In kaum einem anderen Land der Welt hängen die Menschen so sehr am Bargeld, wie in Deutschland. Das komplette Gegenteil lässt sich in China erleben. Die bevölkerungsreichste Nation verwandelt sich gerade zu einer bargeldlosen Gesellschaft.

Hier wird über das Smartphone bezahlt

Kaffeeladen in Shanghai; Foto: Steffen Wurzel

Hier kann man sich Kaffee per Klick am Smartphone holen.

Steffen Wurzel

Alles wird per Telefon-App bezahlt. Inzwischen nehmen erste Läden gar kein Bargeld mehr an. Wie zum Beispiel ein kleiner Kaffee-Laden neben einem Shanghaier Bürohochhaus. Dort wird den Kunden über eine kleine Durchreiche zur Straße hin Kaffee verkauft. Die umgerechnet zwei Euro bezahlen die Leute per Smartphone-App. Denn: Über der Durchreiche steht: „Wir nehmen kein Bargeld“.

Der Grund dafür ist simpel: Die Läden wollen eine Arbeitskraft sparen.

Wenn wir Bargeld annehmen würden, bräuchten wir hier zusätzlich jemanden an der Kasse. Das ist zu kompliziert. Wir machen, was einfach ist und schnell geht.“

Kaffeeverkäufer Song

So funktioniert das Bezahlen mit der App

Statt einer Kasse braucht er so nur ein kleines quadratisches Plastikschild, um zu kassieren. Auf diesem Schild ist ein so genannter QR-Code angebracht, also ein quadratischer Barcode mit kleinen schwarz-weißen Kästchen. Den scannen die Kunden mit ihrer Bezahl-App und fertig. Das Geld für den Kaffee landet dann direkt auf dem Account von Song Wujies Chef Zhang Yu.

Viele Leute haben ja eh keine Münzen und Scheine mehr dabei. Bargeld ist weder bequem noch sicher. Bei uns müssen die Leute nicht lange in der Schlange stehen, auch wenn es voll wird. Man kann den Kaffee auch auf der App vorbestellen und dann abholen, wenn er fertig ist.“

Kaffeeverkäufer Song

Aber: Chinesische Geschäften müssen Bargeld annehmen

Bargeldloser Trend hin oder her: Immer noch sind alle Geschäfte in China gesetzlich verpflichtet, Bargeld anzunehmen – also eigentlich auch der Laden von Zhang Yu. Falls also doch ein Kunde kommen sollte, der keine Bezahl-App auf dem Handy hat, müssen seine Verkäufer das Geld annehmen und dann vom privaten Telefon aus bezahlen. Aber das kommt sowieso nur selten vor. Und wenn, dann bei europäischen Touristen. Chinesen seien generell offener gegenüber neuen Entwicklungen als Europäer:

Das unterscheidet Chinesen von den Menschen in den meisten Industrienationen. In China ist alles in Bewegung, ständig ändert sich alles. Und wir interessieren uns hier mehr für neue und innovative Dinge.“

Liu Tuo, Shanghaier Technik-Unternehmensberater

Der chinesische Bezahl-App-Markt wird beherrscht von den beiden heimischen Internet-Konzernen „Alibaba“ und „Tencent“. Dass die und indirekt auch der Staat direkten Einblick haben, wer was wann mit ihren Apps kauft, interessiert in China niemanden. Datenschutz und Datensicherheit sind kein Thema.

Im Gegenteil: Es ist das Bargeld, das hier als besonders unsicher gilt. Denn Falschgeld ist ein weit verbreitetes Phänomen.