STAND
AUTOR/IN

Das Leben der Frauen in Afghanistan hat sich seit dem Ende der Taliban-Herrschaft 2001 deutlich verbessert. Jetzt sind die Taliban wieder an der Macht. Fällt das Land bei den Frauenrechten nun um Jahrzehnte zurück?

Frauen in Afghanistan und ihre Lebenssituation

In den vergangenen 20 Jahren haben Frauen in Afghanistan für die Gleichberechtigung gekämpft und viel erreicht. Mädchen dürfen in die Schule und studieren. Frauen dürfen in den meisten Berufen des öffentlichen Lebens arbeiten. Sie sind Lehrerin, Ärztin oder Journalistin und können ohne Burka und ohne männliche Begleitung aus dem Haus gehen. 2004 wurden Frauen in der afghanischen Verfassung den Männern rechtlich gleichgestellt. Auch wenn diese Gleichberechtigung häufig in Frage gestellt wurde, weil Artikel 3 der Verfassung besagt, dass kein Gesetz im Widerspruch mit dem Islam stehen darf und es damit einen großen Interpretationsspielraum gibt, war das ein großer Fortschritt. Jetzt haben die Frauen Angst davor, die hart erkämpften Freiheiten wieder zu verlieren.

Zwar haben die Taliban angekündigt, die Rechte der Frauen respektieren zu wollen - ihre gewachsene Einflussnahme in den vergangenen Jahren lässt jedoch daran zweifeln. Ein öffentliches Singverbot für Mädchen und junge Frauen beispielsweise, das Anfang des Jahres vom afghanischen Bildungsministerium erst beschlossen und nach heftiger Kritik wieder zurückgezogen wurde, galt als Zugeständnis an die Taliban.

Taliban versprechen Freiheiten im Rahmen der Scharia

Bei ihrer ersten offiziellen Pressekonferenz nach der Machtübernahme in Kabul, sicherte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid zu, dass Frauen weiter arbeiten und studieren dürften und „sehr aktiv in der Gesellschaft“ sein werden, jedoch nur „innerhalb des Rahmens des Islam.“

„Das sind genau die Sachen, die nicht glaubwürdig klingen“, sagt Carlo Masalla, Politikwissenschaftler an der Bundeswehr Universität in München, im SWR3-Interview. „Die Taliban sagen es ja schon verklausuliert. Wenn Taliban über Frauenrechte reden, reden sie immer über Frauenrechte, wie sie im Rahmen der Scharia vorgesehen sind. Dieser Halbsatz, der dann immer kommt, deutet ja schon darauf hin, wohin die Reise gehen soll“, so der Afghanistan- und Taliban-Experte.

Auch Jasamin Ulfat-Seddiqzai, Journalistin und Forscherin an der Uni Duisburg-Essen, erwartet große Rückschritte.

Jeder hofft das Beste und befürchtet das Schlimmste.

Ihre Familie stammt aus Afghanistan, sie ist immer noch in der Exil-Community verankert und beschäftigt sich mit der Rolle der Frau in Afghanistan. „Momentan ist das noch so eine Art Vakuum. Man weiß nicht ganz genau, was die Taliban tatsächlich machen“, so Ulfat-Seddiqzai im SWR3-Interview.

Was könnte jetzt auf die Frauen zukommen?

„Das Schlimmste wäre wieder eine Situation wie früher, dass sie komplett aus dem öffentlichen Leben verbannt werden und nicht ohne männliche Begleitung raus können“, meint Ulfat-Seddiqzai. Frauen, die wieder allein als Besitz des Mannes gesehen werden, der ihnen vermeintlichen Schutz bieten muss. Für Frauen mit Familie bedeute das in Afghanistan vielleicht nicht ganz so viel Einschränkung, sagt sie - jedoch verwitwete Frauen zum Beispiel, die keine männliche Verwandtschaft mehr haben, seien komplett ausgeliefert gegenüber ihrer entfernten Verwandtschaft, an die sie sich dann wenden müssten. „Das ist für mich persönlich eigentlich so das Schlimmste, was den Frauen passieren kann - abgesehen natürlich von tatsächlichen Gewalttaten.“

Die Taliban sagen, sie haben sich geändert - was ist davon zu halten?

Selbst die beste Veränderung werde nicht so sein, wie es sich eine westliche Frau wünschen würde, ist sich Ulfat-Seddiqzai sicher. „Es kann natürlich sein, dass die Taliban ihre Versprechen wahr machen und Frauen weiterhin arbeiten gehen lassen, Mädchen auch weiterhin zur Schule lassen“, das würde dann aber bedeuten, „dass sich Frauen natürlich trotzdem bedecken müssen, wenn sie rausgehen.“ Besonders stark wären diese Einschränkungen für die Frauen in den Großstädten Afghanistans, wo das Leben bis jetzt relativ offen war. Für die Frauen auf dem Land würde sich jedoch nicht viel ändern, da es dort schon seit langem sehr viele Einschränkungen gibt. „Dort sind es Frauen gewohnt zu Hause zu bleiben. Deswegen sieht man sie auch oftmals gar nicht so stark gegen die Taliban sprechen, weil sie selbst in einer Situation leben, die sich durch Taliban-Einfluss nicht stark ändern wird“, sagt die Afghanistan-Expertin.

Sind die Taliban gegenüber Frauen kulanter geworden?

Ich kann mir schon vorstellen, dass sie etwas kulanter geworden sind. Allerdings darf man sich das nicht so vorstellen, dass sie da jetzt auf einmal westliche Werte verinnerlicht haben oder Ähnliches. Aber wenn sie das tatsächlich wahr machen und sagen sie würden Frauen erlauben zur Schule zu gehen und in essenziellen Berufen zu arbeiten, wie zum Beispiel als Krankenschwester, als Ärztin, weiterhin vielleicht auch als Journalistin, dann wäre das auf jeden Fall eine sehr sehr gute Sache.

Sie könne sich das zur Zeit noch vorstellen, da die Taliban weiterhin auf Unterstützung der Bevölkerung angewiesen seien und das könne nur funktionieren, wenn sie ihre Versprechen einhalten und diverse Freiheiten erlauben. „Allein das wäre schon ein großer Fortschritt und dann wird die Zukunft zeigen, wie sich das Ganze weiter entwickelt.“

Meistgelesen

  1. Das ist neu Mindestlohn, Pfand, Kündigungen: Das ändert sich im Juli

    Neuer Monat, neue Regelungen: Was es im Juli für wichtige Änderungen gibt, haben wir für euch hier zusammengefasst.  mehr...

  2. Wegen Omikron angepasst Aktuelle Regeln: Muss ich noch in Quarantäne oder Isloation?

    Die Isolation wurde verkürzt. Für manche Berufsgruppen gibt es Ausnahmen. Hier kannst du die Dauer nach den aktuellen Corona-Regeln berechnen.  mehr...

  3. Rekordzahl an Kirchenaustritten Darum treten gerade so viele Menschen aus der Kirche aus

    Für die Kirchen sind es erschütternde Rekord-Zahlen: Allein im Südwesten sind im vergangen Jahr über 100.000 Menschen aus der Kirche ausgetreten. Woran liegt das?  mehr...

  4. Liveblog zum Krieg in der Ukraine Deutschland stellt Haubitzen und Soldaten zur Verfügung

    Russland versucht weiter, die Ukraine einzunehmen: Während die Welt den Einmarsch verurteilt, zerstören russische Truppen Städte und Infrastruktur. Alle Infos dazu.  mehr...

  5. Chlorgas Das ist im Explosions-Video aus Jordanien zu sehen

    Bei einem Gas-Unglück in Jordanien sind mehrere Menschen ums Leben gekommen und Hunderte weitere verletzt worden.  mehr...

  6. News-Ticker zum Coronavirus Auch in BW ab Freitag drei Euro pro Schnelltest

    Die Corona-Pandemie hält an. Die Zahlen steigen wieder und die neue Variante BA.5 beschäftigt die Politik. Alle Infos dazu hier!  mehr...