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Mario Demuth
Mario Demuth, SWR3; Foto: SWR3
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Das Attentat von Christchurch wurde live ins Internet gestreamt. Die großen Online-Plattformen löschen Kopien des Videos. Dennoch werden die Aufnahmen immer wieder im Netz auftauchen. Ein 18-Jähriger Neuseeländer hatte den Livestream geteilt. Er muss sich jetzt vor Gericht verantworten.             

17 Minuten lang waren furchtbare Szenen von den Anschlägen in Christchurch zu sehen. Der Attentäter benutzte eine Helmkamera und streamte seine Taten live über Facebook. Die Verantwortlichen des Sozialen Netzwerkes löschten das Video nach einem Hinweis durch die Polizei. Doch zu diesem Zeitpunkt existieren bereits genug Kopien.

Bild zeigt ein Laptop-Display mit der Startseite von Youtube.; Foto: dpa/picture-alliance

Auch auf Youtube wurden Kopien des Christchurch-Videos hochgeladen.

dpa/picture-alliance

Die Aufnahmen verbreiteten sich unkontrolliert weiter. Immer wieder wurden Kopien des Videos auf verschiedenen Plattformen ins Netz gestellt.

Die Polizei und neuseeländische Behörden forderten User auf, genau das nicht zu tun – offenbar mit wenig Erfolg. Damit zeigt sich erneut, wie schwer es ist, gegen Gewalt-Videos vorzugehen.

18-Jähriger wegen Video-Verbreitung vor Gericht

In Christchurch muss sich nun ein 18-Jähriger vor Gericht verantworten. Er soll den Livestream geteilt haben und zu weiterer Gewalt aufgerufen haben. Der junge Mann wurde bereits am Freitag festgenommen. Nach Angaben der Polizei soll er allerdings nicht mit den Anschlägen in Verbindung stehen.

Was tun Online-Anbieter gegen Video mit verbotenen Inhalten?

Zunächst setzten die Unternehmen darauf, dass ihnen verbotene Inhalte wie beispielsweise Kinderpornografie oder Gewalt von anderen Usern gemeldet werden. Mittlerweile kommt auch Software zum Einsatz, die solche Dinge automatisch erkennen soll. Außerdem sind spezielle Lösch-Teams Tag und Nacht im Einsatz.

Von gefundenen Bildern und Videos werden eine Art digitale Fingerabdrücke in Datenbanken gespeichert, um eine mögliche erneute Veröffentlichung bereits beim Upload zu verhindern.

Wie viele Kopien des Christchurch-Videos existieren?

Das lässt sich nicht beantworten. Einen Anhaltspunkt geben Zahlen, die Facebook am Sonntag veröffentlichte. Demnach hat das Unternehmen bereits 1,5 Millionen Videos mit Ausschnitten des Originals in den ersten 24 Stunden nach den Anschlägen gelöscht.

In 1,2 Millionen Fällen soll dabei mit dem digitalen Fingerabdruck des Originals der Upload von Kopien direkt verhindert worden sein. Eine neuseeländische Facebook-Sprecherin sagte, dass rund um die Uhr daran gearbeitet werde, die Szenen aus dem Netzwerk zu löschen.

Warum wird das Video trotzdem im Netz bleiben?

Zum einen weil die Algorithmen noch Schwächen haben. Wenn die Kopien verändert werden, versagen sie teilweise. Zum anderen müssen die Scan-Programme auch erkennen können, wenn es sich beispielsweise um Medienberichte handelt, die Ausschnitte von verbotenen Inhalten enthalten.

Kritiker werfen den Betreibern vor, nicht genug im Kampf gegen Gewaltdarstellungen zu unternehmen. Denn meist werden Subunternehmer in ärmeren Ländern mit dem Aufräumen beauftragt – beispielsweise in Manila. Dort sind Tausende sogenannte Cleaner rund um die Uhr mit dem Löschen von illegalen Veröffentlichungen beschäftigt.

Ein weiteres Problem ist, dass nicht alle Plattformen gewillt sind, verbotene Inhalte zu löschen. Selbst wenn den großen Anbietern wie Facebook, Youtube und Twitter das Löschen gelingen sollte, bleibt das Video womöglich über andere Wege weiterhin verfügbar.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Die großen Online-Plattformen stehen schon seit Längerem im Fokus der Politik. Es wird gefordert, Beiträge mit Gewalt, Hassrede oder Terrorpropaganda schneller zu entfernen.

Die Anbieter selbst sagen immer wieder, dass sie schon viel besser im Löschen geworden sind. Viele Inhalte würden bereits gefiltert, noch bevor sie überhaupt ein User gesehen hätte.

Doch das Christchurch-Video zeigt, dass es eben noch Defizite gibt. Womöglich könnten Politiker das als Beispiel nehmen, um schärfere Gesetze auf den Weg zu bringen.

Wann ist öffentliches Interesse wichtiger als Löschen?

Die Regeln dazu unterscheiden sich von Land zu Land. Im deutschen Pressekodex ist beispielsweise unter Ziffer 11 festgehalten, dass auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid verzichtet wird. Dabei muss auch der Jugendschutz eingehalten werden.

Es gibt allerdings Verstöße gegen diese Vorgabe. Diese werden dann vom Deutschen Presserat gerügt. Die betreffende Redaktion muss die Rüge dann in der nächsten Ausgabe veröffentlichen. Im Jahr 2018 ist das 28 Mal passiert. Eine Auflistung hat der Presserat hier veröffentlicht.

Im Fall Christchurch bedeutet das: Das Video des Attentäters sollte nicht gezeigt werden. Die „Bild“-Zeitung hatte in ihrem Online-Angebot eine geschnittene Version des Videos veröffentlicht. Dagegen gab es mehrere Beschwerden beim Deutschen Presserat. Es werde nun ein Verfahren gegen das Online-Portal geprüft, meldete der Deutschlandfunk.

Ein anderes Beispiel ist ein Livestream einer Polizeikontrolle in den USA aus dem Jahr 2016. Damals starb der Amerikaner Philando Castile wegen ungerechtfertigter Gewalt. Ohne den Livestream wäre der Fall womöglich nie aufgeklärt worden. Auch bei diesem Fall mussten Medien genau abwägen, wie viel aus dem Original-Video gezeigt werden darf.

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Mario Demuth
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