierung entsteht. Das heißt: Die Zahl aus der Studie ist viel zu hoch gegriffen.

Heute sind sich die Experten weitgehend einig, die meisten Studien – etwa die der Vereinten Nationen – kommen auf einen Anteil von 15 Prozent. Das bedeutet, dass etwa 15 Prozent aller vom Menschen verursachten Treibhausgase auf das Konto der Tierhaltung gehen, inklusive der Kühlung des Fleisches, des Transports und so weiter.

Aber diese Zahlen beziehen sich auf die Nutztierhaltung insgesamt – also auch auf tierischer Produkte wie Milch oder Eier. Wie hoch der Anteil des Fleisches genau ist, wurde nicht untersucht. Wir haben keine Studien exakt zu dieser Frage gefunden. Die Vermutung liegt allerdings nah, dass der Anteil nicht wesentlich geringer sein wird, denn fast alle Tiere werden am Ende gegessen. Bleibt die Frage nach der Einordnung.

15 Prozent der Treibhausgas-Emissionen – ist das viel?

Also 15 Prozent ist die gleiche Größenordnung wie die Emission, die durch den weltweiten Verkehr entstehen. Insofern ist schon signifikant, was durch den Fleischkonsum an Treibhausgasen in die Atmosphäre emittiert wird.

Das Umweltbundesamt hat übrigens die Klimabilanz von Pflanzen und Tieren miteinander verglichen und in diesem Zusammenhang einen Blick auf den Konsum von Rindfleisch geworfen. Dabei stellte sich heraus, dass ein Veggie-Burger 90 Prozent weniger Treibhausgase verursacht als ein Rindfleisch-Burger.

Fazit: Zerstört Fleischessen unseren Planeten?

Die konkreten Auswirkungen von Fleisch auf das Klima sind deutlich: Bei der Produktion entstehen sehr viel CO₂ und Methan, beides Treibhausgase mit einem großen Einfluss auf unser Klima. Trotzdem stammt die Hälfte von dem CO₂, das wir Menschen weltweit ausstoßen, definitiv nicht aus der Nutztierhaltung. Diese Aussage ist zu hoch, schlicht falsch und stammt aus einer mangelhaften Studie. Pauschal eine Aussage zu treffen, dass Fleisch klimaschädlicher ist als Obst oder Gemüse, wäre gefährlich, weil auch die Herkunft der Nahrungsmittel ein entscheidender Faktor ist.

Fleisch hat einen deutlichen negativen Einfluss auf das Klima. Wer sich klimabewusst ernähren möchte, aber nicht auf Fleisch verzichten will, kann schon viel bewirken, indem man es seltener – etwa bei besonderen Anlässen – und dann vom Bauern um die Ecke bezieht anstatt Angus-Rind aus Argentinien im Supermarkt zu kaufen. Das gilt auch für Obst und Gemüse, was zur jeweiligen Jahreszeit bei uns angebaut wurde, statt beispielsweise Erdbeeren im Winter. Regional und saisonal sind hier die wichtigen Schlagwörter. Also ungefähr so, wie es unsere Urgroßeltern gemacht haben.

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