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„Die Maßnahmen sinnlos und selbstzerstörerisch“, so urteilt bereits der Titel des Videos von Professor Sucharit Bhakdis. Das Coronavirus würde völlig überschätzt. Auf Youtube wird es millionenfach geschaut, ebenso ein weiteres Video, in dem er sich in einem offenen Brief an die Kanzlerin wendet. Was ist dran an seinen Thesen?

Videos von Professor Sucharit Bhakdi:

  • Corona-Krise: Offener Brief an die Bundeskanzlerin von Prof. Sucharit Bhakdi
  • Prof. Dr. Sucharit Bhakdi – Corona-Krise Nachtrag 2 – Schreckensszenario Italien
  • Prof. Dr. Sucharit Bhakdi – Corona-Nachtrag 1: Belastbarkeit des Gesundheitssystems
  • Corona-Krise: Prof. Sucharit Bhakdi erklärt warum die Maßnahmen sinnlos und selbstzerstörerisch sind

Wir zeigen die Videos an dieser Stelle bewusst nicht, um dessen Reichweite nicht zu unterstützen, schlüsseln aber die Kernthesen auf und unterziehen sie einem Faktencheck.

Die Kommentare unter den Videos zeigen, dass ihn viele User als Experten wahrnehmen. Ist er das in diesem konkreten Fall wirklich? Es gibt zwar viel Kritik unter den Videos, aber auch viel Zuspruch. Ein ähnliches Bild zeigte sich auch beim Video von Dr. Wolfgang Wodarg, der ebenfalls auf Youtube mit seinen Aussagen für viel Verwirrung sorgte, aber auch Unterstützung bekam von Usern, die den Umgang mit der Corona-Pandemie in Deutschland für übertrieben halten.

Mittlerweile war Bhakdi für ein Interview bei Ken Jebsen von Ken FM – ein seit Langem hochumstrittener Youtube-Kanal, der insbesondere in der Corona-Krise „auch oft in die Verschwörung abrutscht“ und „schon sehr offensichtlich eine Stimmung generiert“, erklärt Medienjournalist Daniel Bouhs im Deutschlandfunk.

Was ist also dran an den Thesen und vor allem an den scheinbaren Fakten, die im Video von Professor Sucharit Bhakdi angeführt werden, um die Gefahr des Coronavirus als völlig übertrieben und die Maßnahmen dagegen als zerstörerisch zu bezeichnen? Ist es wirklich so, dass COVID-19 derart überschätzt wird? Das Schwierigste vorab: Es fallen viele Zahlen, aber keine konkreten Quellenangaben, auch nicht auf Nachfrage.

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These 1

Das Virus töte nicht allein, sondern nur im Verbund mit anderen Krankheiten

Bhakdi zweifelt zunächst daran, dass die Zahlen, die als Todesfälle durch Corona angegeben würden, korrekt sind. Die Todesraten zum Coronavirus seien nicht aussagekräftig, behauptet er: Dadurch, dass es in Verbindungen mit anderen Erkrankungen zum Tod führe, würde das Virus gefährlicher eingeschätzt als es tatsächlich ist. „Wenn ein Virus nicht selbst tötet oder allein tötet, sondern nur im Verbund mit anderen Krankheiten, dann darf man dem Virus nicht die Schuld alleine in die Schuhe schieben.“

Richtig ist: Bestimmte Risikogruppen sind anfälliger für schwere Verläufe bei COVID-19. Das ist ähnlich wie bei einer Grippe. Besonders betroffen sind ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen.

Mehr als 95 Prozent der am neuen Coronavirus gestorbenen Menschen in Europa sind nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) über 60 Jahre alt gewesen. Auch chronische Vorerkrankungen seien ein Faktor, der bei 80 Prozent der Betroffenen eine Rolle gespielt habe, insbesondere Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Bluthochdruck oder Diabetes. Das sind jeweils hohe Anteile, aber eben nicht alle.

Falsch ist: Die Frage, ob Menschen ausschließlich mit und nicht durch das Virus sterben, ist für Wissenschafter schwierig zu lösen. Es handelt sich dabei immer um Modellrechnungen. Eine britische Studie legt den Schluss nahe, dass Männer, die mit COVID-19 sterben, 13,1 Lebensjahre verlieren und Frauen 10,5 Jahre. Die Forscher merken an, dass sie die exakte Schwere der Vorerkrankungen nicht einberechnen können, betonen aber, dass selbst wenn dies berücksichtigt würde, immer noch ein hoher Verlust an Lebensjahren bliebe.

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Im Mai kam nun eine grobe Analyse heraus für Deutschland, die sich damit deckt: Menschen in Deutschland, die an COVID-19 gestorben sind, hätten ohne die Virus-Erkrankung – und trotz Vorerkrankungen – im Schnitt neun Jahre länger gelebt. Zu diesem Ergebnis kommt eine Daten-Analyse des NDR. Es liegt also nahe, dass nicht jeder ältere Mensch, der dem Coronavirus erliegt, lediglich „in Verbund mit anderen Krankheiten“ verstirbt, wie Bhakdi behauptet.

Infektiologe Clemens Wendtner, Chefarzt der Abteilung für Infektologie an der Uniklinik in München-Schwabing, sagte dem NDR, die Annahme, das Virus raffe nur die dahin, die ohnehin bald gestorben wären, verharmlose die Situation. Zu den relevanten Vorerkrankungen gehören auch solche, mit denen man durchaus lange leben kann. In den Risikogruppen sind auch Diabetiker, schlecht eingestellte Asthmatiker, Menschen mit starkem Übergewicht oder bestimmten körperlichen Behinderungen – Vorbelastungen, mit denen viele Menschen jahrelang leben können.

Außerdem wird Alter an sich als ein Risikofaktor eingeordnet, unabhängig von der Vorerkrankung. Aber: Nicht jeder Mensch, der alt ist, ist krank. Und es trifft auch junge Menschen:

Die bloße Vorstellung, dass COVID-19 nur ältere Menschen betrifft, ist sachlich falsch. Junge Menschen sind nicht unbesiegbar.

Hans Kluge, WHO-Regionaldirektor für Europa

Nach Angaben der WHO haben 10 bis 15 Prozent der Menschen unter 50 Jahren mit der Lungenkrankheit einen mittelschweren bis schweren Verlauf. „Schwere Fälle der Krankheit sind in Menschen im Teenageralter oder ihren 20ern gesehen worden, viele davon brauchten eine Intensivpflege und einige starben leider“, sagte Kluge.

Das ist nicht die Regel, wie uns Tropenmediziner Peter Kremsner im Gespräch mit SWR3 bestätigt: „Auch junge Menschen können schwer erkranken, das ist aber weiterhin die sehr große Ausnahme.“ Dennoch: Je mehr Fälle es gibt, desto höher die Wahrscheinlichkeit für solche Ausnahmen.

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In den sozialen Netzwerken werden vielfach die Untersuchungen von Professor Klaus Püschel, einem Hamburger Rechtsmediziner, als Bestätigung der Aussagen von Bhakdi angeführt. Das ist nicht ganz richtig. Püschel untersuchte seit Beginn der Pandemie COVID-19-Verstorbene in Hamburg und stellte fest, dass alle Vorerkrankungen hatten. Das bestätigt die gängige Experten-Erwartung eines hohen Anteils dieser Gruppe, sagt aber nichts über die Schwere der Vorerkrankungen aus oder lässt schließen, wie viele Menschen ohne einer Corona-Erkrankung problemlos weitergelebt hätten.

Püschel forderte von Beginn an mehr Obduktionen, um klarere Aussagen darüber treffen zu können, wie tödlich das Coronavirus tatsächlich ist. Dies unterstützten der Bundesverband Deutscher Pathologen (BDP) und die Deutsche Gesellschaft für Pathologie (DGP). Nachdem das Robert-Koch-Institut (RKI) seine Empfehlung dazu überarbeitet hatte, gibt es an mehreren Orten Untersuchungen an den Verstorbenen. Ergebnisse der Pathologen fasst die Deutsche Welle hier zusammen. David Horst, Chef-Pathologe der Berliner Charité sagte zur Berliner Zeitung:

In den bei uns obduzierten Fällen sind die Menschen „an“ Corona gestorben. Zwar hatten alle Verstorbenen Vorerkrankungen, aber nicht in einem Ausmaß, dass diese jetzt akut lebensbedrohlich gewesen wären. Insofern halte ich es für ganz wichtig, dass nicht der Eindruck entsteht, Corona wäre nicht gefährlich, weil die Menschen sowieso gestorben wären. Sie wären ohne Corona nicht jetzt gestorben.

David Horst, Pathologe Berliner Charité

Wichtig außerdem: Auch Klaus Püschel bezieht seine Prognose, nach der die Zahl der Verstorbenen sich in diesem Jahr durch die Pandemie nicht sonderlich verändern werde, ausdrücklich auf die Todeszahlen speziell in Deutschland. Ausschlaggebend seien, so sagte er im Interview im ZDF, die hierzulande getroffenen Maßnahmen:

Danke an die Entscheidungsträger, die das getan haben. Die Kollegen aus dem Bereich Epidemiologie und Virologie. Die haben jetzt richtige Entscheidungen getroffen.

Prof. Klaus Püschel, Hamburger Rechtsmediziner

Das RKI geht eher davon aus, dass die Todeszahlen unterschätzt und nicht überschätzt werden. Denn es sei auch denkbar, dass Menschen an oder mit COVID-19 sterben, die nie getestet wurden und daher nicht in die Statistik eingehen.

Fazit: Das Virus kann auch ohne andere Erkrankungen tödlich sein und kostet auch Menschen mit Vorerkrankungen offenbar einige Lebensjahre. Betroffen sind nicht ausschließlich alte Menschen. Auch in jungem Alter ist ein schwerer Verlauf der Krankheit möglich. Wie hoch der jeweilige Anteil genau ist oder wie hoch er wäre, wenn es keine Einschränkungen und entsprechenden Maßnahmen gäbe, lässt sich auf der vorhandenen Datengrundlage noch nicht abschließend feststellen.

These 2

In Norditalien und China sei die Pandemie wegen der Luftverschmutzung schlimmer

Man vergesse, sich andere Faktoren anzusehen bei den Krankheitsverläufen von COVID-19, beklagt Bhakdi. Norditalien sei das China Europas, beide Länder hätten eine enorme Luftverschmutzung. Während der Professor gerade also noch sagte, dass das „Virus nicht selbst tötet oder allein tötet, sondern nur im Verbund mit anderen Krankheiten“, erweitert er nun das Feld für äußere Einflussfaktoren wie die Luftverschmutzung. Die Lungen der Menschen in diesen Regionen seien anders vorbelastet, möglicherweise zählt er diese Vorbelastung in die Definition von „andere Krankheiten“ – tatsächlich ist eine Vorbelastung aber noch keine Krankheit.

Richtig ist: Die Karte der Europäischen Umweltagentur EEA zeigt: Italien hat im Vergleich zu anderen westeuropäischen Staaten den meisten Feinstaub in der Luft. Insbesondere die Region Norditalien ist tatsächlich jedenfalls hinsichtlich des Feinstaubs stark belastet. Es gibt Studien, die auf einen Zusammenhang zwischen COVID-19-Fällen und Luftverschmutzung hindeuten.

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Falsch ist: Dass der Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und der Corona-Pandemie bereits wissenschaftlich fundiert geklärt wäre. Der Berliner Virologe Christian Drosten sagt in seinem Podcast, dass „einiges darüber spekuliert werde“, dass aber weitere Faktoren auch zu berücksichtigen seien – wie beispielsweise eine Vorbelastung der Lunge durch das Rauchen. So sei für Drosten eine mögliche Erklärung dafür, dass in China mehr Männer als Frauen an COVID-19 erkrankt sind, dass „in China vor allem die Männer rauchen“. Auch andere Experten halten dies für möglich, es gibt erste Studien dazu aus China, das Robert-Koch-Institut führt Raucher mittlerweile mit einer schwachen Evidenz für schwere Krankheitsverläufe als Risikogruppe auf. Darüber hinaus gibt es Studien, dass Männer häufiger von schweren Verläufen betroffen seien als Frauen. Das liegt allerdings vermutlich nicht an den Genen, sondern an unterschiedlichem Verhalten, wie SWR Wissen hier aufschlüsselt.

Ende April kam hierzu eine neue Studie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg heraus: Die Forscher sind die ersten, die konkrete Zahlen – und damit neue Hinweise – zum möglichen Zusammenhang zwischen Luftschadstoffen und Corona vorgelegt haben. Hier findest du mehr Infos zur Studie.

Fazit: Ganz sicher, wie genau welche Faktoren – beispielsweise die Luftverschmutzung – mit der Ausbreitung des Virus und den Krankheitsverläufen zusammenspielen, ist man sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht. Studien liefern aber Hinweise darauf hin, dass der Einfluss von Luftschadstoffen durchaus eine Rolle spielen könnte.

These 3

99 Prozent der infizierten Menschen hätten keine oder nur leichte Symptome

Die Statistik zu den Erkrankten am neuartigen Coronavirus sei falsch, so die Überzeugung von Bhakdi. Auf der Anzeigetafel des Professors im Youtube-Video sind es sogar 99,5 Prozent der Infizierten, die angeblich keine oder nur leichte Symptome hätten. Hieraus sei abzuleiten, dass es falsch und „eigentlich nicht erlaubt sein dürfte, von 10.000 Erkrankten zu sprechen. Sie sind nicht krank.“

Richtig ist: Viele Menschen, die an Corona erkranken, haben nur leichte oder vielleicht auch gar keine Symptome, da sind sich Experten einig.

Falsch ist: Bhakdi führt hier eine Zahl an, die er eigentlich gar nicht haben kann. Eine Zahl zu Patienten, die keine oder nur leichte Symptome hätten. Woher hat er sie? Er gibt keine Quelle an. Das Problem ist ja tatsächlich, dass es vermutlich eine hohe Dunkelziffer an Infizierten geben wird, die gar nicht wissen, dass sie das Coronavirus bereits hatten. Aber kein Experte kann diese Dunkelziffer zum jetzigen Zeitpunkt verlässlich benennen. Es gibt Schätzungen zur Dunkelziffer, wie SWR Aktuell hier zeigt – die aber momentan als Hochrechnungen oder Schätzungen bezeichnet werden müssen. Klar: Niemand geht zum Arzt, wenn er völlig symptomfrei ist, bekommt einen Corona-Test und lässt sich in die Statistiken einrechnen, deshalb laufen viele Studien, um genau sich der Sache anzunähern.

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Forscherteams sind beispielsweise in München unterwegs, um mithilfe von Freiwilligen genau dieser sehr wichtigen Dunkelziffer näher zu kommen. Sie nehmen Blutproben und untersuchen auf Antikörper, die sich etwa ein bis zwei Wochen nach der Infektion bilden. Insgesamt 3.000 zufällig ausgewählte Haushalte wollen die Wissenschaftler des Klinikums der Ludwig-Maximilians-Universität in München in die Untersuchung einbeziehen. Im Moment gibt es dazu aber keine verlässlichen Angaben.

Auch im Kreis Heinsberg wird geforscht, wie weit sich das Coronavirus dort bereits ausgebreitet hat. Der Virologe Hendrik Streeck hatte Anfang April erste Zwischenergebnisse präsentiert: Demnach sei in der besonders betroffenen Gemeinde Gangelt bei 15 Prozent der über 500 Probanden eine aktuelle oder bereits überstandene Infektion nachgewiesen worden. Virologe Streeck betonte auf einer Pressekonferenz in Düsseldorf, dass die Zwischenergebnisse nicht auf das gesamte Land übertragen werden könnten. Die Einschränkungen im öffentlichen Leben bezeichnete er als „richtig und wichtig“, gilt aber als Kritiker zu strenger Einschränkungen. Zunächst wurden die Zwischenergebnisse der Untersuchung vielfach als Beleg dafür angeführt, dass Maßnahmen in Deutschland gelockert werden müssten – dann gab es massive Kritik für die Methodik, mit der gearbeitet wurde sowie die Art und Weise, wie man die Zwischenergebnisse präsentiert hat. Ausführliche Informationen zur Kritik zu Methodik und Präsentation der Heinsberg-Studie findest du hier.

Etwa einen Monat später sind die Ergebnisse der Heinsberg-Studie ausgewertet, die die Zwischenbilanz weitgehend bestätigen. Das Datenjournalismus-Team des SWR hat sich hier mit Kritik und Fehlern der Studie auseinandergesetzt.

Was die milderen Verläufe angeht, bezeichnet das Robert-Koch-Institut rund 80% der Erkrankungen als „mild bis moderat“ – das bedeutet aber nicht, dass die Patienten gar nichts merken:

„Mild bis moderat“ betrifft Patienten mit oder ohne Pneumonie, ohne Atemnot, mit einer Sauerstoffsättigung im Blut von über 93% und ohne (CT-diagnostizierte) Lungeninfiltrate, die mehr als die Hälfte der Lunge betreffen.

Umgekehrt bleibt bei den Studien des RKI nicht etwa ein Prozent oder ein halbes Prozent von Infizierten mit schweren bis tödlichen Symptomen übrig, sondern 20 Prozent:

Vierzehn Prozent verliefen schwer (mit Atemnot, Sauerstoffsättigung unter 94%, oder Lungeninfiltraten in mehr als der Hälfte der Lunge), aber nicht lebensbedrohlich und in 6% war der klinische Verlauf kritisch bis lebensbedrohlich (mit Lungenversagen, septischem Schock oder multiplem Organversagen). Außerhalb von Wuhan/Hubei und außerhalb von China gibt es teilweise Beobachtungen, dass der Anteil milder Verläufe höher als 80% ist.

Fazit: Die Dunkelziffer der an COVID-19 erkrankten Personen wird vermutlich hoch sein, das erwarten jedenfalls die meisten Experten. Wie hoch sie aber ist, würde kein zuverlässiger Experte im Moment beziffern. Dazu laufen aktuell mehrere wissenschaftliche Untersuchungen.

These 4

Die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus seien sinnlos bis gefährlich

Denn: „Jeder ältere Mensch hat das Recht, sich zu bemühen, nicht zu den 2.200 zu gehören, die jeden Tag uns verlassen.“ Sport, Hobbys und soziale Kontakte würden den Menschen helfen, dieses Ziel zu erreichen. Das fiele nun durch die Beschränkungen weg. Sie können davon ausgehen, dass die Maßnahmen die Lebenserwartung dieser 2.200 Menschen verkürzen wird.“

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Ebenfalls beklagt Bhakdi die wirtschaftlichen Folgen sowie Engpässe bei der Versorgung im medizinischen Bereich. „Ich kann nur sagen, diese Maßnahmen sind selbstzerstörerisch und dass wenn die Gesellschaft diese Maßnahmen akzeptiert und durchführt, gleicht dieses einem kollektiven Selbstmord.“

Richtig ist: Der sogenannte Shutdown, den die Bundesregierung für Deutschland beschlossen hat, ist nicht unumstritten und hat schwerwiegende Folgen für die Menschen, ihren Alltag und längerfristig für die Wirtschaft. Dass diese Maßnahmen immer auf ihre Verhältnismäßigkeit geprüft werden müssen und nicht ewig weiterlaufen können, stellt wohl niemand in Frage. Schnell wurde gefordert, dass sich die Regierung um einen „Einstieg in den Ausstieg“ kümmert – also auch klare Pläne dafür macht, wie es schrittweise insbesondere mit der Wirtschaft wieder ins Laufen kommen kann. Es gibt ein Hilfsprogramm mit Corona-Soforthilfe für Menschen, die in der Pandemie an die Grenzen ihrer wirtschaftlichen Existenz kommen. Auch die EU-Finanzminister haben ein Hilfspaket geschnürt. Es hat ein Volumen von rund 500 Milliarden Euro. Aber das wird wohl auch nicht jedes Problem lösen.

Falsch ist: Dass die Regierung die Beschränkungen ohne wissenschaftliche Einschätzungen begangen hat, so wie es bei Bhakdi den Anschein erwecken kann. Die Maßnahmen seien „derzeit dringend erforderlich und entsprechen der durch die Pandemie ausgelösten Bedrohung“. Das meinen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen in einer Stellungnahme, die die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina vorlegte. Bei der Tagesschau findest du Details hierzu.

Falsch ist offenbar auch, dass die Maßnahmen in Deutschland nichts bringen. Es tut sich etwas, das zeigten bereits die ersten Untersuchungen. Wie viel das ist und ob es ausreicht, wird sich zeigen und muss auch regelmäßig hinterfragt werden. Auch die beschlossenen schrittweisen Lockerungen werden genau beobachtet.

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Eine erste Bilanz lautete: „Unsere Gesellschaft kann wirklich stolz darauf sein, dass sie diese Wende geschafft hat“, schreiben jedenfalls die Forscher des Göttinger Max-Planck-Instituts. Und nichts habe im Kampf gegen das Coronavirus so stark gewirkt, wie die Kontaktsperre vom 22. März. Die Göttinger haben in Modellrechnungen die verschiedenen Maßnahmen verglichen: Das Verbot von Veranstaltungen über 1.000 Personen vom 8. März, die Schließungen von Schulen, Kindergärten und vielen Geschäften am 16. – diese hätten den exponentiellen Verlauf der Epidemie jedoch noch nicht stark genug abgeschwächt. Am 22. März folgten dann die bislang letzten und härtesten Maßnahmen: die Kontaktsperren inklusive Abstandsgebot. Vor allem das, so glauben die Experten, habe letztlich die exponentielle Ausbreitung des Virus gebrochen.

Die Zahlen des Statistischen Bundesamts zeigen bislang eine leichte Übersterblichkeit in Deutschland. „In der Woche zwischen 20. und 26. April starben demnach in Deutschland mindestens 17.974 Menschen. Das waren 882 Fälle weniger als in der Woche davor und drei Prozent mehr als im Durchschnitt der vier Vorjahre. In der vorangegangenen Woche hatte die Abweichung acht Prozent betragen“, die Tagesschau fasst die Ergebnisse hier zusammen.

Die aktuelle Entwicklung der Sterbefallzahlen ist auffällig, weil die Grippewelle in diesem Jahr bereits seit Mitte März als beendet gilt. Üblicherweise beeinflussen Grippewellen bis Mitte April die Sterblichkeit. Es ist deshalb naheliegend, dass die aktuell beobachtete leichte Übersterblichkeit in einem Zusammenhang mit der Corona-Pandemie steht.

Statistisches Bundesamt

Zur Einordnung heißt es weiter: „Im europäischen Vergleich ist das Ausmaß der sogenannten Übersterblichkeit in Deutschland vergleichsweise gering.“ Beispielsweise Italien oder Schweden haben höhere Sterbefallzahlen. Wie die Entwicklung in Deutschland ohne die getroffenen Maßnahmen verlaufen wäre, lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten. Und: „Die Auswirkungen der aktuellen Entwicklung in Bezug auf das gesamte Kalenderjahr 2020 lassen sich auf Basis der gegenwärtigen Datenlage noch nicht abschätzen. Für eine abschließende Einordnung der Übersterblichkeit muss der gesamte Jahresverlauf betrachtet werden“, so das Statistische Bundesamt.

Wie die Maßnahmen und Regeln in Deutschland weitergeführt werden sollen und wie die Bundesregierung insbesondere die Wirtschaft weiter in Gang bringen will, soll in regelmäßigen Abständen bekanntgegeben werden.

Fazit: Die Maßnahmen der Bundesregierung sind nicht folgenfrei und können wohl in mancherlei Hinsicht auch gefährlich werden. Völlig sinnfrei oder wirkungslos sind sie aber offenbar nicht. Es bleibt eine Herausforderung, hier die Verhältnismäßigkeit mit guten Experten und möglichst validen Daten ständig zu überprüfen. Aber: Die Erforschung des neuen Coronavirus ist eben auch ein laufender Prozess, bei dem noch längst nicht alle relevanten Fragen geklärt sind.

Wer ist Professor Sucharit Bhakdi?

Wer ist eigentlich dieser Mann, der seit rund zwei Wochen einen Youtube-Kanal hat und mit seinen vier Videos zur Corona-Krise so viele Menschen erreicht? Sucharit Bhakdi ist emeritierter Professor. Er war 22 Jahre lang Leiter des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Mainz. Auf seinem Youtube-Kanal beschreibt er sich selbst als Experten, aber was heißt das schon?

Die Kollegen vom Bayerischen Rundfunk haben genauer nachgeschaut:

Auf Plattformen wie Web of Science oder researchgate kann man nachvollziehen, wie viel einzelne Forscher veröffentlichen oder wie oft sie von anderen zitiert werden. Das gilt als Gradmesser für die Resonanz, die die Forschung von Wissenschaftlern findet.

Die Suche nach Sucharit Bhakdi auf diesen Plattformen zeigt: Er wird zwar immer wieder zitiert, aber es gibt viele andere Forscher, die genauso viel oder mehr Resonanz erfahren als er. Tatsächlich sagen Fachkollegen, dass Bhakdi in den neunziger Jahren ein renommierter Mikrobiologe war.

Allerdings ist er seit acht Jahren im Ruhestand. Sein Forschungsgebiet waren zum Beispiel Atherosklerose, bakterielle Toxine, Malaria und Dengue. (Wikipedia, Researchgate). Epidemiologische Fragen, wie er sie rund um das neuartige Coronavirus in seinen Videos thematisiert, standen nicht im Zentrum.

Von seinem Ruhestand oder seinem Forschungsgebiet sagt der Professor, der sich selbst in seinem offenen Brief an die Bundeskanzlerin zu Beginn vorstellt, nichts. Er betont hingegen seine Expertise für Infektionskrankheiten. Tatsächlich hat aber selbst sein zurückliegendes Forschungsgebiet gar nicht so viel mit Corona zutun: Malaria und Dengue werden über Mücken auf den Mensch übertragen und nicht direkt über Viren an den Menschen. Das sind zwar auch Infektionskrankheiten, aber wissenschaftlich betrachtet ist es eine ganz andere, weit entfernte Sache.

Virologe Christian Drosten warnt vor vermeintlichen Experten, die häufig falsche oder irreführende Informationen rund um Corona verbreiten. Sein Tipp, um zu überprüfen, ob es sich um eine sichere Quelle handelt: Auf welchem Gebiet ist die Person spezialisiert? Was hat sie in der Vergangenheit zu diesem Thema schon veröffentlicht? Gibt es einen Hinweis, dass die Fachcommunity in Deutschland oder international diese Person als Experten respektiert? „Wenn das nicht der Fall ist, dann sollte man davon die Finger lassen und nicht seine Zeit damit verschwenden, eine Viertelstunde oder halbe Stunde in ein YouTube-Video zu investieren, das voller irreführender Meinungen ist und nicht auf wissenschaftlicher Kenntnis basiert“, so Drosten in seinem Podcast. . . . #fakenews #irreführend #falschnachrichten #vorsicht #christiandrosten #virologe #experten #viralevideos #akademiker #corona #coronavirus

Warum gibt es überhaupt Beschränkungen in Deutschland?

In Deutschland gelten je nach Bundesland unterschiedliche Beschränkungen, für alle gilt das Kontaktverbot, das die Bundesregierung ausgesprochen hat. Das soll dazu führen, dass Menschen weniger mit anderen Menschen in Kontakt kommen und sich also gegenseitig nicht so leicht anstecken.

Damit soll verhindert werden, dass sich rasend schnell zu viele Menschen anstecken und die Infektionszahlen derart steigen, dass das Gesundheitssystem im Zweifel überlastet werden könnte. Denn dann müssen die Ärzte – wie beispielsweise in Italien bereits der Fall – darüber entscheiden, welche Patienten sie beatmen und welche nicht. Weil für alle Patienten einfach nicht genügend Geräte zur Verfügung stehen.

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So eine Situation soll in Deutschland nicht entstehen. Das ist vor allem deshalb schwierig, weil das Virus sehr ansteckend zu sein scheint und bei vielen Menschen eben tatsächlich nicht besonders gefährlich verläuft. So können beispielsweise Kinder auch symptomfrei als Träger der Krankheit andere Menschen anstecken. Besonders gefährlich ist das für Menschen, die ein erhöhtes Risiko haben, einen schweren Verlauf der Erkrankung zu erleiden. Dazu gehören vor allem ältere Menschen und Leute, die unter Vorerkrankungen leiden – es gibt aber auch Fälle, in denen COVID-19 einen schweren Verlauf nahm, ohne dass die Patienten zu einer bestimmten Risikogruppe gezählt hätten.

Die Beschränkungen gelten also nicht nur, um sich selbst zu schützen. Sie sind vor allem dazu gedacht, Sorge für Risikogruppen zu tragen, damit sie sich nicht mit dem Coronavirus infizieren – und, um die Pandemie dahingehend im Griff zu halten, dass die Krankenhäuser nicht überlastet werden und die Patienten bestmöglich versorgt werden können. Außerdem ist es wichtig, Infektionsketten nachzuverfolgen, damit eben genau diese notwendige Kontrolle über die Ausbreitung gewährleistet werden kann.

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