… so heißt der provokante Buchtitel des Autors und Kommunikationsprofis Erik Flügge. Er ist sich sicher: Würde die Kirche in ihrer Sprache und ihren Inhalten etwas moderner werden, gäbe es bestimmt keinen so krassen Abwärtstrend an Austritten. Was sollten Theologen also besser machen?

„Da läuft doch was schief!“

Erik Flügge ist in einem Dorf nähe Backnang geboren. Inzwischen lebt er in Köln. Er ist ehemaliger Messdiener, Blogger, Kommunikations- und Politikberater und der Ansicht, dass die Kirche vieles falsch macht, vor allem in ihrer Sprache. Predigen seien zu altbacken, zu unspektakulär. „Die Leute dämmern ja größtenteils dabei weg.“ Seit er sein Buch „Der Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ veröffentlicht hat, schreiben ihm viele Menschen und bekräftigen ihn in seiner Aussage. Selbst vielen älteren Leute ginge es seit Jahrzehnten so, dass sie die Predigten in der Kirche unerträglich finden. Aus Verantwortungsgefühl kämen sie aber in den Gottesdienst und trauen sich nicht, etwas zum Pfarrer zu sagen. Laut Flügge gehen noch zehn Prozent der Mitglieder der katholischen Kirche sonntags in den Gottesdienst und fünf Prozent der Evangelischen. „Da muss doch was schief laufen.“

Wie könnte eine moderne Predigt aussehen?

Wenn man ehrlich ist, muss die Predigt rausgehen aus dem Kirchenraum, weil da gar keiner mehr reingeht. Weil man gar nicht erwartet, dass da drin was Positives stattfindet.

Laut Flügge müsse man sich viel offensiver auf die Straße stellen, an andere Orte gehen. Die Art, wie Kirchen gebaut sind, sei nicht dafür gemacht, dass man da drin große Reden schwingt. Das Predigen zum Volk, sei sehr viel später entstanden als die Kirchen selbst. Predigen gäbe es erst so richtig seit der Reformation. Früher habe sich ein Wanderprediger auf den Marktplatz gestellt und dort seine Reden geschwungen. „Die hatten dann richtig Feuer und das waren tolle Redner“, so Flügge. Auch die Akustik in Kirchen sei sehr schlecht. „Man muss sehr langsam sprechen, damit man da drin nicht untergeht. Auch die Satzmelodie und Betonung der Theologen, das klingt ja alles ganz gruselig.“ Das schlimmste Predigten-Beispiel für Flügge:

Es gibt so eine Weihnachtspredigt von einem evangelischen Bischof, der darüber spricht, wie das Scheinen der Krippe in uns hinein scheint und ob wir spüren, wie das Scheinen in uns wirkt und was es in uns macht. Das ist so verschroben, dass man überhaupt nicht spürt, was der von einem will. Der versucht halt einfach dieses Bild zu interpretieren. Das hat so was väterlich beschützendes, pseudotiefgründiges. Ich kanns nicht mehr hören.

Sprachliche Highlights setzen

Reinhard Kardinal Marx; Foto: dpa/picture-alliance

Reinhard Kardinal Marx

dpa/picture-alliance

Es sei vielleicht ein bisschen viel verlangt, dass der Pfarrer am Sonntag den John F. Kennedy gäbe. „Ich glaube, dass es schon Anspruch genug sein muss, dass mehrfach im Jahr ein sprachliches Highlight gesetzt wird, über das Deutschland dann redet – das passiert seit Jahren leider nur noch selten.“ Vergangenen Sommer hätte es so ein Highlight mal kurz gegeben, als Kardinal Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, die CSU mit sehr deutlichen Worten wegen ihrer Flüchtlingspolitik angegriffen habe. „Es war keine spezielle Phrase oder ein bestimmter Satz, es war etwas, was sich die Kirchen viel zu selten trauen. Kardinal Marx hat sehr eindeutig der CSU gesagt, dass die Politik die sie macht, mit dem christlichen Glauben so nicht übereinzubringen ist. Was er gemacht hat, ist Position zu beziehen. Da geht es nicht darum, dass es der perfekte Satz ist, es geht darum, dass man eine These hat, bei der es eventuell sein kann, dass sich jemand drüber aufregt.“ Auch Papst Franziskus setze immer mal wieder solche sprachlichen Highlights, aber laut Flügge finden diese leider viel zu selten statt – vor allem in den „hundsnormalen Kirchen“:

Was ich eigentlich von denen will, die sonntags an der Kanzel stehen ist, dass die sich bewusst machen, was das für ein Privileg ist, dass sie den Leuten was erzählen dürfen. Ich will in ihrem Text hören, dass die das auch wirklich glauben, was sie da erzählen.

Das sei oft Teil des Problems. Man höre irgendwelchen wissenschaftlichen Texten und seltsamen Sprachbildern mit seltsamen Betonungen zu und dabei klänge alles so, als würde der, der das spricht, selbst nicht dran glauben, was er da erzählt.

Sind die Probleme bei Katholiken und Protestanten gleichermaßen gravierend?

Sie sind gleichermaßen problematisch, aber es konstruiert sich anders. Die Katholiken behandeln die Leute viel zu häufig, als wären sie in einer Kindertagesstätte gelandet, mit netten Gesten, es wird noch eine Kerze angezündet und dann wird nett und lieblich erzählt. Bei den Protestanten hat man das Gefühl, man sei in einer Vorlesung gelandet und irgendein Professor doziert jetzt was sehr Kompliziertes vor sich hin, also eine sehr intellektuelle Kirche.

Es sei genau der Weg dazwischen: Nicht zu kindisch zu werden, aber auch nicht zu abgehoben zu sein. Wichtig sei es, seinen eigenen Glauben sichtbar zu machen und ihn zu erklären. Eine klare Predigt, die signalisiere: Das was ich euch erzähle, das glaube ich auch wirklich!

Drei konkrete Tipps

  1. Sich selbst zuhören! Den Text so aufbauen, wie man umgangssprachlich spricht.
  2. Eine klare These in der Predigt setzen.
  3. Peinliches Füllwerk weglassen. Keine „Anekdötchen“. Die Sache muss in sich Sinn ergeben.

Die haben alle 12 Semester Theologie studiert. Es kann ja nicht so schwer sein, über eine Bibelstelle etwas Vernünftiges zu sagen und in meine eigene Sprache zu übersetzen. Die Kunst ist, das Komplexe einfach auszudrücken.

Flügge erklärt es anhand der Frage von Gewalt in der Bibel. „Wir haben den Bürgerkrieg in Syrien, Terroranschläge, etc… es ist doch spannend zu erfahren, was steht denn dazu in der Bibel. Da steht ja nicht nur: Na ja, der Jesus, der lässt sich halt kreuzigen. Da gibt es Szenen, in denen Gott empfiehlt, dass man ein ganzes Volk abschlachten soll oder die Ägypter im Meer versinken lässt. Wir haben ganz unterschiedliche Bilder von Gewalt in der Bibel und die kann ich ganz wunderbar auslegen und in Beziehung setzen zu den Entscheidungen, die wir heute treffen müssen. Wie gehen wir mit Terrorismus um? Ist die Grundidee, dass wir uns immer opfern müssen? Oder ist die Grundidee, dass wir uns verteidigen dürfen? Da würde ich mir schon von einem Theologen wünschen, dass da klar Position bezogen wird, weil Theologen eben auch ethische Leitfunktionen in unserer Gesellschaft wahrnehmen.“

Machen es andere besser?

Papst Franziskus; Foto: dpa/picture-alliance
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Einen gibt es und den kennen wir alle: Das ist Papst Franziskus. Der ist ein total spannender Typ und spricht, wie ihm der Mund gewachsen ist.

Franziskus benutze manchmal harte Sprachbilder, so Flügge. „Der traut sich richtig was.“ Man merke bei ihm auch, wie lange er mit einfachen und armen Menschen zusammengearbeitet hat. „Das ist ein ganz krasses Gegenbeispiel zu Papst Benedikt, der ja ein brillanter Denker und ein großer Intellektueller war, der es aber sehr schwer hatte, sprachlich rauszukommen aus seinem universitären Duktus.“

Politik und Kirche

Laut des Kommunikationsprofis haben Theologen genauso wie Politiker einen Sprecherberuf und das richtige Sprechen müsse dabei immer und immer wieder trainiert werden. Auch eine Bundeskanzlerin müsse immer wieder neu lernen, wie sie ihre Thesen setzt. „Angela Merkel und Papst Franziskus sind super Sprecher, haben aber beide einen unterschiedlichen Stil.“ Das Ziel müsse sein: „Ich muss als eigene Person mit meiner Sprache erkennbar sein.“ Das Problem der seltsamen Sprache gäbe es durchaus auch in der Politik. Oft klängen gerade die angehenden jungen Politiker wie 60-Jährige.

Viele von denen werden nichts. Die Politik ist auf der Suche nach Leuten, die anders sprechen, dies deutlich sagen und deswegen setzen sich oft auch die durch, die sprachlich auffallen.

Es gäbe einen Zeitpunkt, an dem man als Politiker eine harte Rückmeldung bekommt: den Wahlabend! „Wenn mein Wahl-Balken krachend runtergeht, dann passiert in der Politik folgendes: Der Spitzenkandidat ist weg vom Fenster, viele sind ihren Job los und andere sind dran.“

In der Kirche geht der Balken seit Jahren runter. Die Leute treten kontinuierlich aus, aber es bleibt das gleiche Personal, die gleichen Strategien, die gleichen Kommunikationsformen. Man ändert nichts und wundert sich, dass man den Abwärtstrend nicht stoppen kann.

Erik Flügge im Talk mit Thees

Bei ihm sagen die Promis Dinge, die man selten in Interviews zu hören bekommt. Beim „Talk mit Thees“ kitzelt Kristian die besonderen Dinge aus den Popstars, Schauspielern, Autoren & Co heraus. Hier gibt es alle Talks zum Nachhören.

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Online-Umsetzung: Mirja Raff