Autor
Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Bis vor wenigen Wochen war Ekrem Imamoglu ein unbekannter Lokalpolitiker. Jetzt hat er die Bürgermeisterwahl in Istanbul gewonnen – zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten – und überraschend deutlich. Viele können ihn sich bereits als neuen Präsidenten der Türkei vorstellen.

Von 13.000 Stimmen Ende März auf jetzt rund 750.000 hat sich Imamoglus Vorsprung vergrößert – das sind fast sechzigmal so viele wie bei der ersten Wahl. 54 Prozent erhielt der Politiker der konservativen CHP, 45 sein Gegner Binali Yildirim der Regierungspartei AKP von Präsident Recep Tayyip Erdogan.

„Ihr habt den Ruf der Demokratie in der Türkei gewahrt“

Und das in Istanbul – einer Stadt, in der fast jeder fünfte Bürger der Türkei lebt. Nicht umsonst heißt es: Wer Istanbul regiert, regiert die Türkei. So hat auch Erdogan 1994 als beliebter Bürgermeister der 15-Millionen-Metropole angefangen, bevor er zum Staatsoberhaupt aufstieg.

Beobachter sprechen von einer historischen Wahl. Und der Jubel ist groß – in der Türkei, aber auch auf dem internationalen Parkett: Imamoglu ließ sich am Abend von Zehntausenden Anhängern feiern. „Ihr habt den Ruf der Demokratie in der Türkei vor den Augen der ganzen Welt gewahrt“, erklärte er – kurz nachdem er die Glückwünsche Erdogans entgegen genommen hatte. Der ließ sich aber am Sonntagabend nirgends blicken.

Bedeutung weit über das Lokale hinaus

„It’s over Mr President“ – „es ist vorbei, Herr Präsident“, twitterte in Deutschland Welt-Journalist Deniz Yücel, der rund ein Jahr in türkischer Untersuchungshaft geschmort hatte. Und Grünen-Politiker Cem Özdemir schrieb auf Twitter:

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Und die deutsche Journalistin Meşale Tolu – auch sie hatte ein Dreivierteljahr unter fadenscheinigen Gründen („Terrorpropaganda“) in einem türkischen Gefängnis verbracht – twittert: „Das Volk lehnt die aggressive und spaltende Haltung Erdogans mit dieser Wahl ab.“

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Imamoglu hatte schon die erste Bürgermeisterwahl am 31. März knapp aber klar gewonnen. Die Wahlkommission (YSK) annullierte das Ergebnis jedoch Anfang Mai wegen angeblicher Regelwidrigkeiten und gab damit einem Antrag von Erdogans AKP statt. Die Bedeutung der Wahl ging weit über das Lokale hinaus und wurde international aufmerksam verfolgt.

„Alles wird sehr gut“

Imamoglu war zum Symbol geworden für die Hoffnung, dass in der Türkei auf demokratischem Weg noch ein Wandel möglich ist. Sein Wahlkampfslogan erinnert ein wenig an Barack Obamas „Yes we can“: „Her seyi cok güzel olacak!“ (Alles wird sehr gut) rief er seinen Anhängern immer wieder zu – auch ein Zeichen gegen die zunehmende Polarisierung im Land. Jetzt sehen einige in ihm sogar schon den nächsten Präsidenten.

Vor Journalisten und Anhängern sagte er am Sonntagabend: „Das ist kein Sieg, sondern ein Neuanfang.“ Nun geht er auf Erdogan zu und sagt, er wolle den Präsidenten bald besuchen: „Ich bin bereit, in Harmonie mit Ihnen zusammenzuarbeiten und verlange danach. Das verkünde ich vor allen Istanbulern“, sagte er.

In Istanbul werde es nun „Gerechtigkeit, Gleichheit, Liebe und Toleranz geben. Verschwendung, Luxus, Arroganz und Diskriminierung werden ein Ende haben“, versprach er.

Istanbul weg, Ankara weg

Leicht wird der Job für Imamoglu nicht, denn noch haben AKP-Abgeordnete die Mehrheit: 25 der 39 Bezirke Istanbuls werden von ihr kontrolliert. Auch in der Stadtversammlung habe die Erdogan-Partei eine Mehrheit.

Und Istanbul ist nicht Erdogans einziges Problem: Seine Partei hatte im März auch den Bürgermeisterposten in der Hauptstadt Ankara verloren. Die Türkei hat derweil mit einem wirtschaftlichen Abschwung und internationalen Krisen zu kämpfen. Experten gehen davon aus, dass Erdogan jetzt versuchen könnte, die Macht des Bürgermeisters von Istanbul einzuschränken oder Imamoglus Autorität auf andere Weise zu untergraben.

Möglich ist aber auch, dass er genau das unterlässt – dass die Menschen in der Türkei sich nicht alles gefallen lassen, hat er ja nun erlebt.