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Anna Wollner
Anna Wollner, SWR3 Kino-Checkerin; Foto: RBB
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Es ist einer der Filme, über den in diesem Jahr schon sehr viel diskutiert wurde – und das, bevor er überhaupt ins Kino gekommen ist. Das erste Mal überhaupt hat eine Comicverfilmung eines der großen Filmfestivals gewonnen: den Goldenen Löwen in Venedig – und das, obwohl der Film spaltet.

Die einen Kritiker sagen, der Film sei eine gefährliche Blaupause und Rechtfertigungsgrundlage für toxische Maskulinität und Amoklauf, versteckt hinter Wahnsinn. Die anderen sagen, der Film sei nichts anderes als ein Meisterwerk und ein Stimmungsbild unserer Gesellschaft. Für mich fällt Joker ganz klar in die letzte Kategorie: Meisterwerk.

Joaquin Phoenix als Joker

Dabei ist der Joker nicht nur der berühmte Erzfeind und Gegenspieler von Batman, er ist die Reinkarnation des Bösen. Unvergessen sind die Darstellungen von Jack Nicholson und Heath Ledger, der für seinen Joker in The Dark Knight posthum mit einem Oscar geehrt wurde. Joaquin Phoenix bringt den Joker in Todd Philips Origin-Geschichte auf ein ganz neues, anderes Niveau.

Joker; Foto: © 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM &
© 2019 Warner Bros. Entertainment Inc. All Rights Reserved. TM &

Traurige Gestalt wird zum mordende Joker

Das Setting ist düster: Gotham City, Ende der Siebziger, Anfang der 80er-Jahre – einer Zeit vor Bruce Wayne und Batman, sein Gegenspieler ist vielmehr Batmans Vater Thomas Wayne. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer größer. Eine Welt in der Arthur Fleck ignoriert wird. Der Mann mit der Zwangsstörung des plötzlichen Lachens, der einfach nur geliebt, wahrgenommen und Comedian werden will. Der herumgeschubst und getreten wird, der durch Kürzungen am Sozialstaat den Anspruch auf seine staatlich subventionierte Psychotherapie verliert und damit auch Zugang zu seinen Medikamenten. Der Mann, der getriggert durch einen Pöbelangriff in der U-Bahn zum Joker wird.

„Es fing alles mit dem Lachen an“

Joaquin Phoenix verwandelt sich dabei in einen fratzenhaften Joker. Der für seine extremen Darstellungen bekannte Schauspieler hat für die Rolle 25 Kilogramm abgenommen, seine Figur läuft nicht, sie schlurft, die Schultern verdreht, die Knochen stechen hervor, die Augenringe sind klar erkennbar. Das markanteste neben seiner Körperlichkeit ist natürlich das Lachen – die Eigenschaft, auf die Phoenix in der Vorbereitung am meisten Wert gelegt hat.

„Es fing alles mit dem Lachen an, das ist ja das Markenzeichen des Jokers.“, sagt er im Interview. „Das Lachen ist aber schmerzhaft, ich habe mir Videos von Leuten angeschaut, die beim Lachen Schmerzen haben. Das war der Schlüssel zur Figur. Es war nicht so, dass ich die Figur direkt greifen konnte, die Vorbereitung und das Verstehen der Figur gingen weit in die Dreharbeiten hinein.“ Dabei scheint er noch immer in der Rolle zu stecken, war im Interview latent genervt, hatte keinen Bock und nach mir ein paar der Gespräche abgebrochen.

Psychogramm eines Wahnsinnigen

Dabei ist Joker ein Biest von einem Film. Regisseur Philipps zeichnet das Psychogramm eines Wahnsinnigen, eben wahnsinnig gespielt von Phoenix, filmisch inspiriert von Taxi Driver und King of Comedy. Joker ist keine klassische Comicverfilmung, sondern vielmehr ein Kommentar auf die Verrohung der Gesellschaft. Auch wenn Joaquin Phoenix verschiedene Lesarten sieht.

„Ich selbst habe schon so viele unterschiedliche Sachen von unterschiedlichen Leuten gehört. Die einen sagen er ist politisch, die anderen sagen er ist sehr emotional. Für manche ist es ein Film über Familie, die Suche nach dem Vater, wieder andere sagen es geht um den Wahnsinn. Ich mag es, wenn ein Film so was schafft. Daher werde ich mich hüten Ihnen jetzt zu sagen, was ich denke. Das ist doch das Schöne am Joker, dass der Zuschauer für sich selbst rausfinden muss, was der Film für ihn ist.

Nicht Filme töten, sondern Waffen

„In Amerika gibt es Tweets von verstörten Kinogängern, die den Saal vorzeitig verlassen haben, Rufe nach extra Polizei vor Vorführungen. Ja, der Film kann triggern, vor allem wenn man psychisch vorbelastet ist. Joker ist kein reiner Popcorn-Unterhaltungsfilm. Der Film hat bei uns eine Altersfreigabe FSK 16. Ich habe ihn nicht brutaler empfunden als andere Filme mit einer solchen Altersfreigabe, auch wenn das Ende schon sehr krass ist.

Erschreckend und verstörend ist eher, wie uns der Film einen Spiegel vorhält. Die Revolte der Armen gegen die Reichen, hier legitimiert durch einen mittealten weißen Mann, der sich missverstanden fühlt. Aber es töten nicht Filme, sondern Waffen. Ein Film, der uns das Fürchten lehren will und tut. Mit einer Figur im Mittelpunkt, die weder Held, noch Antiheld ist, sondern an den Verhältnissen zerbricht. Joker ist damit nicht nur die beste Comicverfilmung des Jahres, sondern gleich einer der besten Filme des Jahres überhaupt.

5 von 5 Elchen!

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