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Zwölf Jahre lang hat Peter Boudgoust die Geschicke des SWR gelenkt. Er hat den Sender multimedial umgebaut, zwei Orchester erfolgreich fusioniert und den öffentlich-rechtlichen Rundfunk auch bei jüngeren Generationen wieder salonfähig gemacht. Ein Interview.

Ein Anliegen, das Sie von Anfang an beschäftigt hat, war: Wie schafft es der SWR, der öffentlich-rechtliche Rundfunk insgesamt, mehr junge Leute anzusprechen?

Wir sind an einem entscheidenden Punkt weitergekommen mit "funk", dem jungen Angebot für ARD und ZDF. Hier erreichen wir junge Menschen in ihrer Sprache, mit ihren Themen. Gerne auch frech, aber öffentlich-rechtlichen Werten verpflichtet. Das ist ein sehr großer Erfolg geworden, das freut mich persönlich sehr. Das war alles andere als einfach, dieses neue Angebot durchzusetzen. Trotzdem: Damit können wir es nicht bewenden lassen, wir müssen uns auch noch in allen anderen Programmen verändern. Wir müssen jünger werden, aber ohne unser älteres Publikum vor den Kopf zu stoßen. Wir müssen die Menschen dort erreichen, wo sie sind, also längst nicht mehr nur linear, im Fernsehen und im Radio, sondern primär mit unseren starken Onlineangeboten. Wir müssen auch im Netz zu einer Kraft werden, die unsere Stellung als wichtigster Informationsanbieter im Südwesten in digitale Zeiten übersetzt.

Einerseits müssen die linearen Programme weiterhin gut gemacht werden, zusätzlich muss man sich im Internet breit aufstellen und gleichzeitig steht der Sparzwang über allem. Wie schwierig ist dieser Spagat aus Ihrer Sicht?

Das ist sehr schwierig. Ein britischer Kollege von mir hat einmal gesagt: Wir müssen momentan zwei Pferde gleichzeitig reiten, ohne dass uns jemand mehr Hafer gibt. Das trifft auch unsere Lage gut - durch die steigenden Preise um uns herum werden unsere Mittel sogar effektiv weniger. Aber jeder muss sich in seiner Situation bewähren. Wir werden nicht deutlich mehr Geld bekommen, sondern wir müssen mit dem Geld, das wir haben, auskommen.


Was steht aus Ihrer Sicht, was die gesamte ARD betrifft, am dringendsten an?

Wir müssen entschlossen darauf setzen, dass die ARD Mediathek ein noch wichtigerer Ausspielweg für die Menschen wird. Ohne, dass wir dabei die linearen Programme vernachlässigen. Wir haben dabei schon viel erreicht: Die neue ARD Mediathek in SWR-Verantwortung vereint erstmals die hochwertigen Angebote von "Das Erste" und der Dritten auf einer gemeinsamen Plattform. Damit erhalten die Nutzerinnen und Nutzer durch alle Altersgruppen und gesellschaftlichen Schichten ein hervorragendes Bewegtbildangebot, und das rund um die Uhr.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Das öffentlich-rechtliche System ist heute wichtiger denn je. Gerade in Zeiten, in denen Meinungen und Fakten mitunter vermischt werden und aus der Fülle an Informationen kaum mehr ersichtlich ist, was stimmt und was nicht, braucht man dieses System, das den Menschen gehört in unserem Land, das keine wirtschaftlichen und auch keine politischen Interessen verfolgt. Das unbedingt unabhängig ist. Deshalb ist diese zivilisatorische Säule öffentlich-rechtlicher Rundfunk wichtiger denn je. Dafür lohnt es sich zu kämpfen.

Wenn man Ihre Zeit verfolgt, war ein Ereignis herausragend: Die Orchesterfusion war vielleicht die intensivste und umstrittenste Zeit und Entscheidung in Ihrer Amtszeit. Sie hatten sehr viel Gegenwind. Wie sieht die Bilanz dieser Fusion aus?

Es war auf jeden Fall eine schwierige Entscheidung, vermutlich die schwierigste in meiner Amtszeit. Ich war, und bin es auch heute noch, davon überzeugt, dass es unumgänglich war. Wir hatten die Wahl, zwei gute Orchester langsam ins Mittelmaß zu sparen, oder wirklich alle Mittel zu konzentrieren. Und wir haben richtig entschieden: Das SWR Symphonieorchester gehört zu den erfolgreichsten Orchestern in Deutschland. Und mit Teodor Currentzis haben wir einen absoluten Meister für uns gewonnen. Diese Qualität lässt sich nicht zuletzt an der Begeisterung ablesen, die das Publikum unserem Orchester entgegenbringt.

Was haben Sie für Pläne für den Ruhestand?

Das Amt des Präsidenten bei Arte wird noch einiges meiner Zeit ausfüllen - das ist auch gut so und darauf freue ich mich. Und ich werde die neue Freiheit genießen, vielleicht den Segelschein machen.

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