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Katastrophenmediziner haben sich im Auftrag des baden-württembergischen Innenministeriums ein Bild von der Lage in Straßburg gemacht und berichten über dramatische Zustände. Sie sagen, dass nicht mehr alle Patienten beatmet werden können. Doch die Klinik widerspricht dem.

Straßburg: Rettungskräfte in Schutzanzügen stehen an einem Krankenwagen, und kümmern sich um einen Patienten; Foto: picture alliance/Jean-Francois Badias/AP/dpa
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Die Berichte über die Zustände an der Universitätsklinik in Straßburg im Elsass sorgen derzeit für große Aufregung. Experten vom Deutschen Institut für Katastrophenmedizin haben das Krankenhaus besucht und ein Schreiben verfasst, das an die Öffentlichkeit gelangte. Darin berichten sie von einer dramatischen Situation. Es heißt, dass Corona-Patienten, die über 80 Jahre alt und in einem kritischen Zustand sind, auf den Intensivstationen nicht mehr beatmet werden. Sie erhalten dem Bericht nach seit dem 21. März lediglich eine Sterbebegleitung und palliative Versorgung – also schmerzlindernde Medikamente und Schlafmittel.

Klinik reagiert auf Bericht

Die Uniklinik Straßburg hat mittlerweile auf diese Berichte reagiert. Sie bestreitet, dass das Alter der Patienten das einzige Kriterium für Intensivmaßnahmen sei. In der Mitteilung heißt es, man halte sich an die Empfehlungen der gängigen Fachgesellschaften. Außerdem sei man dabei, neue Kapazitäten im Bereich der Intensivmedizin bereitzustellen. Bisher habe es keine Überlastungen gegeben.

Auch der Leiter der chirurgischen Anästhesie, Paul Michel Mertes, hatte zuvor auf die medizin-ethischen Kriterien der Klinik verwiesen. Nach Angaben des Evangelischen Pressedienstes (epd) geht aus dem Kriterienkatalog hervor, dass die Entscheidung von dem Schweregrad der Krankheit abhängig gemacht wird und nicht etwa von einer Altersgrenze der Patienten.

Ein Patient pro Stunde eingeliefert

Das Elsass gilt als Frankreichs Zentrum der Krise. Ein Sprecher des baden-württembergischen Innenministeriums betonte, man nehme das Schreiben der Experten sehr ernst und werde es intensiv auswerten. 

In dem Bericht wird auch auf andere Aspekte des Klinik-Alltags in Zeiten von Corona eingegangen. Demnach wurde am Tag des Besuchs – dem 23. März – pro Stunde ein Patient aufgenommen, der eine künstliche Beatmung benötigt habe. Die Patienten seien dann etwa zwei bis drei Wochen auf Beatmungsgeräte angewiesen. Laut den Katastrophenmedizinern hat die Klinik 90 Beatmungsplätze. Die sollten den Angaben nach durch die Umfunktionierung von OP-Räumen auf 200 aufgestockt werden.

Kranke Ärzte und Pflegekräfte arbeiten weiter

Um die Kranken überhaupt versorgen zu können, arbeiten laut der Katastrophenmediziner in der Klinik Pfleger und Ärzte weiter, auch wenn sie selbst mit dem Coronavirus infiziert, aber symptomfrei seien. Auch was den Schutz des Klinikpersonals angeht, haben die Deutschen Katastrophenmediziner Punkte ihn ihrem Bericht aufgelistet. Offensichtlich können immer noch nicht genügend Schutzmasken für medizinisches Personal bereitgestellt werden.

Wie dramatisch die Situation inzwischen ist, schilderte eine Krankenschwester dem SWR:

Krankenschwester: „Wir gehen das Risiko ein, keinen wirksamen Schutz zu haben“; Foto: picture alliance/Marcel Kusch/dpa

Nachrichten Krankenschwester: „Wir gehen das Risiko ein, keinen wirksamen Schutz zu haben“

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Was tun, wenn in Deutschland nicht alle Corona-Patienten behandelt werden können?

Auch aus Italien und Spanien gab es bereits Berichte, dass Ärzte entscheiden müssen, wer behandelt werden kann und wer nicht. Für Deutschland wurden – sollte der Fall eintreten – bereits Regelungen festgelegt.

Am Mittwoch haben mehrere medizinische Fachgesellschaften einen Katalog mit Handlungsempfehlungen verabschiedet. Darin heißt es, dass Patienten mit einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit beziehungsweise einer besseren Gesamtprognose Vorrang bekommen, wenn zu wenig Intensivbetten zur Verfügung stehen.

Autor
SWR3