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Tim Stobbe
Tim Stobbe, SWR3; Foto: SWR3
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Seniorenheime unternehmen gern Ausflüge mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern. Das hält fit und aktiv. Ein Seniorenheim im schleswig-holsteinischen Heide hat dafür allerdings ein besonderes Ziel: das Wacken Open Air.

„Wackeeen“-Rufe, Zeige- und kleiner Finger zum Metal-Gruß ausgestreckt, prächtig gelaunt: Nichts Ungewöhnliches, vor allem nicht bei einer Reisegruppe auf dem Weg zum Wacken Open Air, nach Angaben der Veranstalter das größte Metal-Festival der Welt. Doch diese Festival-Besucher fallen auf: 13 Seniorinnen und Senioren sitzen in dem Kleinbus, der sie die 30 Autominuten von Heide nach Wacken bringt. Die Älteste an Bord ist 95 Jahre alt.

Sechster Ausflug des Seniorenheims

Senioren bei Wacken; Foto: picture alliance/Axel Heimken/dpa

Ursula Wiebers (83,v.l.), Ilse Schaefer (92) und Waltraud Fischer (95) freuen sich auf das Festival.

picture alliance/Axel Heimken/dpa

Bereits zum sechsten Mal fährt die DRK-Einrichtung „Haus im Park“ mit einigen Bewohnerinnen und Bewohnern zum Festival. Drei von der diesjährigen Reisegruppe sind bereits zum dritten Mal dabei. Angefangen hat alles mit Rüdiger Pahl, erklärt die Hauswirtschaftsleiterin des Hauses, Susann Kroos. Der heute 59-Jährige ist an Multipler Sklerose erkrankt, hört gerne AC/DC und wollte schon immer mal nach Wacken. Den Wunsch erfüllte Kroos nur zu gerne und machte ihm mit dem Ausflug vor sechs Jahren eine Geburtstagsüberraschung. Seitdem hat der Rentner vier Wacken-Shirts im Schrank und die anderen mit seiner Begeisterung angesteckt. „Wir bekommen jetzt die Generation Heavy Metal ins Heim“, erklärt Kroos, selbst im Wacken-Shirt.

Ilse Schaefer (92) ist im dritten Jahr dabei. Bei ihrem ersten Besuch sei sie wegen der Musik zunächst skeptisch gewesen. Doch kurz nachdem sie in Wacken ankam, habe sie die Pommesgabel – so nennt sich der Metal-Gruß – jedem gezeigt, der ihr entgegenkam. Als ein junger Metalhead nicht sofort zurückgrüßen wollte, habe sie gerufen: „Jetzt sei doch nicht so stur!“ Da habe er ganz schnell und eingeschüchtert zurückgegrüßt, erzählt die frühere Reisebüroleiterin und der ganze Bus kichert.

„Es muss in der Welt für jeden etwas geben“

Vielen der Rentnerinnen und Rentner ist das Wacken-Festival ein Begriff, sie kommen aus der Gegend, haben Kinder und Enkel, die dort arbeiten oder feiern. Da sei es auch nicht so wichtig, ob man auf Heavy Metal stehe. Er könne mit der Musik nur wenig anfangen, sagt Gustav Jacobs, 89-jährig und zum ersten Mal in Wacken. Aber das macht nichts: „Es muss in der Welt für jeden etwas geben.“

Die Auftritte auf den Bühnen verfolgen die Festival-affinen Seniorinnen und Senioren jedoch nicht: Die Ausflügler seien auf Rollatoren und Rollstühle angewiesen, „die können wir nicht über den Acker dort schicken“, sagt Pflegedienstleiterin Heinke Nübel. Der Ausflug beschränkt sich daher auf einen Tag, um das Festivalgeschehen, die manchmal wilde Camping-Situation und die vielen so finster ausschauenden, aber aller Erfahrung nach freundlich-friedlichen Metal-Fans kennenzulernen.

Schlechtwetter vor dem Live-Auftakt

Am Mittwochabend, noch vor dem offiziellen Beginn des Live-Programms bei Wacken, mussten Teile des Geländes geräumt werden. Aufgrund drohender Unwetter forderte die Polizei die Festival-Besucher auf, in ihren Fahrzeugen Schutz zu suchen. Das Camping-Gelände musste nicht geräumt werden.

Die weiteren Wetter-Aussichten für das Festival sind ebenfalls mäßig: Zum offiziellen Start am Donnerstag wird Sonnenschein erwartet, am Freitag und Samstag müssen sich die Wacken-Besucher jedoch auf Regen und Gewitter einstellen.