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Eine EU-Umfrage war eindeutig: 84 Prozent der Teilnehmer wollen keine Zeitumstellung mehr. Wissenschaftler begrüßen das grundsätzlich. Gleichzeitig warnen sie: Eine dauerhafte Sommerzeit könnte schlimme Auswirkungen haben.

Die Uhr im Sommer eine Stunde vorstellen und im Winter eine Stunde zurück – viele Menschen leiden darunter. Die EU-Kommission will nun vorschlagen, die Zeitumstellung abzuschaffen. Grundlage ist eine nicht repräsentative Online-Umfrage der EU-Kommission.

So haben die EU-Bürger abgestimmt

Diabetes, Depressionen und Schlaf- und Lernprobleme

Auch Wissenschaftler halten das Hin und Her schon länger für Quatsch. Ihrer Ansicht nach widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie und ist stressig für unseren Organismus. Das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle sei erhöht. Trotzdem sehen viele Forscher auch eine dauerhafte Sommerzeit kritisch. Dazu gehört Professor Till Roenneberg. Er spricht von riesigen Problemen, sollten die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit stehen.

Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.

Till Roenneberg, Professor am Institut für Medizinische Psychologie an der Universität München

Vor allem Jüngere betroffen

Roenneberg geht davon aus, dass jedes Land, das die Sommerzeit nicht dauerhaft einführt, Deutschland akademisch überholen wird. Vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Bei 20-Jährigen sei außerdem das Schlafbedürfnis am größten.

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen, sagt Roenneberg: „Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.“

Roenneberg kritisiert, dass die Menschen bei der Online-Befragung der EU-Kommission nicht ausreichend über die Folgen aufgeklärt worden sind. Seiner Ansicht nach hätten sich die Leute beschwert, wenn die Frage gelautet hätte, ob wir alle künftig das ganze Jahr über eine Stunde früher arbeiten müssen. Laut Roenneberg ist das mit der dauerhaften Sommerzeit nichts anderes.

„Im Winter hätten die Menschen anders abgestimmt“

Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: „Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für Winterzeit plädiert.“

Die Forscher und auch auch die Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte „Normalzeit“ aus.

Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist.

Alfred Wiater, DGSM-Vorsitzender

„Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach“, sagt Wiater. Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Laut einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg senkt die Umstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten. In der zweiten Woche nach der Umstellung erreicht die Zufriedenheit demnach wieder ihr ursprüngliches Niveau. Die Zurückstellung im Herbst hat dagegen keine messbaren Auswirkungen.

Flexiblere Arbeitszeiten besser als Sommerzeit

Roenneberg hat andere Vorschläge für einen guten Biorhythmus. Seiner Ansicht nach würden flexiblere Arbeitszeiten helfen. Feste Arbeitszeiten zwischen 9:00 Uhr und 17:00 Uhr seien heutzutage nur noch in den wenigsten Branchen nötig, sagte Roenneberg. Eine Änderung hier „sei viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen.“