Vom Atheist zum Gläubigen und das im Gefängnis. Das passiert gar nicht so selten. Zwar gibt es kaum Zahlen, aber wenn man vergleicht, wie viele Menschen unter normalen Umständen in die Kirche gehen und wie voll Gottesdienste im Gefängnis sind, dann fällt auf: ein riesiger Unterschied. Warum fangen viele Menschen ausgerechnet im Gefängnis an zu glauben? SWR3-Reporterin Katha Jansen hat im Karlsruher Untersuchungsgefängnis nach Antworten gesucht.

Leben mit Sinn erfüllen

Seelsorger Michael Drescher; Foto: SWR3

Seelsorger Michael Drescher

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Ein großer Punkt, warum viele Insassen „plötzlich“ gläubig werden ist: Wer hier landet, wird aus dem eigenen Alltag gerissen und hat plötzlich jede Menge Zeit zum Nachdenken, sagt Gefängnisseelsorger Michael Drescher. „Da kommen natürlich existentielle Fragen auf: Wie konnte das in meinem Leben passieren, dass ich jetzt hier bin und wann ist was aus dem Ruder gelaufen? Warum ist es aus dem Ruder gelaufen und was ist meine Zukunftsperspektive? Wie fülle ich mein Leben mit Sinn?“

Abseits der Stahltüren

Seelsorge im Gefängnis; Foto: SWR3
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Wer sich diese Fragen stellt, landet nicht selten in der Gefängniskapelle. Ein schöner, großer Raum mit Bildern an den Wänden, der so gar nicht nach Gefängnis aussieht. Nur wer ganz genau hinschaut, sieht die Gitterstäbe auf der Außenseite der kleinteiligen Buntglasfenster. „Es sind andere Sinneseindrücke, die sich doch erheblich unterscheiden von den Sinneseindrücken außerhalb der Kapelle. Außerhalb gibt es natürlich viel Schlüssel rasseln und schlagen von Stahltüren.“

Alternativprogramm zum Knastalltag

In der „Kirche“ gibt es ein bisschen Alternativprogramm zum Knastalltag. Das nehmen viele Häftlinge gerne an. So wie Marco*, der seit neun Monaten in Untersuchungshaft sitzt.

Zum einen ist es dem Umstand geschuldet, dass hier sehr wenig los ist im Gefängnis und ich dadurch ein bisschen Abwechslung habe. Zum anderen hilft es mir, dass viele Alleinsein in der Zelle besser zu ertragen und zu verkraften.

Vor der Haft, war Marco ab und an mal in der Kirche. Zu Weihnachten und Ostern mit den Kindern. Heute hat der Glaube für ihn eine größere Bedeutung – auch weil er deeskaliert. „Er gibt zumindest nicht nur durch das Lesen der Bibel, sondern auch durch das Beten einen sehr starken Rückhalt und hilft viele Ungerechtigkeiten, Drangsalierungen durch die Justiz und Vollzugsbeamten zu verarbeiten, zu verstehen und irgendwie von sich abzukapseln.“

„Es geht ums nackte Überleben“

Rund 130 Männer sitzen in der Karlsruher JVA gerade in U-Haft. Menschen, die beschuldigt werden, kleine Delikte begangen zu haben, aber auch mutmaßliche Mörder. Ein breites Spektrum für den Gefängnisseelsorger, dessen Tür allen offensteht. „Meine Aufgabe ist es ja nicht ein Urteil zu formulieren. Das ist die Aufgabe des Gerichts. Meine Aufgabe ist es den Menschen in dieser Lebensphase zu begleiten. Es geht um Schuld und Scham und es geht teilweise ums nackte Überleben. Habe ich jetzt mein Leben verwirkt, muss ich mich letztlich umbringen oder hab ich noch ein Recht weiterzuleben? Um diese Begleitung geht es.“

Seelsorge im Gefängnis; Foto: SWR3

Seelsorge im Gefängnis

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Seelsorge im Gefängnis; Foto: SWR3
2:26

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*Name von der Redaktion geändert