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Philip Wegmann
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Vanessa Valkovic
Vanessa Valkovic (Foto: SWR3)

Warum lieben wir zum Beispiel Männer, Frauen, oder beide? Haben wir selbst einen Einfluss darauf? Wir machen den Faktencheck!

Regenbogen-Fahnen im Sommer 2021: Egal, ob in Stadien, an Gebäuden, in Geschäften, oder auch an Bussen und Bahnen: Die Regenbogen-Fahne als Symbol der LGBTQIA+ Community ist auch ein politisches Statement. Und nicht jeder unterstützt das, wenn Menschen ihre sexuelle Orientierung frei zeigen – oder den Support dafür. Es gibt immer wieder Konflikte rund um sexuelle Orientierung. Auf politischer Ebene, auf gesellschaftlicher – und natürlich auch im persönlichen Umfeld.

Ein Grund dafür ist auch, dass wir gar nicht so genau wissen, wie das eigentlich kommt, dass wir uns zu einem oder mehreren Geschlechtern hingezogen fühlen. Es gibt viele verschiedene sexuelle Orientierungen – wir haben uns beispielhaft die Homosexualität herausgegriffen, um unserer Kern-Frage nachzugehen: Wie entsteht unsere sexuelle Orientierung? Und wie viel Einfluss haben wir selbst darauf?

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Homosexualität: Weltweit vermutlich große Dunkelziffer

Auf der Welt leben mehr als 7,5 Milliarden Menschen. Fünf bis zehn Prozent davon leben laut Expertinnen und Experten ausschließlich homosexuell – sie fühlen sich also zum gleichen Geschlecht hingezogen. Noch nicht mit eingerechnet sind bisexuelle Personen, die sich zum männlichen und zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlen, Menschen, die schon mal sexuelle gleichgeschlechtliche Erfahrungen gesammelt haben und Menschen, die inter- oder transsexuell sind.

Es gibt außerdem Menschen, die sich selbst in anonymen Fragebögen nicht zu ihrer sexuellen Orientierung bekennen wollen oder können. Diese werden in Studien, die Zahlen zu diesem Thema erheben, demnach auch nicht erfasst. Gründe dafür können sein: Religion, Wertevorstellungen, Normen, Angst, Ekel oder einfach eine Abneigung. Bekannt ist demnach nur ein Bruchteil aller Menschen mit homosexueller Orientierung – die „Dunkelziffer“ ist größer.

Verschiedene sexuelle Orientierungen sind historisch gesehen schon lange Teil der Menschheit. Homosexualität beispielsweise ist schon seit Jahrtausenden ein Thema und war in der Gesellschaft auch schon einmal mehr akzeptiert als heute – mehr Informationen dazu gibt es hier. Warum ist es so, dass einige Menschen andere sexuelle Orientierungen haben als andere? Ist unsere sexuelle Orientierung in uns verwurzelt? Oder kommt sie von außen? Und kann ich sie sogar beeinflussen?

Wie entsteht sexuelle Orientierung?

Immer wieder sind Forscherinnen und Forscher aus verschiedenen Fachrichtungen auf interessante Zusammenhänge gestoßen. In einer Studie wurde zum Beispiel herausgefunden, dass schwule Männer häufig ältere und mehrere Brüder haben. Um das genauer zu untersuchen, haben Forscherinnen und Forscher das Blut von rund 150 Frauen untersucht.

Die Unterscheidung wurde dabei so getroffen:

  • Frauen ohne Söhne
  • Frauen mit Söhnen, die alle hetero sind
  • Frauen mit schwulen Söhnen ohne älteren Bruder
  • Frauen mit schwulen Söhnen mit älteren Brüdern

Das Ergebnis: Die Mutter bildet während der Schwangerschaft mit einem Sohn Antikörper zu einem Protein, das die Entwicklung des Gehirns des Jungen beeinflusst. Das Protein heißt NLGN4Y. Während der zweiten Schwangerschaft wirken diese Antikörper und zeigen eine Immunreaktion. Das kann dazu führen, dass Gehirnstrukturen des zweitgeborenen Sohnes verändert werden. Bei den Müttern mit schwulen Söhnen, die also ältere Brüder haben, waren diese Antikörper signifikant stark zu finden.

Wichtig ist, dass es sich hierbei um Beobachtungen handelt, aus denen noch keine eindeutigen Schlüsse gezogen werden können. Aus dieser Studie kann eine Korrelation, also ein Zusammenhang, abgeleitet werden, dass es eine Verbindung zu geben scheint – ein Nachweis, dass die älteren Söhne auch der Grund für die Homosexualität ihrer jüngeren Brüder sind, ist das nicht. Wäre das immer so, wären ja viel mehr jüngere Brüder schwul – und die Homosexualität bei Frauen würde das auch nicht erklären.

Was diese Studie zeigt: Es gibt biologische Faktoren, die mit unserer Sexualität zusammenhängen. Besonders naheliegend wäre es ja, wenn man eine entsprechende DNA-Sequenz zur sexuellen Orientierung finden könnte. Die Wissenschaft hat noch keine endgültige Antwort, wie uns auch Prof. Dr. Udo Rauchfleisch erzählt hat. Er forscht seit Jahren zu den Themen Homo- und Transsexualität.

Bei Homosexualität, bei Bisexualität etwas weniger noch, gibt es zwar eine Reihe von Befunden, es ist ziemlich viel geforscht worden, alles mögliche, ob hormonelle Faktoren schon, intrauterin [innerhalb der Gebärmutter] eine Rolle spielen, ob es genetische Faktoren gibt, die Homosexualitäten bedingen. Eines dürfte klar sein, es gibt einen gewissen hereditären [erblichen] Faktor. Und den gibt es ja für Hetereosexualität auch. Es gibt einige große Studien aus 2018/2019 mit fast 500.000 Versuchspersonen, hetero- wie homosexueller Art. Die sagen am Ende alle das aus, was man sich denken konnte: Es gibt wohl einen gewissen genetischen Faktor, aber es gibt kein Chromosom auf dem man das festmachen kann und es ist ein Zusammenspiel von ganz unterschiedlichen Faktoren. Also im Grunde ist es eigentlich ein Rätsel, wie das entsteht, aber das weiß man von Heterosexualitäten ja auch nicht (...).

Es gibt also einen hereditären Faktor – das bedeutet, Vererbung spielt demnach bei unserer sexuellen Orientierung eine Rolle. Forscherinnen und Fortscher konnten allerdings bisher noch kein Gen finden, dass für die sexuelle Orientierung verantwortlich ist. Wenn nicht final geklärt ist, dass Sexualität rein biologisch-genetisch übertragbar ist, welchen Einfluss hat dann die Umwelt? 

Kann Sexualität anerzogen werden?

Homosexualität kann nicht gelernt werden, kann nicht von außen Leuten nahe gebracht werden und plötzlich merken die: 'Oh ja, das wäre doch eine Möglichkeit, also bin ich mal homosexuell'. Das ist absolut klar, das kann nicht passieren. Es ist eine Tragik, dass oft in Familien, auch bei uns hier, (...) wenn die Kinder sich outen als schwul oder lesbisch, Mütter sich oder uns als Fachleute fragen: 'Hab ich das irgendwie verschuldet, hab ich den Sohn zu stark an mich gebunden?'. Man kann die Eltern immer beruhigen und sagen: 'Das hat überhaupt nichts mit Erziehung zu tun.'

Zur Einordnung: So ein „Verschulden“ der Eltern oder von irgendwem gibt es nicht – sexuelle Orientierung ist immer natürlich. Sie wird nicht „gemacht“ oder „ausgelöst“ und sie kann nicht an- oder aberzogen werden. Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Beleg.

Eine unterdrückte sexuelle Orientierung kann psychische Folgen haben

Es gibt Menschen und Institutionen, die glauben, dass sie zum Beispiel Homosexuelle umerziehen können. Das Ganze versuchen sie in sogenannten therapeutischen Sitzungen und nennen es dann Konversionstherapie. 

Diese „Therapien“ wurden im Deutschen Bundestag verboten. Im Vorfeld gab es dazu Gutachten, in denen es heißt:

Empirisch, sexualwissenschaftlich, soziologisch, psychologisch und medizinisch gibt es keine Hinweise darauf, dass Homosexualität eine Störung oder gar Krankheit ist. Daher haben sich alle relevanten medizinischen und psychologischen Fachgesellschaften seit Langem deutlich gegen eine Pathologisierung [Einordnung als krankhaft] von Homosexualität ausgesprochen. Aus medizinisch-psychotherapeutischer Sicht existiert damit keinerlei Indikation für SOCE [Sexual Orientation Change Efforts: Beeinflussung sexueller Orientierung]

Das Problem ist, dass viele Menschen nicht wissen, dass sexuelle Orientierung quasi unveränderbar ist. Aus dieser Unwissenheit oder auch aus einem Unverständnis heraus kann Abneigung entstehen und daraus dann Diskriminierung. Die Folgen davon sind verheerend. Es gibt im Alltag viele Beispiele, die zeigen, wie nicht-heterosexuelle Menschen diskriminiert werden. In einigen Ländern sind es ganze Gesetze. Dazu kommen noch Anfeindungen auf der Straße, in Stadien, in Song-Texten oder im Internet. Ein weiterer Punkt wird dabei auch oft vergessen: Die Folgen von unterdrückter Sexualität. Die gehen von Depressionen bis Suizid. 

In einigen Ländern werden Menschen mit nicht-heterosexueller Orientierung verfolgt. Auch Konversionstherapien sind in manchen Staaten noch immer erlaubt. Eine Untersuchung aus den USA mit rund 40.000 Jugendlichen hat ergeben, dass die Suizidrate von Jugendlichen mit einer nicht-heterosexuellen Orientierung um mehr als das doppelte steigt, wenn sie Erfahrungen mit einer Konversionstherapie gemacht haben.

Laut einer Umfrage der Technischen Universität (TU) München sind fast sechs Prozent der Mitte 40-jährigen homosexuellen Männer „hidden homosexuals“ – also in diesem Fall schwule Männer, die trotzdem ausschließlich Sex mit einer Frau haben. Diese Umfrage umfasst vier Großstädte in Deutschland (Düsseldorf, Hannover, Heidelberg, München). In ländlichen oder konservativen Orten stellt sich die Lage möglicherweise nochmal anders dar. Dazu kommt die Situation von Homosexuellen oder „Nicht-Heterosexuellen“ in Ländern mit weniger Rechten und Akzeptanz. Udo Rauchfleisch erlebt das selber in seinen Therapien nur allzu häufig:

Was ich tun kann, und das mache ich auch, mit der Person zusammen zu klären: Welche Schritte sind wann möglich und wem gegenüber? Das heißt für manche, die in solch einem Kreis leben, etwa in einer fundamentalistischen Gruppe, dass sie meist brechen müssen mit ihrem gesamten Umfeld. Oder wenn es eine Familie ist, die so strukturiert ist, dass sie eventuell mit ihrer Familie oder mit etlichen Familienmitgliedern brechen müssen. Und wenn vor allem Traumatisierungen schon erlebt worden sind, dann muss natürlich an denen erstmal gearbeitet werden, weil das Vertrauen in andere Menschen damit oft vollkommen zerstört ist – je nachdem wie schwer die Folgen sind.

Deshalb an dieser Stelle auch der Hinweis: Sollte euch dieses Thema betreffen und ihr fühlt euch diskriminiert oder unterdrückt, dann wartet nicht ab, sondern sprecht mit Fachpersonal.

Fazit: Sexuelle Orientierung ist angeboren

Natürlich ist die persönliche Entwicklung einer Person nicht komplett vererbt. Äußere Einflüsse, wie das Umfeld, die Erziehung und die Kultur, spielen in die Entwicklung eines Menschen mit ein. Aber Fakt ist, dass die sexuelle Orientierung – also egal, welche – angeboren ist. Die genauen biologisch-genetischen Mechanismen sind noch nicht final geklärt, aber es gibt deutliche Anhaltspunkte.

Deshalb kann sexuelle Orientierung auch nicht an- oder aberzogen werden. Informationsverbote oder ein gesellschaftliches Bild einer Norm-Familie mit Mutter, Vater, Kind ändern nichts an der eigentlichen sexuellen Orientierung. Was allerdings durch Verbote, Diskriminierungen oder Aussagen von Politikerinnen und Politikern verhindert werden kann, ist zum Beispiel die Akzeptanz in der Gesellschaft. Und genau diese Ablehnung kann dann wiederum zu psychischen Erkrankungen führen.

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