STAND
AUTOR/IN

Sie kam nicht vom Joggen heim: In Bayern wird seit Samstag ein elfjähriges Mädchen von ihren Pflegeeltern vermisst. Nun führt ihre Spur wohl zu der Sekte, der ihre leiblichen Eltern angehören.

Die seit Samstag vermisste Elfjährige aus dem Landkreis Dillingen in Bayern ist offenbar bei ihren leiblichen Eltern: Das habe ein Angehöriger der Sekte der „Zwölf Stämme“ den Pflegeeltern per Mail mitgeteilt, so der Pflegevater. Sie sollten sich keine Sorgen machen, dem Mädchen gehe es gut, sie sei bei ihren Eltern, hieß es in der Mail. Unterschrieben sei sie mit „Freunde von Levi“. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums in Augsburg sagte, die Mail müsse noch überprüft werden, ob sie authentisch sei.

Die Sekte war früher auch in Deutschland angesiedelt, zog aber dann nach Tschechien um, nachdem die deutschen Behörden gegen sie vorgegangen waren.

Von der tschechischen Polizei hieß es am Montag, man habe einen möglichen Aufenthaltsort des Mädchens in der Stadt Skalna in der Verwaltungsregion Karlsbad (Karlovy Vary) überprüft. Dort sei das vermisste Mädchen aber nicht gefunden worden. In Skalna befindet sich eine der zwei Gemeinschaften der „Zwölf Stämme“.

Leibliche Eltern gehören Sekte an

Die leiblichen Eltern gehören nach BR-Informationen der Sekte an und hatten es laut des Pflegevaters zuletzt Ende September besucht. Am 3. Oktober hatten sie nochmal telefoniert. Das Mädchen war am Samstag zum Joggen gegangen und nicht mehr nach Hause gekommen. Der Pflegevater hält es für wahrscheinlich, dass die leiblichen Eltern die Elfjährige beim Joggen abgepasst und mitgenommen haben. Die Eltern leben mit den zwei Geschwistern des Mädchens bei der Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ in Tschechien. 2013 war das Mädchen zu Pflegeletern gekommen.

Regelmäßiger Kontakt mit den Eltern aus der Sekte

Dass das Mädchen wieder bei den leiblichen Eltern ist, hatte der Pflegevater bereits vermutet, nachdem die groß angelegte Suchaktion der Polizei am Wochenende erfolglos geblieben war. Laut Polizei wurde am Montag nicht weitergesucht, Ermittlungen stünden nun im Vordergrund, so ein Sprecher der Kripo Dillingen. Im Laufe des Vormittags soll es weitere Informationen geben, sofern es neue Erkenntnisse gebe.

Eltern haben Tocher möglicherweise entführt

Ob hinter der Mail wirklich die „Zwölf Stämme“ stecken, ermittelt gerade die Polizei, sagte ein Sprecher dem BR. Wenn es sich bestätigen sollte, dass die leiblichen Eltern das Mädchen mitgenommen haben, dann handle es sich hier nach aktuellem Ermittlungsstand um eine Kindesentziehung, so der Sprecher weiter. Unklar ist derzeit, wo genau sich das vermisste Kind aufhält.

Was ist das für eine Glaubensgemeinschaft?

Die Sekte wurde Anfang der 70er in den USA gegründet. In den 80ern entstand in Südfrankreich die erste europäische Kommune. In Deutschland sind sie 1994 das erste Mal bei Bremen aufgetaucht. Weltweit soll es heute rund 2.000 Anhänger geben. Die „Zwölf Stämme“ sehen sich als sehr bibeltreu. Die Mitglieder der Sekte müssen hart und lange arbeiten, meist in der Landwirtschaft. Selbst angebautes Obst und Gemüse verkaufen sie. Persönliches Eigentum ist allerdings tabu, ebenso wie Fernsehen oder Zeitunglesen. Kinder werden systematisch von der Außenwelt abgeschottet und Frauen sind den Männern klar untergeordnet. SWR3-Nachrichtenredakteurin Caro Knape fasst im Audio zusammen, was über die Sekte bekannt ist.

Es gibt Hinweise, dass die Eltern des vermissten Mädchens Sektenmitglieder bei den "Zwölf Stämmen" sind. (Foto: dpa Bildfunk, Picture Alliance)

Nachrichten Was wir über die „Zwölf Stämme“-Sekte wissen?

Dauer

Razzia bei den „Zwölf Stämmen“ in Klosterzimmern

Nach einer Razzia im Jahr 2013 bei der damals in Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries lebenden Gemeinschaft der „Zwölf Stämme“ war den Eltern der rund 40 minderjährigen Kinder das Sorgerecht entzogen worden, unter anderem weil Schläge zu den Erziehungsmethoden gehören.

Jetzt hat das Landratsamt Dillingen gesagt, dass auch das verschwundene Mädchen zu diesen Kindern zähle. Es sei seit acht Jahren bei den jetzigen Pflegeeltern, sagte ein Sprecher der Kreisbehörde. Die leiblichen Eltern hätten in dieser Zeit „unregelmäßigen Kontakt“ zu dem Kind gehabt.

Sekte unterrichtet Kinder nur zu Hause

In der Sekte wurde der Nachwuchs zuhause unterrichtet, dabei wurden die Kinder regelmäßig mit der Rute gezüchtigt. Mehrere Sektenmitglieder mussten sich vor Gerichten verantworten, eine Lehrerin der Einrichtung erhielt sogar eine Gefängnisstrafe ohne Bewährung. Die Frau hatte gar nicht die notwendige Qualifikation, um überhaupt als Lehrerin zu arbeiten.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hatte 2018 entschieden, dass er keine Menschenrechtsverletzung im Fall des Sorgerechtsentzugs bei der Sekte sieht. Vier Familien hatten in Straßburg geklagt. Die Glaubensgemeinschaft ist indes weiter aktiv.

STAND
AUTOR/IN
SWR3 Nachrichten (Foto: SWR3)

Radionachrichten 29. November, 0:00 Uhr - SWR3 Nachrichten

Dauer

Meistgelesen

  1. Zweifelhafte Höchstleistung Raser wird 85 Mal geblitzt – in einem Monat

    In München ist ein Mann ganze 85 Mal geblitzt worden – in nur einem Monat. Dafür erwartet ihn jetzt eine ordentliche Geldstrafe.  mehr...

  2. B.1.1.529 breitet sich aus Omikron: Was über die Corona-Variante aus Südafrika bekannt ist

    Seit der Delta-Variante hat keine neue Variante des Coronavirus so große Besorgnis ausgelöst wie B.1.1.529 aus Südafrika, auch Omikron genannt.  mehr...

  3. Dortmund

    SWR3 Tatort-Check: „Masken“ „Das echte, kantige, wirkliche Leben“

    Das Tatort-Team aus Dortmund um die Kommissare Faber und Bönisch ermittelt im Fall eines ermordeten Polizisten, der jede Menge Affären hatte, obwohl seine Frau schwanger ist.  mehr...

  4. Impfdurchbruch Wie verläuft Corona bei Geimpften?

    Vollständig geimpft und trotzdem passiert das: Der PCR-Test fällt positiv aus. Das scheint immer häufiger zu passieren. Wie das RKI die Situation einschätzt und welche Symptome Geimpfte mit Corona-Erkrankung haben, lest ihr hier.  mehr...

  5. Neuer Corona-Impfstoff Wende in der Pandemie dank Totimpfstoff Novavax?

    Der US-Hersteller Novavax hat bei der EMA seinen Totimpfstoff eingereicht. Bringt der neue Impfstoff nun die Impfwende und das Ende der Pandemie?  mehr...

  6. Neue Gesetze treten in Kraft Recht auf schnelles Internet: Das wird neu im Dezember

    Am 1. Dezember tritt das neue Telekommunikationsgesetz in Kraft. Hinter dem hölzernen Namen verbergen sich aber gewaltige Änderungen für Verbraucher.  mehr...