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Patrick Schütz (Foto: SWR3)

Nachdem am Mittwochabend Demonstranten in das US-Kapitol in Washington D.C. eingedrungen sind, wurde in den sozialen Netzwerken behauptet, es handele sich bei den Demonstranten nicht um Anhänger von Donald Trump, sondern um der Antifa-Aktivisten. Stimmt das?

Bei Twitter behauptet eine Userin zum Beispiel, dass dieses Foto der unbestreitbare Beweis dafür sei, dass es nicht die Anhänger von Donald Trump waren, die sich gewaltsam Zutritt zum Kongress verschafft haben. Belege dafür, dass diese Männer tatsächlich Teil der Antifa-Bewegung seien und ihnen nicht nur entfernt ähneln, gibt es jedoch nicht.

Lasst euch nicht täuschen. Trump-Unterstützer sind friedlich. Es war die Antifa, die in den letzten Monaten die Gewalt in unseren Städten angestiftet hat.

Lin Wood auf Twitter
Tweet (Foto: Twitter.com/LLinWood)
Twitter.com/LLinWood

#Antifa – Twitter als Werkzeug der Desinformation

Das Konto der Nutzerin wurde vom Kurznachrichtendienst Twitter inzwischen gesperrt und der Tweet entfernt. Der Tweet dieser Nutzerin ist nicht der einzige, in dem behauptet wird, dass hinter dem Sturm auf das Kapitol die Antifa-Bewegung steckt. Dahinter verbergen sich vielerorts gezielte Strategien der Desinformation – seit Jahren bekannte Mittel der rechten Szene, schreibt der ARD-Faktenfinder.

Während des Sturms auf das Kapitol lief die digitale Propagandamaschine umgehend auf Hochtouren. Das Schlagwort "Antifa" ist bei Twitter in den Trends, obwohl es sich um einen rechtsextremen Umsturzversuch gehandelt hat, weil Trumps Anhängerschaft – auch in Deutschland – den Hashtag massenhaft twittert. 

ARD-Faktenfinder

Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung – Was ist die Antifa?

Als Antifa wird die linksextreme und in Teilen auch gewaltbereite Antifaschistische Aktion bezeichnet, die nach ihrem Selbstverständnis jegliche Form von Neonazismus, Antisemitismus, Rassismus bekämpft und sich gegen die Klassengesellschaft ausspricht. Daher überschneiden sich einige Ideale der Antifa und der Lehre des Kommunismus. Das führt dazu, dass auch einige kommunistische Symbole wie Hammer und Sichel vereinzelt bei Aktivisten der Antifa-Bewegung zu finden sind.

Viele Behauptungen und keine Belege

„Republikaner und Publizisten zitieren nun einen Bericht der Washington Times, die als ultrakonservativ gilt und in der unter anderem der Klimawandel geleugnet wird“, schreibt der ARD-Faktenfinder. „Reporter des Blatts behaupten, zwei Männer vor dem Kapitol als linke Aktivisten identifiziert zu haben. Beweise publizierte die Zeitung nicht“, heißt es weiter.

Viele andere Aufnahmen und Tweets von Demonstranten zeigen Bilder von Menschen die Symbole tragen, die nicht zur Antifa-Bewegung passen und mit deren offiziellen und grundsätzlichen Vorstellungen unvereinbar sind –so auch eine positive Darstellung des Holocaust. Auf dem Foto in diesem Tweet zum Beispiel trägt ein Mann einen Pullover mit der Aufschrift „Camp Auschwitz – Work brings Freedom“ – eine Anspielung auf das NS-Konzentrationslager Auschwitz.

Camp Auschwitz am Pullover. Es ist unfassbar #WashingtonDC https://t.co/SKEKeO5U65

Jemand, der einen Pullover mit „Camp Auschwitz“ trägt, hat sich so weit von Demokratie & Freiheit entfernt, wie es nur geht. Ein Präsident, der sagt, dass er solche rassistischen und faschistischen Terroristen liebt, auch! #Capitol #CapitolHill #US

Trump-Anhänger vor US-Kapitol

Pro-Trump-Fahnen, Mützen, Shirts und Pullover – die Szenen vor dem Kapitol in Washington D.C. erlauben kaum einen Zweifel daran, dass es sich bei den Menschen vor dem Kapitol um die Anhänger des (noch) amtierenden US-Präsidenten Donald Trump handelt.

Wer ist der Mann mit den Kuhhörnern?

Eine Person ist bei den Bildern der gestrigen Unruhen besonders häufig zu sehen. Ein tätowierter Mann mit Kuhhörnern und Tierfellen auf dem Kopf, dazu weiß-rot-blaue Gesichtsbemalung – Jake Angeli. Kein Teil der Antifa-Bewegung, sondern Anhänger von Donald Trump.

@enoobaa @AhmadMansour__ Klar. Antifa. Hier bei Fotos mit Trumps Anwalt. Der Typ heißt Jake Angeli und ist bekannt. https://t.co/rEQRTjRGUi https://t.co/7sm3qLh13k

In den letzen Monaten war er immer wieder auf Demonstrationen von Trump-Anhängern zu sehen.

Ich glaube, dass es wichtig ist, dass der Präsident der USA weiß, dass 'seine Leute' ihn unterstützten [...]. Und ich bin willens aufzustehen und zu sagen: Hey! Ich sehe was du (Donald Trump) gerade durchmachst. Ich unterstütze dich und bin dankbar dafür, dass du deinen Job machst.

Jake Angeli, Interview Mai 2020

Jake Angeli ist Anhänger der QAnon-Bewegung. Zu sehen war der Q-Schamane, wie er sich selbst bezeichnet, auf Pro-Trump Demonstrationen mit Protestschildern mit der Aufschrift "Q sent me".

Darum geht es bei QAnon:

Eine Behauptung der QAnon-Anhänger ist, dass es eine Verschwörung gegen US-Präsident Donald Trump in den tieferen Schichten des US-Regierungsapparats gebe. Außerdem deuten sie oft an, prominente Politiker der Demokratischen Partei in den USA ließen sich mit Hormonen behandeln, die aus dem Blut von Kindern gewonnen würden.

Zudem meinen die Anhänger, die Vereinigten Staaten würden von einer kriminellen Organisation beherrscht, der beispielsweise die früheren Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama angehörten, der Milliardär George Soros sowie diverse Hollywoodstars. Viele QAnon-Botschaften haben außerdem einen antisemitischen Charakter.

Bekannt ist QAnon unter anderem wegen der„Pizzagate“-Episode aus dem Jahr 2016. Damals rückte ein bewaffneter Mann in eine Pizzeria in Washington ein, nachdem er im Netz gelesen hatte, dass diese als Tarnung für ein von Trumps damaliger Gegenkandidatin Hillary Clinton und anderen Demokraten betriebenes Pädophilen-Netzwerk dienen solle. Im Keller der Pizzeria wurden natürlich keine Kinder gefunden.

Hammer und Sichel – Gab es vor Ort Antifa-Symbole?

Auf einigen Bildern steht neben Jake Angeli ein Mann mit einem gelben Pulli. Auf seiner Hand sahen einige Menschen in den Sozialen Netzwerken die Tätowierung von Hammer und Sichel. Dieses Symbol wir dem Kommunismus zugeordnet. Oft wird es aber auch mit der Antifa-Bewegung in Verbindung gebracht. In einigen Antifa-Online-Shops werden immer wieder Sticker, Aufnäher oder ähnliches mit dem Aufdruck von Hammer und Sichel verkauft.

The man in yellow has a communist hammer and sickle tattoo on his hand those are NOT Trump supporters! https://t.co/Xdj8M35zN5

Tatsächlich handelt sich sich bei diesem Symbol aber nicht um die bekannte Kombination aus Hammer und Sichel, sondern um das Logo des sogenannten Outsiders aus dem Videospiel Dishonored. Auf einer Fanseite des Spiels wird der Outsider wie folgt beschrieben:

Der Outsider ist ein übernatürliches Wesen im Dishonored-Universum. Er ist weder gut noch böse und findet Gefallen daran, Menschen zu beobachten, die das Schicksal der Welt verändern.

Quelle: dishonored.fandom.com/de/wiki/Outsider

Ein Vergleich der Tätowierung mit dem Logo aus dem Videospiel zeigt das eindeutig:

Don't forget to wear green this #StPatricksDay. Don't worry, your Outsider's Mark counts. https://t.co/6TIzoxmtXt

Fazit: Haben Antifa-Aktivisten das Kapitol gestürmt?

Dass sich unter den Demonstranten am gestrigen Abend auch Teile der Antifa-Bewegung befanden, kann natürlich nicht ganz ausgeschlossen werden – schließlich sind Identität und politische Ausrichtung eines jeden einzelnen Teilnehmers nicht bekannt. Auf den Aufnahmen sind jedoch massenhaft Trump-Fahnen und die bekannten Mützen der Trump-Anhänger mit der Aufschrift Make America Great Again zu sehen. Ein Zusammenschluss von Antifa und rechtsextremen Trump-Fans beim Sturm auf den US-Kongress scheint realitätsfern. Das Rechtsextreme mit in das US-Kapitol eingedrungen sind, beweisen die unterschiedlichen Bilder weiter oben im Artikel, auf denen rechtsextreme Symbole und Kleidung zu sehen sind. Für die Teilnahme der Antifa gibt es diese Beweise nicht.

Wie entstehen die Behauptungen wie diese?

Behauptungen dieser Art sind häufig Ablenkungsmanöver und auch bekannte Strategien Rechtsextremer, schreibt der ARD-Faktenfinder:

Bei den Buschbränden in den USA behaupteten Rechtsradikale beispielsweise, Antifa-Aktivisten seien die Brandstifter gewesen. Angebliche Antifa Handbücher, Bekennerschreiben und Flugblätter, Fake-Fotos sowie gefälschte Konten in sozialen Netzwerken gehören seit Jahren zum Standardrepertoire von rechten Kampagnen zur Desinformation.

ARD-Faktenfinder

ARD-Korrespondent Arthur Landwehr war vor Ort am Kapitol in Washington. Seiner Einschätzung nach ist es sehr schwer festzustellen, zu welchen Gruppierungen die Demonstranten gehörten, ob es jetzt die Proud Boys waren, also die rechtsradikalen Trump-Anhänger.

Die Leute, die ich gesehen habe, konnten Trump-Anhänger sein, konnten aber auch zur Antifa gehören – die haben schlicht und einfach keine Uniform, an der man das erkennen könnte.

Arthur Landwehr, ARD-Korrespondent

Was man weiß, ist, dass der aller größte Teil der Menschen, die in Washington waren und die nach der Rede von Donald Trump zum Kapitol gezogen sind, Trump-Anhänger sind, so Arthur Landwehr.

Die anderen Gruppen, die sich dem angeschlossen haben, das ist etwas, dass man bei Demonstrationen immer wieder hat [...]. Wir haben das gesehen bei den Black-Lives-Matter-Demonstrationen. Auch da gab es ein ähnliches Bild, nur eben von der politisch anderen Seite. Auf der einen Seite diejenigen, die für 'die Sache' auf die Straße gegangen sind – für Gerechtigkeit und für gleiche Behandlung von Menschen unterschiedlicher Kulturen – denen sich dann Gruppen angeschlossen haben beispielsweise des schwarzen Blocks, oder die dem schwarzen Block ähnlich sind und die dann diejenigen waren, die Gewalt ausgeübt haben und die anderen quasi mitgezogen haben. Das kann auch hier so gewesen sein. Belege dafür, haben wir aber derzeit nicht.

Arthur Landwehr, ARD-Korrespondent

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