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Datenhändler schalten auf der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit täglich Tausende Stellenanzeigen, die Daten der Bewerber verkaufen sie weiter. SWR-Reportern gelang es, die Masche nachzuweisen.

Datenhändler schalten auf der Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit täglich Tausende Stellenanzeigen, die Daten der Bewerber verkaufen sie weiter. SWR-Reportern gelang es, die Masche nachzuweisen.

Mechatroniker, IT-Spezialist oder Bürokauffrau - Johann S. bietet für viele Arbeitssuchende die passende Stelle an. Und das deutschlandweit. Über die Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit (BA) schaltet er täglich bis zu 3000 Stellenangebote.

Die Jobbeschreibungen sind allgemein gehalten, die Anforderungen an die Bewerber gering. Nicht einmal ein Anschreiben wird gefordert. Alles, was ein Bewerber tun muss, ist Lebenslauf und Zeugnisse an eine E-Mail-Adresse schicken.

Keine Antwort unter dieser Nummer

Weitere Informationen zur ausgeschriebenen Stelle, Antworten auf Nachfragen? Fehlanzeige. Unter der angegebenen Telefonnummer ist niemand erreichbar. Auf Nachfragen per Mail erhält der Bewerber eine standardisierte Antwort, die ihn um Erlaubnis bittet, die Bewerbung an "interessierte Geschäftspartner" des Hauses weiterzuleiten.

SWR-Reporter finden mehrere verdächtige Firmen und verschicken Testbewerbungen. Wenige Tage später meldet sich eine Zeitarbeitsfirma aus Stuttgart - hier hatten sich die Reporter nie beworben. Auf Nachfrage teilt die Zeitarbeitsfirma mit, die Bewerber-Daten von einem Vertragspartner erhalten zu haben - eine der fünf Firmen von Johann S.

Screenshot der Online-Jobbörse der Bundesagentur für Arbeit; Foto: Screenshot Bundesagentur für Arbeit

Screenshot der Online-Jobbörse

Screenshot Bundesagentur für Arbeit

Zum Festpreis oder als Flatrate

S. bietet auf den Internetseiten seiner Firmen, zu denen in den Stellenanzeigen verlinkt wird, Unternehmen die Vermittlung von Personal an - zum Festpreis oder als "Flatrate". SWR-Reporter kontaktieren ihn, wollen für ein fingiertes Unternehmen Bewerberdaten kaufen.

S. bietet den verdeckten Reportern am Telefon vollständige Bewerbungsmappen zum Kauf an - für rund drei Euro je Datensatz, alternativ sei auch eine "Flatrate" möglich. "Wir generieren jeden Monat zwischen 3000 und 5000 Datensätze von Bewerbern, auf die Sie dann zugreifen können", so S. in dem Verkaufsgespräch.

Regelmäßige Lieferung vollständiger Datensätze

Die Journalisten schließen einen Vertrag mit ihm ab, erhalten von da an mehrmals täglich vollständige Bewerbungsunterlagen, also Lebenslauf, Schul- und Arbeitszeugnisse. Und das, ohne eine Stelle ausgeschrieben zu haben oder überhaupt ein Unternehmen zu besitzen.

Die SWR-Reporter kontaktieren einige Bewerber der erhaltenen Datensätze. Diese reagieren schockiert darauf, dass mit ihren sensiblen Daten gehandelt wird; informiert wurden sie darüber nicht.

Verstoß nicht nur gegen Nutzungsbedingungen

Das Vorgehen der Datenhändler ist nicht nur ein Verstoß gegen die Nutzungsbedingungen der Jobbörse, in denen sie darauf hinweist, dass das Aufbauen von sogenannten "Bewerberpools" verboten ist und dass hinter jedem Angebot auch eine Stelle existieren muss.

Vielmehr ist dieser Handel nach Ansicht von Experten wie dem Datenschutzbeauftragten von Baden-Württemberg, Stefan Brink, ein "gravierender Verstoß" gegen geltende Gesetze. "Das ist schlicht und ergreifend illegal, was da gemacht wird", so Brink. "Bewerberdaten sind sehr sensible Daten, die gesetzlich besonders geschützt sind, und das zu verletzen muss sehr massive Sanktionen nach sich ziehen."

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit in der Außenansicht; Foto: picture alliance/dpa

Die Zentrale der Bundesagentur für Arbeit

picture alliance/dpa

Bewerber müssen informiert werden

Die Weitergabe und der Verkauf von Bewerbungsunterlagen seien streng verboten. Vor einer Weitergabe müssten die Bewerber genau informiert werden und in jedem Einzelfall ihre Zustimmung erteilen.

Das sei hier nicht der Fall, und daher handle es sich um einen klaren Gesetzesverstoß. "Hier reden wir nicht mehr nur von Bußgeldern, die in so einem Fall bis zu 20 Millionen Euro betragen können, sondern von Straftaten", so Brink.

Auch Arbeitsmarktexperte Prof. Stefan Sell von der Hochschule Koblenz ist über das Ausmaß entsetzt: "In dieser Größenordnung ist das tatsächlich eine neue Dimension. Hier legen wir tatsächlich einen Skandal offen, den man sich bisher so nicht hat vorstellen können."

Der Händler streitet ab

S. streitet auf Nachfrage alle Vorwürfe ab. Zu einer öffentlichen Stellungnahme ist er nicht bereit.

Die Bundesagentur für Arbeit teilt schriftlich mit, ihr lägen keine Hinweise vor, dass ihre Jobbörse von Datenhändlern missbraucht werde. Aufgrund der Vielzahl an Stellenangeboten könne jedoch "nicht vollständig ausgeschlossen werden, dass einzelne Stellenangebote gefälscht oder fingiert" seien.

Arbeitsmarktexperte Sell wirft der Arbeitsagentur mangelnde Kontrolle vor: "Die Bundesagentur sieht natürlich überhaupt nicht genau hin, wer von den Arbeitgebern oder sogenannten Arbeitgebern dort Stellenangebote einstellt. Da zählt das Gesetz der großen Zahlen. Die Bundesagentur hat erstmal ein Interesse daran, dass möglichst viele Stellenangebote dort eingestellt werden."

Masche wurde erstmals 2009 bekannt

Der Linken-Bundestagsabgeordneten Jessica Tatti sind Datenhändler auf der BA-Jobbörse schon länger ein Dorn im Auge. Denn schon 2009 wurde bekannt, dass die Jobbörse auch von Datenhändlern genutzt wird, wenn auch noch in wesentlich geringerem Ausmaß.

Vergangenes Jahr stellte die Linken-Abgeordnete eine kleine Anfrage zu diesem Thema an die Bundesregierung. "Die Bundesregierung gab sich arglos, sah keinen Handlungsbedarf und legte die Hände in den Schoß", sagt Tatti.

Auf die Erkenntnisse der SWR-Recherchen nun reagiert sie "fassungslos und stinksauer". Tatti kündigt an, sowohl die Bundesagentur für Arbeit als auch Arbeitsminister Hubertus Heil zu kontaktieren. "Beide dürfen den Schutz von Arbeitssuchenden nicht länger auf die leichte Schulter nehmen."

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