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Deutschland diskutiert darüber, die Impf-Priorisierung aufzuheben und theoretisch allen Menschen die Möglichkeit zu geben, sich einen Corona-Impftermin zu besorgen. Das darf (noch) nicht sein, findet Wissenschaftsredakteurin Franziska Ehrenfeld. 

Spätestens im Juni soll die Impf-Priorisierung laut Kanzlerin Angela Merkel wegfallen. Einigen geht das aber nicht schnell genug, zum Beispiel Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder. Er will, dass die Impfreihenfolge noch im Mai aufgehoben wird. Dabei haben noch längst nicht alle Menschen der drei Priorisierungsgruppen ein Impfangebot erhalten – auch in Bayern nicht.

Körpernahe Arbeit – Wenn Abstand halten keine Option ist

Ich weiß das, weil beispielsweise meine Mutter sich schon lange um eine Impfung bemüht, aber keine bekommt. Sie lebt in Bayern, ist 56 Jahre alt und arbeitet als Sicherheitskraft an einem Flughafen. Das heißt: Sie kontrolliert am Tag hunderte Menschen und ihr Gepäck. Passagiere abtasten, gehört zum Job. An Plexiglas oder Abstand halten, ist also nicht zu denken.

Meine Mutter ist in der Priorisierungsgruppe drei, genauso wie zum Beispiel Verkäufer im Supermarkt, Busfahrerinnen und Zollangestellte. Das sind Menschen, die enorm viele Kontakte haben und zwar – anders als Lehrende – mit täglich wechselnden Personen. Während ich entspannt im Home-Office sitze, trifft meine Mutter auf tausende Menschen im Monat. Und jetzt soll ich, die Mitzwanzigerin im Home-Office, die gleiche Chance auf eine Impfung erhalten? Nein, danke.

Ich würde wirklich gerne geimpft werden, das ist es nicht. Aber meine Mutter steht an der „Front“ der Pandemie. Sie wartet schon so lange und gerade, wenn die Impfung langsam in Reichweite erscheint, soll die Priorisierung einfach verpuffen? Wenn sie jetzt schon keinen Termin bekommt, wie sollte sie dann einen kriegen?

Impfreihenfolge: Menschen mit vielen Kontakten müssen endlich drankommen

Eine Impfung derer, mit vielen (unfreiwilligen) Kontakten, würde nicht nur ihrer Gesundheit, sondern auch deren Psyche gut tun. Meine Mutter kontrolliert Menschenmassen in dem Wissen, dass ihr jüngerer Kollege nur knapp dem Corona-Tod entgangen ist. Nachdem sich seine Frau schon von ihm verabschieden sollte, hat er es nach einer monatelangen Tortur, inklusive künstlicher Lunge, gerade noch geschafft. Sprechen kann er aber immer noch nicht. Eine Impfung hätte diese Qualen sicherlich verhindert. Und sie würde vielen Menschen mit einem hohen Ansteckungsrisiko die Arbeit tagtäglich angenehmer machen.

Es reicht also nicht, wenn Alte und Vorerkrankte die Chance auf eine Impfung hatten (und auch von denen warten ja noch viele). Alle Menschen mit zwangsläufig vielen Kontakten müssen endlich drankommen und in Baden-Württemberg sind sie das bisher nicht: Ab Montag können sich Menschen aus der Priorisierungsgruppe drei für eine Impfung registrieren. Allerdings mit Einschränkung: Es können sich Menschen ab 60 oder mit Vorerkrankung anmelden, Berufsgruppen aus der dritten Priorisierung müssen weiter warten.

Impf-Priorisierung nützt der Allgemeinheit

Das Beibehalten der Priorisierung würde aber nicht nur meiner Mutter und anderen priorisierten Menschen, sondern uns allen helfen. Wir wissen inzwischen, dass die Impfung nicht nur schwere Verläufe verhindert, sondern zu einem großen Teil auch Ansteckungen. Da wäre es doch wirklich sinnvoll, diejenigen mit vielen Kontakten zu impfen – damit die Ausbreitung des Coronavirus verlangsamt wird.

Natürlich müssen wir uns bemühen, dass möglichst schnell möglichst viele Menschen geimpft werden können. Im Moment mangelt es aber noch an Covid-19-Impfstoff, nicht an den Impfwilligen. Klar, es klingt verlockend, die Priorisierung aufzuheben, sodass grundsätzlich alle einen Impftermin bekommen können. Aber sind wir mal ehrlich: Es gäbe einen Riesenansturm von vielen Millionen Menschen, von denen die allermeisten erstmal keinen Termin bekommen würden. Die Frustration wäre schnell größer als die Freude. Und viele Menschen, die die Corona-Impfung viel dringender benötigen als ich und andere junge, gesunde Menschen, blieben auf der Strecke.

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