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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Der Einmarsch steht kurz bevor: Gemeinsam mit arabischen Kämpfern will die Türkei in Syrien eine Pufferzone freikämpfen. Syriens Kurdenmiliz YPG ruft jetzt zur Mobilmachung auf.

Die Grenze zwischen den syrischen Kurden und der Türkei ist eine Hügelkette. Sie erstreckt sich über 300 Kilometer zwischen den Grenzstädten Kamischli und Kobane. Auf den Hügeln, die zur Türkei gehören, stehen türkische Flaggen – ungefähr so groß, wie das berühmte „Hollywood“-Schild in den Hügeln von Los Angeles. Unten, auf der kurdischen Seite, blickt wie zur Antwort PKK-Chef Abdullah Öcalan herüber – natürlich abgebildet auf Schildern, die in etwa genauso groß sind wie die Türkei-Flaggen.

Irgendwo aus diesen Hügeln werden in Kürze motorisierte türkische Streitkräfte hervorstoßen. Artillerie- und Luftwaffenangriffe dürften den Anfang machen. Dann werden Fußtruppen kommen und versuchen, die Städte und Dörfer zu besetzen.

Pufferzone im Visier

Die meisten dieser Fußtruppen sind syrisch-arabische Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“. Sie sind Verbündete der Türken.

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Kämpfer der „Freien Syrischen Armee“, deren Einheiten vermutlich den Einmarsch anführen werden.

dpa picture alliance / AA

Auf der anderen Seite: die syrisch-kurdische YPG, Abkürzung für „Volksbefreiungseinheiten“. Sie sind faktisch Teil der türkischen „PKK“, die die türkische Regierung als Terroristen bekämpft. Deshalb auch der geplante Einmarsch: Ankara fürchtet einen PKK-Staat an seiner Grenze, in dem aus die kurdischen PKK-Kämpfer einen sicheren Hafen hätten.

Einen rund 15 Kilometer breiten Grenzstreifen will die Türkei dort als Pufferzone erobern und mit syrischen Arabern bevölkern. Eine Chance das zu verhindern hat die YPG nicht.

Ein Sieg nach dem anderen über den IS

Doch sie kann den Blutzoll der Angreifer hochtreiben: Denn während sich die YPG offiziell zurückziehen will, um der militärischen Vernichtung zu entgehen, ruft sie jetzt „zivile“ Kämpfer zum Widerstand auf: „Wir erklären drei Tage der Generalmobilmachung im Norden und Osten Syriens“, erklärt die Autonomieverwaltung am Mittwoch und ruft alle Zivilisten auf, sich „an die Grenze zur Türkei zu begeben, (...) um in diesem heiklen historischen Moment Widerstand zu leisten“.

Natürlich dürften unter ihnen viele YPG-Leute sein – wenn auch ohne Hoheitsabzeichen. Dass sie kämpfen können, haben sie in zahllosen Schlachten gegen den „Islamischen Staat“ (IS) bewiesen. Egal ob in Kobane, in Raqqa oder in Deir ez-Zor: Überall haben sie den IS geschlagen. Siege, die mit tausenden Gefallenen und letztlich nur mit Hilfe einer US-geführten Luftstreitkraft erkämpft wurden.

„Amerikaner sind wahre Freunde“

Jetzt scheinen die USA sie im Stich zu lassen: US-Präsident Donald Trump will die amerikanischen Helfer und Berater abziehen und der Türkei den Weg freimachen. Eine Ankündigung, die den Experten im Pentagon, dem US-Verteidigungsministerium und vielen anderen Amerikanern den Schweiß auf die Stirn treibt: „Niemand wird den USA in Zukunft mehr irgendetwas glauben. Und die verbündeten Kurden haben Hilfe verdient“, lautet der Tenor.

Dass Trumps Schritt in den USA hochumstritten ist, weiß auch die YPG. Und sie versucht, das auch zu zeigen. Am Donnerstag hat YPG-Sprecher Mustafa Bali getwittert:

„Wir sind gerührt von der riesigen Unterstützung des amerikanischen Volkes, trotz der Entscheidung des Präsidenten, der türkischen Invasion ... den Weg zu ebnen. Amerikaner sind wahre Freunde der SDF (Anm: ein Ableger der YPG, in dem auch arabische Stammeskämpfer organisiert sind).“

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Es könnte der vorletzte Gruß der Kurden an ihren großen Verbündeten sein – je nachdem, was in den nächsten Wochen passiert.

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