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Laut WDR-Recherchen hat das Bundesamt für Strahlenschutz rund 190 Millionen Jodtabletten bestellt. Die Begründung: Vor allem von grenznahen AKW gehen Risiken aus – und darauf müsse man vorbereitet sein.

50 Millionen Packungen Jodtabletten – der größte Einzelauftrag in der Geschichte des österreichischen Pharmakonzerns Gerot Lannach, laut des österreichischen Fernsehsenders ORF. Sie sollen als Vorsorge zur Vermeidung von Schilddrüsenkrebs im Fall eines schweren Reaktorunfalls dienen – bestellt ausgerechnet vom Atomausstiegsland Deutschland.

Deutschland bestellt Jodtabletten; Foto: (c) dpa

Nachrichten Deutschland bestellt Jodtabletten

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Expertenempfehlung nach Fukushima

Insgesamt habe man rund 190 Millionen Jodtabletten geordert – fast das Vierfache des aktuellen Bestandes. Grundlage sei eine Empfehlung der Strahlenschutzkommission nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima, sagt der Essener Strahlenbiologe Wolfgang Müller, früherer Vorsitzender der Strahlenschutzkommission:

Fukushima hat uns damals zwei Dinge gelehrt: Das eine ist, dass man auch mit Reaktorunfällen der Stufe INES 7 rechnen muss, also schwerer als man vorher angenommen hat. Und zum Zweiten, dass es durchaus auch mehrtägige Freisetzungen geben kann, was dann bedeutet, dass unter Umständen die Windrichtungen wechseln und viel mehr Gebiete betroffen sind als das nach einer eintägigen Freisetzung der Fall wäre.

Wolfgang Müller, Ex-Vorsitzender der Strahlenschutzkommission


Auf Empfehlung dieses Beratungsgremiums der Bundesregierung wurden unter anderem die jeweiligen Notfallzonen rund um die Atomkraftwerke erheblich vergrößert. Als „Fernzone“, in der zum Beispiel alle Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren sowie Schwangere mit Jodtabletten versorgt werden müssen, gilt seitdem das gesamte Gebiet der Bundesrepublik.

Gefahren aus den Nachbarstaaten

Laut Ausstiegsplan wird Deutschland Ende 2022 seine letzten Atomkraftwerke abschalten. Dennoch hält Müller die verstärkte Vorsorge für den Fall einer Nuklearkatastrophe für wichtig und richtig – wenn auch nicht in erster Linie wegen der deutschen Reaktoren: „Es könnte beim Rückbau kleinere Unfälle geben, die aber keine großflächigen Freisetzungen nach sich ziehen würden.“

Viel dringender sei das Risiko durch grenznahe Kernkraftwerke. „Denken Sie an Belgien, an Frankreich, an die Schweiz, an Tschechien, Schweden. Und wenn da etwas passiert, müssen wir die deutsche Bevölkerung natürlich genauso schützen.“

Die Kosten für Beschaffung und Transport der 190 Millionen Jodtabletten liegen laut Bundesamt für Strahlenschutz übrigens bei 8,4 Millionen Euro netto und werden vom Bund getragen. Für Lagerung und Verteilung sind die Länder zuständig.