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AUTOR/IN
Anne Westphal
ONLINEFASSUNG
Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

Unkompliziert einen schnellen Flirt oder den Partner fürs Leben finden – das versprechen uns Dating-Apps wie Tinder. Will Tinder wirklich, dass wir uns verlieben? Oder manipuliert uns die App nur zum Endlos-Swipen?

Während der Corona-Pandemie waren noch mehr Menschen im Online-Dating aktiv. Der Zugang zu Dating-Apps wie Tinder ist einfach: herunterladen und schon kann es losgehen. Dir werden Menschen in deiner Nähe angezeigt, swipe nach links, wenn’s nix für dich ist und nach rechts, wenn du die Person gut findest. Haben beide nach rechts gewischt, könnt ihr euch schreiben. Im vergangenen Jahr waren 6,6 Millionen User auf Tinder aktiv, mit einem starken Zuwachs während der Lockdowns.

Sex, Liebe und Unterhaltung: Wer nutzt Tinder warum?

Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom hat fast jede zweite Person, die Online-Dating-Dienste genutzt hat, dort schon mal einen festen Partner oder Partnerin gefunden – oder einen erotischen Kontakt. Das wirft die Frage auf: Was suchen Leute beim Online-Dating und speziell auf Tinder?

Faktencheck: Manipuliert uns Tinder? (Foto: SWR3)

Eine Studie aus dem Jahr 2017 hat sechs Motive für die Nutzung genauer untersucht:

  • Schnellen Sex
  • Freundschaft
  • Beziehung
  • Reisen
  • Selbstvalidierung (also einen Ego-Boost)
  • Unterhaltung

Die Forschenden haben sich genau angeschaut, wer Tinder wofür nutzt. Dabei kamen sie zu interessanten Ergebnissen: Männer erhoffen sich mit Tinder eher Casual Sex, also zwanglosen Gelegenheitssex, Beziehungen und Reisen – also zum Beispiel während einer Reise in einer fremden Stadt Menschen kennenlernen. Frauen suchen eher Freundschaften und Selbstbestätigung. Dabei fällt auch auf: Je selbstbewusster eine Person ist, desto ehrlicher über sich selbst ist sie in ihrem Profil. Menschen mit einem geringeren Selbstbewusstsein verstellen und verbiegen sich offenbar auf der Suche nach Anerkennung.

Eine andere Studie zeigt: Das Verhalten von Männern und Frauen auf Tinder ist nicht gleich. Männer vergeben mehr Likes als Frauen. Männer vergeben demnach erst einmal relativ willkürlich Likes und wählen dann aus, welches ihrer Matches sie tatsächlich anschreiben. Das führt zu einer Art Teufelskreis: Männer sehen, dass sie nicht so viele Matches bekommen und tendieren dann eher dazu, noch mehr Profile zu liken. Frauen sehen, dass sie bei fast jedem Mann ein Match haben und werden dadurch anspruchsvoller. Das wiederum führt dazu, dass Männer weniger Matches haben, sie liken mehr – und so weiter. Die Konsequenz auf beiden Seiten: Frust. Ist dieser Frust sogar gewollt?

Was macht Tinder mit uns?

Das Design von Tinder ist nicht willkürlich, sondern folgt einem psychologischen Prinzip, das auch im Glücksspiel Einsatz findet: Variable Belohnungen, die im Gehirn die Ausschüttung des Hormons Dopamin auslösen. Wenn wir Tinder nutzen, dann erwarten wir auch, dass wir ein Match erhalten. Das ist die grundlegende Funktionsweise der App. Schon die reine Erwartung einer Belohnung, also eines Matches, setzt in unserem Gehirn mehr von dem „Glückshormon“ Dopamin frei, als das Match selbst. Und eine Studie von 2021 sagt: Kaum ist dieser kurzzeitige Dopaminrausch abgeklungen, wollen wir schon wieder weitermachen. Und dann gibt es noch den Zusatz „variabel“: Die Belohnung, also die Matches, sind für die Nutzer nicht erwartbar und vorhersehbar. Das weckt unsere natürliche Neugier. Deshalb spielt der Algorithmus potenzielle Matches nicht alle gleich aus. Wenn dann mal ein Match zustande kommt, ist das Design von Tinder so, dass wir nicht an den Beginn eines neuen, hoffentlich tollen Chatverlaufs geführt werden. Das Design lädt eigentlich eher dazu ein, weiter zu swipen.

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Der „allmächtige“ Tinder-Algorithmus?

Eine wichtige Rolle spielt also auch der Algorithmus. Aber was ist das überhaupt? Einfach gesagt ist ein Algorithmus dazu da, eine Auflistung von Regeln zu befolgen, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Im Fall von Tinder ist das Problem: In welcher Reihenfolge zeige ich einem bestimmten Nutzer oder einer Nutzerin alle theoretisch verfügbaren Profile, so dass er oder sie möglichst viel Zeit mit der App verbringt und sich so mehr Werbung anschaut? Denn Tinder finanziert sich natürlich auch über Werbeeinnahmen.

Tinder hält die Details seines Algorithmus natürlich streng geheim. Einiges lässt sich aber doch zusammentragen. Also: Was wissen wir? Offensichtlich nutzt der Algorithmus mindestens die Infos, die wir Tinder freiwillig geben: In welchem Alter sollen die Leute sein, die uns angezeigt werden? Wie weit sollen sie von mir entfernt sein? Die Software lernt natürlich auch, welche Arten von Fotos wir eher nach links oder nach rechts wischen. Außerdem ist es sehr wahrscheinlich, dass Tinder in einer Datenbank vermerkt, wie viele Likes ein Profil prozentual bekommt – sprich: Wer besonders beliebt ist. Tinder sammelt also vermutlich jede Menge Infos über jedes eigene Profil.

Lange Zeit hat Tinder wohl einen Algorithmus genutzt, der einfach erklärt ungefähr so funktioniert: Person A swipt Person B nach rechts. Damit steigt das Rating von Person B. Aber nicht um einen festen Wert, sondern gewichtet daran, wie viele „Likes“ Person A bisher bekommen hat. Likes von beliebten Personen sind mehr Wert. Hat Person A viele Likes erhalten, steigt das Rating von Person B überproportional stark. Hat Person A wenig Likes erhalten, steigt das Rating von Person B unterproportional stark.

Faktencheck: Manipuliert uns Tinder? (Foto: SWR3)

Dieses System nennt sich ELO-Score und ist gar nicht so neu: Das Rating gibt es beim Schach im Wettkampfbereich schon länger. Tinder sagt, dass der „ELO“-Score mittlerweile nicht mehr verwendet wird. Stattdessen würde man potentielle Matches priorisieren, die regelmäßig in der App aktiv sind und die auch zeitgleich online sind. Auf unsere Anfrage, ob es Einschränkungen im Algorithmus gibt, antwortet das Unternehmen so:

Tinder nutzt eine limitierte Anzahl an Filtern und Präferenzen, da wir Faktoren wie Rasse, Einkommen usw. nicht berücksichtigen, wenn wir Mitglieder auf unsere App zusammenbringen. Mehr als 50 Prozent unserer Mitglieder gehören der Generation Z an, die sich noch am Anfang ihrer Dating-Reise befinden. Daher ziehen wir es vor, die Menschen, die sie auf Tinder begegnen und mit denen sie potenziell gematched werden können, nicht einzuschränken.

Je häufiger wir also auf Tinder aktiv sind, desto bessere und passendere Profile kann uns der Algorithmus anzeigen. Klar, je mehr Input wir ihm liefern, desto besser kann er den Output berechnen. Aber wenn man mal darüber nachdenkt, dann klingt das nicht wirklich danach, als würde Tinder uns wirklich dabei helfen wollen, den Partner oder die Partnerin des Lebens zu finden, sondern uns eher an die App binden wollen.

Wie werde ich auf Tinder beliebter?

Tinder ist ein kommerzieller Anbieter. Und dessen Ziel ist: Profit. Und den macht Tinder eben nicht, wenn wir nach fünf Minuten am Handy einen Partner oder Partnerin gefunden haben. Sondern eher im Gegenteil: Tinder verknappt nicht nur die Matches, es limitiert auch die Anzahl an Likes, die wir vergeben können. Wie das zusammen passt? Wenn wir keine Likes mehr vergeben dürfen, dann sind wir frustriert. Unser Gehirn möchte ja eigentlich immer weiter swipen. Tinder hat dafür eine Lösung: „Premium“-Inhalte und Abo-Modelle, die laut Tinder unsere Chancen auf ein Match erhöhen und eine unbegrenzte Anzahl an zu vergebenen Likes in Aussicht stellen. Ein „Super-Like“ etwa soll für drei mal mehr Matches sorgen, wirbt Tinder auf seiner Website. Inbegriffen sind diese Funktionen unter anderem in zwei der insgesamt drei verschiedene Abo-Modelle. Ein Modell, was auch in der Gaming-Industrie Anwendung findet. Für ein „bisschen“ Geld können wir uns kleine Vorteile kaufen, die uns dann aber noch länger in der App halten. Allein 2020 machte Tinder einen weltweiten Umsatz von 1,4 Milliarden US-Dollar.

Faktencheck: Was macht Tinder mit uns? (Foto: SWR3, Screenshot)
Screenshot

Online-Dating: Match gut – alles gut?

Tinder will uns einerseits also dazu bringen, immer weiter zu machen. Auf der anderen Seite kann es aber auch durch künstliche Verknappung zu Frustration kommen. Eine Studie aus dem Jahr 2020 hat die Auswirkungen von Online-Dating Apps auf das tägliche Leben von Nutzerinnen und Nutzern untersucht. Was hier auffällt: Die Angaben der befragten Personen sind oft widersprüchlich. Grundsätzlich haben die meisten bei der Nutzung von Dating-Apps erstmal eine positive Einstellung, es ist eben ein netter Zeitvertreib, der Spaß macht. Einige Probanden beschreiben auch, dass sie Tinder als Bewältigungsstrategie nutzen, besonders in persönlich schwierigen Situationen wie einer Scheidung, bei Einsamkeit oder bei Selbstzweifeln.

Allerdings führen Dates, die nicht so gut liefen und besonders „Unmatching“, also das Auflösen eines Matches in der App, dann doch zu Traurigkeit, Wut, Unsicherheit und Selbstzweifeln bei den Nutzerinnen und Nutzern. Um davon abzulenken erzählen wir uns demnach dann gerne positive Geschichten. Zum Beispiel: „Meine Cousine hat ihren Partner auf Tinder kennengelernt, die beiden haben dieses Jahr geheiratet!” Und dann beginnen Nutzerinnen und Nutzer an ihrer Präsentation in der App zu arbeiten, sie zu optimieren.

Was Tinder auch mit uns macht: Es kann uns überfordern. Die Forschenden der Uni Flensburg kommen zu dem Schluss: Die Fülle an möglichen Menschen kann uns ziemlich unter Druck setzen. Außerdem können wir das Gefühl bekommen, ständig online sein zu müssen, um kein Match zu verpassen. Das führt dazu, dass einige Nutzerinnen und Nutzer sogar angeben, während eines tatsächlichen Dates weiter zu swipen, oder dass sie nur halbherzig beim Dating dabei sind – zum Beispiel wenn man sowieso Joggen oder einkaufen geht. Das einzelne Date verliert an Bedeutung. Wir sehen: Tinder beeinflusst unseren Alltag nachhaltig, auch wenn wir das vielleicht gar nicht so bewusst mitbekommen.

Wir werden auch ständig zur „Selbstoptimierung“ gezwungen und können oft nur raten, warum wir keinen Like bekommen haben, schreiben die Flensburger Forschenden. Und die Verantwortung dafür, die suchen wir dann oft bei uns selbst. Das kann am Selbstbewusstsein nagen.

Fazit: Was macht Tinder mit uns?

Also: Manipuliert uns Tinder jetzt? Und wenn ja, wie? Klar ist:

  • Tinder ist ein kommerzielles Unternehmen, das daran interessiert ist, die Leute möglichst gut an sich zu binden.
  • Tinder versucht uns so lange wie möglich in der App zu halten – durch Swipen oder der künstliche Verknappung von Matches.
  • Das kann zu Frustration führen oder dem Zwang zur Selbstoptimierung, wie Studien zeigen. Online-Dating kann natürlich auch positive Effekte haben. Nicht zuletzt, wenn man einen Partner oder eine Partnerin findet. Statistisch wird davon aber mehr erzählt als von frustrierenden Erlebnissen.

Die Nutzung von Tinder kann sogar beeinflussen, wie wir unseren Alltag gestalten. Und im Extremfall können Tinder & Co. süchtig machen. Gerade in der grauen Corona-Winter-Zeit. Wenn ihr das Gefühl habt, dass euch das Handy mehr im Griff hat als andersrum, dann lasst das nicht einfach so laufen. Hier findet ihr wichtige Infos und Anlaufstellen.

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