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Computer-Experten warnen vor sogenannter digitaler Gewalt. Sie haben auf dem Kongress des Chaos Computer Clubs in Leipzig über das Thema gesprochen. Gerade nach Trennungen hätten viele Frauen Probleme, ihre Computer gegen Ex-Partner abzuschirmen.

Es ist mitten in der Nacht. Plötzlich geht die Musikanlage zuhause an und spielt in voller Lautstärke ausgerechnet das Lied, das einen an den Ex-Partner erinnert – den, den man doch erst vor wenigen Wochen verlassen hat. Was nach dem Anfang eines Krimis klingt, ist für manche Frauen Realität.

Immer mehr Angriffsmöglichkeiten

Diese neue Form von Gewalt nennen Fachleute „Digitale Gewalt“. Durch Smarthome-Geräte oder Sprachassistenten wie Alexa und Google Assistent nehmen die Angriffsmöglichkeiten laut Experten immer mehr zu. Zum Beispiel können Ex-Partner durch ehemalige gemeinsame Accounts oder technisch einfache Hacks oft noch lange nach der Trennung Mails mitlesen, Sprachnachrichten abhören oder sogar live mitverfolgen, wo sich der jeweils andere in diesem Moment befindet.

Wie grenzenlos diese Form des Stalkings sein kann, zeigt ein reales Beispiel: Ein Mann hat ein Handyladegerät mit eingebauten Mikrofon in das Schlafzimmer seiner Ex-Freundin geschleust und sie so abgehört.

Vor allem Frauen sind betroffen

Die Politologin und Netzaktivistin Anne Roth beschäftigt sich mit dieser neuartigen Form des Stalkings. Sie hat beobachtet, dass vor allem Frauen die Opfer sind.

Bisher wissen wir, dass Männer eher der nicht so aggressiven und nicht so harten Formen der digitalen Gewalt ausgesetzt sind und Frauen zum Beispiel eher der Erpressung und Kontrolle durch Apps auf Handys, die überwachen, was sie tun.

Doch das Thema „Digitale Gewalt“ findet bisher kaum Beachtung. Flächendeckende Untersuchungen und Studien gibt es nicht. Schätzungen gehen davon aus, dass fast ein Viertel aller Frauen schon einmal Opfer wurde. Die Annahme wird von vielen Beratungsstellen gestützt. Sie geben an, dass sich in den letzten drei Jahren immer mehr Frauen mit entsprechenden Problemen bei ihnen gemeldet haben. Aber auch hier gibt es aber keine konkreten Zahlen.

Betroffene bleiben alleine

Die Bundesregierung sieht bisher jedoch keinen Handlungsbedarf. Eine kleine Anfrage der Linken an den Bundestag hatte keinen Erfolg. Deshalb bleiben viele Betroffene auf sich allein gestellt. Und Experten sind sich sicher: Selbst wenn manche Frauen sich trauen zur Polizei zu gehen, stoßen sie dort oft auf Unverständnis.

„Den Frauen wird erstmal nicht geglaubt und das ist so ähnlich wie bei der häuslichen Gewalt bisher – aber es verschärft sich jetzt gewissermaßen noch dadurch, dass die Polizei nicht versteht, was da technisch eigentlich passiert“, erklärt Netzaktivistin Roth. Deswegen wünscht sie sich für die Zukunft, dass Polizei und Staatsanwaltschaft besser für das Thema sensibilisiert und im Umgang damit geschult werden. Außerdem müsse das Thema in der Gesellschaft bekannt gemacht werden. Denn immer noch würden Opfer selbst für ihre Situation verantwortlich gemacht, so Roth.

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