Autor
Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Eigentlich müsste das Gehirn von Audrey Mash (34) für immer beschädigt sein. Nach menschlichem Ermessen dürfte sie gar nicht mehr leben. Doch ihre „Todesursache“ war gleichzeitig auch ihre Rettung.

Mash und ihr Mann Rohan Schoeman wanderten Anfang November in den Pyrenäen, als sie in einen Schneesturm gerieten. Die Temperatur fiel, der Wind verstärkte den Kälteeffekt noch. Irgendwann, sagt ihr Mann, habe Mash begonnen, „seltsam und unzusammenhängend“ zu sprechen. Kurz darauf sei sie bewusstlos geworden.

„Ich dachte, sie sei tot“

Ihr Mann bemühte sich, sie wieder zu Bewusstsein zu bringen, doch vergeblich: „Ich versuchte, einen Puls zu fühlen. Doch ich spürte weder Atem noch Herzschlag. Ich dachte, sie sei tot.“

Schoeman rief den Rettungsdienst, doch ein Hubschrauber kam wegen des stürmischen Wetters erst nach zwei Stunden bei dem Paar an. Inzwischen – und hier beginnt die Geschichte von Mashs wundersamer Rettung – war ihre Körpertemperatur auf 18 Grad gesunken.

Ab da wurde Mash reanimiert, also der gestoppte Blut- und damit der Sauerstoffkreislauf künstlich hergestellt – zwei Stunden nach dem mutmaßlichen Aussetzen des Herzschlags. Dabei galten zehn Minuten ohne Herzschlag lange als Grenzlinie des Lebens zu (Hirn-) Tod oder Siechtum. Schon nach spätestens 20 Sekunden ist der Sauerstoff im Gehirn verbraucht.

„Normalerweise 45 Minuten – in Einzelfällen etwas länger“

Mash wurde dann in die naheliegende Gemeinde Campdevànol und von dort aus weiter ins etwa 90 Kilometer entfernte Universitätskrankenhaus Vall d'Hebron in Barcelona geflogen. Doch erst um 21.46 Uhr – nach mehr als sechs Stunden ohne eigenen Herzschlag – erreichte ihr Körper wieder eine Temperatur von 30 Grad. Mithilfe eines Defibrillators wurde Mash schließlich zurück ins Leben „geschockt“.

Hier siehst du Mash im Video:

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„Wir wussten, dass sie im Zusammenhang mit einer Hypothermie (Unterkühlung, Anmerkung der Redaktion) Überlebenschancen hatte“, wird der behandelnde Arzt Eduard Argudo zitiert. Diese starke Unterkühlung hätte zwar fast den Tod der Britin verursacht, schützte aber gleichzeitig ihren Organismus und ihr Gehirn vor bleibenden Schäden.

Und dennoch sind schon Mashs erste zwei Stunden ohne Wiederbelebungsmaßnahmen ein kleines Wunder: „Bei einem Menschen ohne Kreislauf kann eine sofortige und sehr starke Kühlung den Hirntod bis zu 45 Minuten hinauszögern, in Einzelfällen sogar ein wenig länger“, zitiert die Deutsche Presseagentur Bernd Böttiger, Direktor der Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin des Universitätsklinikums Köln. Spätestens dann sei eine Herz-Lungen-Wiederbelebung notwendig. 

Ärzte in Baltimore erproben revolutionäre Methode

Dass Kälte Leben rettet, versuchen US-Mediziner seit Längerem zu nutzen: Schon in den 90er Jahren haben sie eine Methode entwickelt, die Schwerstverletzte retten soll. Dabei wird der Körper auf zehn bis 15 Grad gekühlt. Dann wird ihm sämtliches Blut entzogen und durch eine Salzlösung ersetzt. Jetzt beginnt die „Reparatur“. Maximal zwei Stunden sind dafür angesetzt. Anschließend wird das Blut wieder eingeführt und der Verletzte defibrilliert.

Schon zu Beginn funktionierte die Methode bei Schweinen recht gut. Seit Kurzem wird sie in Baltimore erstmals bei Menschen angewandt. Ob diese „hypothermische Therapie“ bislang funktioniert hat, darüber bewahrt die University of Maryland School of Medicine bislang noch Stillschweigen.

Am Freitag zeigte sich Audrey Mash mit ihren Helfern der Öffentlichkeit. Schäden waren keine zu erkennen. Sie selbst spricht von einem Wunder. Im Frühjahr will sie wieder wandern.

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