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INTERVIEW

Menschen haben ihnen auf Balkonen applaudiert, Politiker haben sie als systemrelevant eingestuft: Pflegekräfte haben in der Corona-Krise eine nie gekannte Wertschätzung erfahren. Wenige Monate später ist der Applaus verhallt. Was ist aus den Versprechungen und Bonuszahlungen geworden? Welche Probleme bestehen, welche Wünsche offen bleiben und was sie so wütend macht, hat uns Pflegerin Nina Böhmer in SWR3 erzählt.

„Wir wurden richtig verheizt.“ Ninas Fazit aus den vergangenen Monaten klingt resigniert. Während die Gesellschaft in Deutschland ihr Leben in den meisten Bereichen weitestgehend zurückgefahren hatte, haben Menschen in Pflegeberufen Höchstleistungen erbringen müssen. Was ist eigentlich vom Beifall für Pflegeberufe und den Versprechungen vom Anfang der Corona-Zeit geblieben?

„Euer Klatschen könnt ihr euch sonst wo hinstecken“

März 2020: Das Coronavirus breitet sich in Deutschland aus. Die Betten in den Krankenhäusern füllen sich. Die Bevölkerung soll zu Hause bleiben und zum Schutz aller beim kleinsten Verdacht einer Infektion in Quarantäne gehen. Für Pflegekräfte gelten andere Regeln – bereits am 23. März macht Nina Böhmer mit einem Facebook-Post auf die Situation in Pflegeberufen aufmerksam. Der Beitrag wurde mittlerweile 73.000 Mal geteilt, 95.000 Menschen haben darauf reagiert.

Fassen wir mal zusammen. Erst sollen wir einen Mundschutz und Schutzkittel für mehrere Patienten benutzen. Wir sollen...Gepostet von Nina Magdalena Böhmer am Montag, 23. März 2020

Pflegebonus: leeres Versprechen?

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte Anfang April Bonuszahlungen für Pflegekräfte angekündigt – doch letztendlich gilt das nicht für alle: Während Berufstätige in der Altenpflege einen Bonus von bis zu 1.500 Euro erhalten, profitiert medizinisches Personal in Krankenhäusern und Arztpraxen nicht von dieser Regelung. Christopher Jähnert aus dem ARD-Hauptstadtstudio beschreibt, welche Rolle das Thema Pflege aktuell in Berlin spielt:

Es wird darüber diskutiert. Es wird viel gefordert. Aber ganz konkret für die Beschäftigten in den Krankenhäusern ist erst mal nichts geplant.

Man unterscheidet zwischen Altenpflege und Krankenpflege. Bei der Altenpflege gab es diesen Bonus schon. Aber in der Krankenpflege und auch bei Sanitätern sieht das anders aus. Politiker begründen dies damit, dass Krankenpflegende grundsätzlich etwas besser verdienen: Demnach wurde der Bonus gezahlt, um ein bisschen Gerechtigkeit zu schaffen. Oft wird darauf hingewiesen, dass jedes Krankenhaus selbst bestimmen kann, ob es einen Bonus bezahlt oder nicht. Dass dies nicht geschieht, begründet die Deutsche Krankenhausgesellschaft damit, dass sie zu hohe Verluste durch die Corona-Krise gemacht haben. Die Unterscheidung zwischen Beschäftigten in der Alten- und in der Krankenpflege empfinden trotzdem viele als ungerecht.

Pfleger und Pflegerinnen seien während der Pandemie richtig verheizt worden, sagt Nina Böhmer. Von den Versprechungen sei eigentlich gar nichts zu spüren, an ihrem Arbeitsalltag habe sich gar nicht viel verändert. . . . #corona #covid19 #coronavirus #virus #krankenpflegerinnen #krankenpfleger #pflege #pflegebonus #pflegenotstand #krankenhaus

Ein Pflegebonus löst nicht das Grundproblem

Doch Nina ist nicht wegen der ausbleibenden Zahlung enttäuscht. Das grundlegende Problem sei ein anderes:

Dieser Personalmangel und der ganze Notstand in den Krankenhäusern hat sich ja bis jetzt nicht geändert. Und das war eigentlich das, was uns allen am Wichtigsten war: Dass sich die Bedingungen für uns verbessern – was bisher nicht passiert ist. Wir hätten gerne etwas Langfristiges gehabt, aber selbst dieses Versprechen von dem Pflegebonus konnte nicht eingehalten werden.

Sind wir doch nicht mehr so wichtig? Werden wir vergessen? Diese Fragen stellt sich Nina.

Junge Frau in grüner Krankenhaus-Kleidung (Foto: Alexandra S. Aderhold)
„Dass die Aufmerksamkeit von den Medien schon sehr groß ist, gibt mir Hoffnung. Und ich hoffe, dass sich dadurch was für uns in der Pflege ändert.“ Alexandra S. Aderhold

Pflegenotstand war schon vor Corona-Thema

Seit Jahren kämpfen Beschäftigte in Pflegeberufen um bessere Arbeitsbedingungen, eine faire Bezahlung und attraktivere Rahmenbedingungen. Durch die zugespitzte Lage in der Corona-Pandemie hatte man Hoffnung, es würde sich endlich etwas ändern. Christel Bienstein, Präsidentin des Berufsverbands der Pflegekräfte, sagt, insgesamt sei zu wenig passiert. Sie erzählt SWR3, wo sich der Frust zeigt:

Bei den Boni wurden wir überhaupt nicht berücksichtigt und es geht genauso weiter wie zuvor. Die Personaldecke ist weiterhin sehr eng. Man ist in den Regelbetrieb übergegangen. Kollegen auf den Intensivstationen versorgen bis zu drei oder vier Intensivpatienten. Im internationalen Vergleich gibt es die Eins-zu-eins-Versorgung, was zu großem Unmut geführt hat.

Bundesweit fehlen 50.000 Pflegekräfte

Um entlastet werden zu können, hat Nina einen Wunsch:

Ich wünsche mir mehr Personal, also wahrscheinlich sogar doppelt so viel, sodass wir mehr Zeit haben und dass wir mit den Patienten auch mal Gespräche führen können.

Immer noch Masken-Mangel im Krankenhaus

Ein Beispiel aus Ninas Alltag zeigt, was von der anfänglichen flächendeckenden Wertschätzung noch übrig ist.

Wir haben zum Beispiel immer noch keine Masken – es herrscht immer noch Masken-Mangel! Ich muss eine Maske pro Dienst tragen. Gehe ich zum Beispiel in irgendeinem Supermarkt und sehe, wie viele Masken dort liegen... Im Krankenhaus haben wir immer noch keine, obwohl eigentlich gesagt wurde, dass die Krankenhäuser jetzt wieder beliefert werden können. Aber da gibt es tatsächlich immer noch Lieferschwierigkeiten.

Die aktuelle Situation in Pflegeberufen gefährdet noch immer Menschenleben

Nina findet kritisch, dass erst eine Krise kommen musste, um den Menschen die Situation in Pflegeberufen richtig bewusst zu machen. „Personalmangel, lange Arbeitszeiten und schlechte Bezahlung: Bei all diesen Problemen hilft Klatschen nun mal nicht.“ Was sich bisher verändert hat? Nicht viel. Daher ihr Appell:

Es sollte nicht der Profit im Vordergrund stehen, sondern der Patient und die Gesundheit. Wir müssen mehr Personal bekommen, nur dann können wir auch die Patienten gerecht versorgen. Mit unterversorgten Patienten werden Menschenleben gefährdet. Und das ist natürlich für uns nicht nur sehr anstrengend, weil es eine ganz hohe Belastung ist, sondern es ist auch für die Patienten nicht schön, wenn sie nicht fachgerecht versorgt werden können.

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