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Björn Widmann
Björn Widmann, SWR3; Foto: SWR3
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Schwangere Frauen bekommen Trisomie-Bluttests von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt. Allerdings kann das noch dauern – und die Voraussetzungen sind streng.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) von Ärzten, Kassen und Kliniken als oberstes Entscheidungsgremium hat beschlossen, die Übernahme der Kosten unter sehr engen Voraussetzungen zu ermöglichen.

Nur so werde klar und eindeutig geregelt, dass der Bluttest nicht als ethisch unvertretbares „Screening“ eingesetzt werde, sagte der G-BA-Vorsitzende Josef Hecken.

Die neue Kassenleistung soll es „nur in begründeten Einzelfällen“ für Frauen mit Risikoschwangerschaften geben. Und auch nur nach einer ärztlichen Beratung und verbunden mit bestimmten verpflichtenden Informationen.

Bluttests sollen Fruchtwasseruntersuchung ersetzen

Die Bluttests sollen von den Kassen bezahlt werden, um die Risiken einer sonst erforderlichen invasiven Fruchtwasseruntersuchung zu vermeiden. Bei der kann es als schlimmste Komplikation zu Fehlgeburten kommen.

Die Beratung durch den Arzt soll „ausdrücklich ergebnisoffen“ sein. Dabei soll auch auf das jederzeitige „Recht auf Nichtwissen“ von Testergebnissen hingewiesen werden.

Übernahme der Kosten frühestens Ende 2020

Allerdings wird es noch eine ganze Weile dauern, bis die Kassen die Kosten tatsächlich erstatten. Erst einmal muss der G-BA noch beschließen, wie eine Infobroschüre aussehen soll, die zum Test gehört. Das wird voraussichtlich Ende 2020 entschieden. Und auch das Bundesgesundheitsministerium muss die Beschlüsse wie üblich billigen.

Natalie Dedreux; Foto: picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Aktivistin Natalie Dedreux setzt sich dafür ein, dass es weiter Menschen mit Trisomie 21 gibt

picture alliance/Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Schwangere können die Bluttests schon seit Ende 2012 machen – müssen sie seitdem aber selbst bezahlen. Der Test gibt unter anderem Aufschluss darüber, ob das Kind mit Trisomie 21 auf die Welt kommen könnte, also mit Down-Syndrom. Aber auch andere Trisomie-Formen können damit festgestellt werden.

Bei einem Down-Syndrom haben Menschen in jeder Zelle ein Chromosom mehr als andere. Das Chromosom 21 ist dreifach vorhanden, daher die Bezeichnung Trisomie 21. Folgen sind körperliche Auffälligkeiten und eine verlangsamte motorische, geistige und sprachliche Entwicklung. Ausprägungen sind aber sehr unterschiedlich.

Twitter-User finden Kostenübernahme nicht gut

Viele Twitter-User finden, dass die Übernahme der Kosten für Bluttests der falsche Weg sind. Ihnen sei eine bunte Gesellschaft lieber.

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Katholische Kirche kritisiert Entscheidung

Kritik an der G-BA-Entscheidung kommt unter anderem von den katholischen Bischöfen: „Die Entscheidung berührt den Schutz des ungeborenen Lebens aus unserer Sicht auf empfindliche Weise, denn sie könnte die Entwicklung eines generellen Screenings auf eine Vielfalt von genetischen Auffälligkeiten und Eigenschaften im Rahmen der Pränataldiagnostik fördern“, sagte der Pressesprecher der Bischofskonferenz, Matthias Kopp.

Nicht-invasive Tests vor der Geburt verstärkten die Tendenz, eine Schwangerschaft zuerst als „Schwangerschaft auf Probe“ zu betrachten, sagte Kopp weiter. „Das lehnen wir aufgrund der Schutzwürdigkeit jedes menschlichen Lebens ab dem Zeitpunkt der Zeugung ab.“

Politiker sehen Kostenübernahme kritisch

Die behindertenpolitische Sprecherin der Grünen, Corinna Rüffer, erklärte, die Politik müsse dringend die Bedingungen für genetische Testverfahren in der Schwangerschaft festlegen. Durch die Übernahme der Kosten durch die gesetzlichen Krankenkassen werde signalisiert, dass der Test sinnvoll sei. „Schwangeren zu suggerieren, es sei ein Risiko, solch ein Kind zu bekommen, ist falsch.“

Der Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Jürgen Dusel, forderte, Kinder mit Behinderungen und deren Familien zu stärken. Sie brauchten mehr Respekt, Anerkennung und staatliche Unterstützung, zum Beispiel bei Therapien, Hilfsmitteln oder der Suche nach einem Kita-Platz.

Für die Caritas-Behindertenhilfe widerspricht die Entscheidung der Uno-Behindertenrechtskonvention. Der Staat solle für die Wertschätzung von Menschen mit Behinderung eintreten. Viele Behinderte empfänden die Kostenübernahme für Bluttests als Hinweis darauf, „dass sie in unserer Gesellschaft zunehmend nicht mehr erwünscht sind“.

Es gibt auch Lob für die Entscheidung

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Hilde Mattheis findet die G-BA-Entscheidung gut. Damit werde das Selbstbestimmungsrecht der Frauen gestärkt. Immerhin sei die Frage der Kostenübernahme für Pränataldiagnostik eher eine soziale statt eine ethische Frage.

Und auch die gesundheitspolitische Sprecherin der FDP-Fraktion, Christine Aschenberg-Dugnus, findet die Kostenübernahme richtig. Denn die viel riskantere Fruchtwasseruntersuchung werde schließlich schon lange gezahlt. „Ein Test darf nicht vom Geldbeutel abhängen.“ Wichtig sei, dass es eine begleitende ärztliche Beratung gebe.

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