„Gut Ding braucht Weile“ - so abgegriffen wie dieser Satz, dürfte auch der Umschlag des Buches Der Distelfink sein, wenn du die über 1000 Seiten gelesen hast. Da Donna Tartt für diesen Roman 10 Jahre brauchte, ist Zeit auch im Buch ein wichtiges Thema, denn Zeit heilt nicht immer alle Wunden.

SWR3 Buchtipp Cover der Distelfink; Foto: Goldmann Verlag
Goldmann Verlag

Der Distelfink ist ein kleines Ölgemälde aus dem 17. Jahrhundert. Gerade 33 auf 22 Zentimeter, doch so klein es auch ist, es bestimmt das Leben von Theodor Decker, dem Ich-Erzähler des Romans. Mit 13 Jahren besucht der junge Theodor mit seiner Mutter eine Ausstellung im New Yorker Metropolitan Museum. Von einer Sekunde zur anderen zerfällt sein Leben in Schutt und Asche – Theodor überlebt einen Terroranschlag, seine Mutter nicht. In einer Affekthandlung nimmt Theodor das kleine Gemälde an sich, um es zu schützen. Das Bild bleibt in seinem Besitz, erst als Erinnerung an seine Mutter, doch im Laufe der Jahre wird daraus Diebesgut im Millionenwert.

Eine Affekthandlung wird zur Lebenslüge

Wie ein Damoklesschwert schwebt das Gemälde über dem Leben von Theodor. Eine Geschichte, mal Kunstthriller, mal Milieustudie und die mal über Freundschaft, aber immer über das Wesen des Lebens erzählt. Autorin Donna Tartt spinnt dank eines faszinierenden Umgangs mit Sprache eine perfide Lebenslüge um den Protagonisten. Wir begleiten Theodor vom unschuldigen Kind bis hin zum erwachsenen Mann.

Auf welcher Seite stehst du als Leser?

Die Worte der Autorin ziehen uns als Leser mit einem derartigen Sog in die Geschichte hinein, so dass wir beim Lesen plötzlich selbst spüren, wie auch für uns die Grenzen zwischen Unschuld und Tat, Liebe und Laster oder richtig und falsch verschwimmen. Theodor ist kein Protagonist, dem man warmherzig seine Sympathien schenkt. Nein, seine Lebensentscheidungen schmerzen manchmal und man möchte ihn Ohrfeigen und wachrütteln – doch genau darin liegt die Stärke des Romans.

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Ein Buch mit vielen Facetten

Autorin Donna Tartt erschafft auf über 1000 Seiten eine spannende, emotionale Reise durch ein zerrissenes Leben. Eine poetische Analogie zum Gemälde Der Distelfink.

Autor
Dirk Scherer