Während alle noch über Obdachlosencamps in Berlin sprechen, wird die Wohnungsnot in ganz Deutschland größer. 860.000 hatten im vergangenen Jahr keine eigene Wohnung. Weshalb trifft das so viele Menschen?

Die Tage werden kürzer, die Temperaturen niedriger. Wir sind jetzt froh, uns auf dem Sofa in eine warme Decke kuscheln zu können, die Heizung aufdrehen und Teewasser kochen zu können.

Und wir haben vermutlich Mitleid mit denen, die das nicht können. Denen, die ohne Obdach sind, die auf der Straße leben, in Zelten, Hauseingängen und unter Brücken.

2018: Geschätzte 1,2 Millionen ohne Wohnung

860.000 Menschen waren 2016 in Deutschland ohne eigene Wohnung. Im Vergleich zu 2014 war das ein Anstieg um ganze 150 Prozent. Und bis 2018 sollen es sogar 1,2 Millionen Wohnungslose sein. Diese Zahlen veröffentlichte die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG) am Dienstag.

Ein Obdachlosencamp in Tiergarten; Foto: dpa/picture alliance

Ein Obdachlosencamp in Berlin-Tiergarten

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In Berlin sind sie derzeit ein Dauerthema. Deutschlandweit gucken Menschen gerade auf den Bezirk Tiergarten, wo rund 60 Obdachlose seit Wochen die Schlagzeilen beherrschen.

Sie kommen oft aus osteuropäischen Ländern, haben keine Perspektive, frieren in Zelten. Es gibt einen Strich, auf dem sich Menschen etwa für Drogen prostituieren. Im Juni wurde eine Frau von einem 18 Jahre alten Tschetschenen ermordet, Menschen trauen sich nicht mehr durch den Tiergarten, es stapelt sich der Müll. Über eine Räumung diskutiert die Stadt schon lange und immer wieder, doch: wohin mit den Menschen ohne Wohnung?

Hohe Mieten, Zuwanderung, weniger Sozialbau

Grund für die gestiegene Wohnungsnot sind unter anderem die 436.000 Menschen, die als Geflüchtete in Deutschland anerkannt wurden, aber keine eigene Wohnung haben. Doch die Zuwanderung ist laut der BAG nicht die alleinige Ursache.

Obachlose in Berlin-Tiergarten; Foto: dpa/picture alliance

Gerade ist in Berlin-Tiergarten die Diskussion um Obdachlose besonders groß.

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Ja, die Situation habe sich verschärft. Doch zu den Ursachen zähle vor allem auch die gestiegene Anzahl an Haushalten, in denen ein alleinstehender Mensch lebt.

Und natürlich seien auch die hohen Mieten besonders in den Großstädten ein Grund, sagt der Geschäftsführer der Organisation, Thomas Specht. Seit 1990 gebe es 60 Prozent weniger Sozialwohnungen. Und: Kommunen, Länder und Bund verkaufen eigene Wohnungsbestände an private Investoren: „Damit haben sie Reserven bezahlbaren Wohnraums aus der Hand gegeben“, sagt Specht.

Rund 52.000 leben tatsächlich auf der Straße

860.000 obdachlos; Foto: dpa/picture alliance

Rund 860.000 Menschen in Deutschland sind obdachlos, wie dieser Mann in Stuttgart.

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Rechnet die Arbeitsgemeinschaft die Geflüchteten aus den Zahlen heraus, sind noch 422.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. Etwa 52.000 von ihnen leben laut der Statistik tatsächlich auf der Straße – die anderen zum Beispiel in Sammel- oder Gemeinschaftsunterkünften.

Unter denen, die draußen leben, sind der Organisation zufolge auch viele Migranten aus anderen EU-Staaten. Außerdem gebe es 32.000 Kinder und Jugendliche, deren Eltern keine Wohnung haben.

Die Zahlen seien erschreckend, sagt Ulrike Mascher, Präsidentin des Sozialverbands VdK Deutschland. „Aus unserer Sicht belegen die Zahlen vor allem, dass immer mehr Menschen wegen Einkommensarmut oder Überschuldung ihre Monatsmiete nicht bezahlen können.“