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Amelie Heß
Amelie Heß, SWR3; Foto: SWR3
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In Zeiten von Fake News und Deep Fakes – also gefälschten Videos und Bildern – gilt die Wissenschaft als seriöse, vertrauensvolle Quelle. Eigentlich, denn Recherchen zeigen, dass immer mehr auch deutsche Wissenschaftler in scheinwissenschaftlichen Zeitschriften publizieren.

Das ergaben Recherchen von WDR, NDR und dem SZ Magazin, an denen auch der SWR beteiligt war. Im Mittelpunkt der Recherchen stehen die Verlage „Waset“ und „Omics“, die in der Türkei und Indien angesiedelt sind. Die Verlage veröffentlichen zahlreiche Fachzeitschriften, die im Verdacht stehen unwissenschaftlich und unseriös zu arbeiten. Gegen „Omics“ läuft bereits ein Gerichtsverfahren in den USA.

Was bedeutet „scheinwissenschaftlich“?

Wenn Wissenschaftler etwas publizieren wollen, eine neue Studie zum Beispiel, dann reichen sie ihre Forschungsergebnisse bei einem Verlag ein. Dort werden die Ergebnisse anderen, erfahrenen Wissenschaftlern zur Prüfung und Korrektur vorgelegt. Erst wenn die Forschung geprüft und für richtig befunden wurde, veröffentlicht der Verlag die Publikation.

Die Recherchen ergaben, dass die Verlage „Waset“ und „Omics“ nicht nach diesem Ablauf vorgehen, sondern die Studien ohne Überprüfung innerhalb von wenigen Tagen veröffentlichen.

Ist das schlimm?

Wenn Studien nicht noch einmal geprüft werden, kann es passieren, dass fragwürdige, falsche oder auch betrügerische Studien veröffentlicht werden, die aber ein wissenschaftliches Gütesiegel tragen. Weltweit habe sich die Zahl solcher Publikationen seit 2013 verdreifacht, in Deutschland sogar verfünffacht.

Ein Lesesaal in einer Bibliothek. ; Foto: dpa/picture-alliance

Vor allem junge, unerfahrene Wissenschaftler könnten auf die Angebote der Verlage hereinfallen, sagte ein Sprecher der Uni Heidelberg.

dpa/picture-alliance

Martin Schneider aus der SWR-Wissenschaftsredaktion warnt dennoch vor einem generellen Misstrauen in die Wissenschaft. Es sei nicht klar, wie viele der Publikationen tatsächlich fragwürdig seien – die Kritik würde also vor allem die fehlende Überprüfung betreffen, aber noch nichts über die Qualität der wissenschaftlichen Arbeit aussagen. In der Wissenschaft selbst würde diese Untersuchung zu Diskussionen führen. Insbesondere, weil der Zwang zur Publikation die Wissenschaftler unter Druck setzt, unbedingt zu veröffentlichen. Ein allgemeiner Vertrauensverlust in die Wissenschaft sei aber nicht gerechtfertigt.

SWR3-Audio: Beitrag anhören; Foto: SWR3.de

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Wer ist betroffen?

Unter den Veröffentlichungen der beiden Verlage finden sich zahlreiche deutsche Wissenschaftler, darunter auch viele aus dem Südwesten. Weltweit sollen es bis zu 400.000 sein. Betroffene Einrichtungen sind unter anderem das KIT Karlsruhe, die Unis Heidelberg, Tübingen und Mainz sowie die Unternehmen Bosch und Boehringer Ingelheim. Von der Uni Mainz werden zwei Professoren auf den Seiten des „OMICS“-Verlages sogar als Herausgeber von Fachzeitschriften geführt. Wie die Uni Mainz auf Anfrage mitteilte, habe einer der beiden Professoren die Zusammenarbeit mit dem Verlag bereits gekündigt. Der zweite Professor sei mittlerweile nicht mehr an der Uni Mainz tätig.


Wie kommt es, dass Wissenschaftler darauf „reinfallen“?

Den Rechercheberichten zufolge nutzen pseudowissenschaftliche Verlage den Druck, der auf Wissenschaftlern lastet, Studien zu publizieren. Publikationen seien die „Währung“ in der Wissenschaft, auf die bei Bewerbungen oder Forschungsanträgen primär geschaut werde, sagte Johanna Speyer, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Politikwissenschaften an der Uni Mainz, dem SWR. Beiträge in Zeitschriften seien in der Regel deutlich mehr wert als Kapitelbeiträge in einem Sammelband, sagt sie. Daher käme die Fixierung auf Publikationen in Zeitschriften und der Druck, zu publizieren.

Wie machen die Verlage auf sich aufmerksam?

Die Wissenschaftler werden per Mail angeschrieben und publizieren ihre Ergebnisse dann, oft gegen hohe Gebühren, in diesen über das Internet verfügbaren Journalen. Universitäten und Forschungseinrichtungen in Deutschland erklärten, das sie das Problem grundsätzlich kennen würden.

Ein Sprecher der Universität Heidelberg sagte, man warne seit Jahren vor diesen unseriösen Wissenschaftsverlagen. Dennoch könnte es im Einzelfall vorkommen, dass vor allem junge, unerfahrene Wissenschaftler auf die Angebote solcher Verlage hereinfallen. Die betroffenen Einrichtungen sagten, dass sie erneut alle Mitarbeiter davor warnen wollen, bei diesen Verlagen Fachartikel zu publizieren.