Autor
Isabel Gebhardt
Isabel Gebhardt, SWR3; Foto: SWR3
Stand:

Weil kein Land die Flüchtlinge auf der „Sea-Watch 3“ aufnehmen wollte, hat die Kapitänin Carola Rackete gehandelt und ihr Schiff in den Hafen von Lampedusa gesteuert. Dafür droht ihr jetzt eine Haftstrafe – aber die Solidarität ist unfassbar groß.

Über kaum jemanden wird in den letzten Tagen so viel berichtet wie über sie: Carola Rackete, Kapitänin des Rettungsschiffs „Sea-Watch 3“. Sie hat trotz eines Verbots 40 Migranten in den Hafen von Lampedusa gebracht und wurde daraufhin festgenommen. Der 31-Jährigen droht jetzt in Italien eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren. Die Hilfsorganisation selbst verteidigte indes das Verhalten der Kapitänin und beruft sich auf das Seerecht: Rackete habe vom Nothafenrecht Gebrauch gemacht, weil ihr und ihrem Schiff nach der Rettung von ursprünglich 53 Menschen über mehr als zwei Wochen hinweg kein sicherer Hafen zugewiesen worden war.

Italien: Aktion mit Schildern für Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete; Foto: picture alliance/Pacific Press Agency

In Italien wurde die Aktion #freecarola gestartet.

picture alliance/Pacific Press Agency

Racketes Festnahme hat in Deutschland für viele Diskussionen gesorgt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier kritisierte das Vorgehen der italienischen Behörden. Es könne ja sein, dass es italienische Rechtsvorschriften gebe, wann ein Schiff einen Hafen anlaufen dürfe, sagte er in einem Interview. Aber: „Italien ist nicht irgendein Staat. Italien ist inmitten der Europäischen Union, ist Gründungsstaat der Europäischen Union. Und deshalb dürfen wir von einem Land wie Italien erwarten, dass man mit einem solchen Fall anders umgeht.“

Böhmermann und Heufer-Umlauf sammeln Spenden

„Wer Menschenleben rettet, kann nicht Verbrecher sein", sagte Steinmeier außerdem und zitierte den Spendenaufruf der beiden Moderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf. Und der ist ein voller Erfolg: Bis zum Dienstagmittag kamen mehr als 900.000 Euro zusammen – und die Aktion läuft noch bis Ende Juli. Auch in Italien wurde gesammelt, dort kamen schon mehr als 400.000 Euro zusammen. Außerdem starteten viele Menschen auch private Spendenaktion für Sea-Watch, Carola Rackete oder allgemein für die Seenotrettung im Mittelmeer.

Mit dem Geld sollen mögliche Anwälte und anfallende Rechtskosten sowie andere Ausgaben finanziert werden. Klaas Heufer-Umlauf bedankte sich schon einmal bei allen Spendern:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Twitter erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Twitter ansehen.

Schon im letzten Jahr sammelten Heufer-Umlauf und Böhmermann Geld für den deutschen „Lifeline“-Kapitän Claus-Peter Reisch. Der stand damals auf Malta vor Gericht, nachdem die Behörden sein Rettungsschiff beschlagnahmt hatten. Damals kamen innerhalb von zehn Tagen fast 200.000 Euro zusammen.

Wie geht es für Carola Rackete weiter?

Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete; Foto: picture alliance/Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa

Der Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete droht eine lange Haftstrafe.

picture alliance/Till M. Egen/Sea-Watch.org/dpa

Racketes Vater hofft auf eine schnelle Freilassung seiner Tochter. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland sagte er: „Ich gehe davon aus, dass sie gegen Auflagen oder Kaution bis zum Prozessbeginn freikommt.“ Er habe am Wochenende mit ihr telefoniert, sie sei guter Dinge. Rackete steht derzeit unter Hausarrest und ist bei einer Frau untergebracht, die sich laut dem 74-Jährigen „rührend um sie kümmert“.

Wie es nun weitergeht, wird laut ARD-Korrespondent Tassilo Forchheimer stark von den beteiligten Personen abhängen. „Die italienische Justiz ist leider nicht immer hundertprozentig berechenbar“, erklärt er. Das Verfahren könnte sich lange hinziehen. „Es wird viel von den kommenden beiden Tagen abhängen – von der ersten Vernehmung und von den entsprechenden Haftprüfungsterminen. Wenn es Carola Rackete gelingt, die Staatsanwaltschaft und das Gericht davon zu überzeugen, dass sie das Boot der Finanzpolizei nicht absichtlich gerammt hat, dann hat sie ganz gute Chancen.“

Der italienische Innenminister Matteo Salvini hatte einen Zusammenstoß der „Sea-Watch 3“ beim Einlaufen in den Hafen mit einem Polizeiboot als Beweis gewertet, dass es sich bei den Seenotrettern um „Kriminelle“ handelt. „Sie haben die Maske abgelegt: Das sind Verbrecher“, sagte er. 

Die Odyssee des Rettungsschiffs

Die Odyssee des Rettungsschiffs und der Kapitänin Rackete hatte am 21. Juni begonnen. Die Crew hatte vor Libyen rund 50 Bootsflüchtlinge an Bord genommen und dann zwei Wochen versucht eine Erlaubnis zum Anlegen zu bekommen. Nach tagelangem Warten an der Seegrenze zu Italien sah sich Rackete Mitte vergangener Woche gezwungen, die „Sea Watch 3“ auf Lampedusa zuzusteuern. „Es war der verzweifelte letzte Versuch, die Sicherheit der Menschen sicherzustellen“, begründete Sea-Watch die Entscheidung.

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Twitter erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Twitter ansehen.

Autor
Isabel Gebhardt
Autor
SWR3