Erst ging es um die Preise – jetzt geht es gegen das Regime. Im Iran beginnt das neue Jahr mit einem Gewaltausbruch.

Bei den Protesten im Iran soll es nach Angaben des staatlichen Fernsehens Irib weitere neun Tote gegeben haben. Es war jedoch zunächst unklar, ob es sich um Demonstranten, Polizisten oder Revolutionswächter handelte.

Irib hatte zuvor berichtet, dass in der Nacht zum Dienstag ein Revolutionswächter der Stadt Nadschafabad im Zentraliran von Demonstranten getötet worden sei. Er sei erschossen worden. Nach Angaben von Irib beweist die Tat, dass einige der Demonstranten bewaffnet seien. Die Revolutionswächter sind Mitglieder der iranischen Revolutionsgarden, einer paramilitärischen Organisation zum Schutz des Systems.

Berichte lassen sich nicht unabhängig überprüfen

Bis zum Montag starben nach Angaben des Staatsfernsehens im Zentral-, West- und Südwestiran mindestens zehn Demonstranten. Zudem kamen ein alter Mann und ein Kleinkind bei einem Unfall während der Proteste im westiranischen Dorud um.

In sozialen Netzwerken wird behauptet, dass die Polizei in Dutzenden Städten auf die Demonstranten schieße; es habe am Montag erneut Tote gegeben. Diese Berichte ließen sich jedoch nicht unabhängig überprüfen.

Zehn Tote am Sonntagabend

Laut dem iranischen Staatsfernsehen starben allein zehn Menschen bei Zusammenstößen am Sonntagabend. Dabei hätten Sicherheitskräfte „bewaffnete Demonstranten“ zurückgeschlagen, die versucht hätten, Polizeireviere und Militärstützpunkte unter ihre Kontrolle zu bringen.

Sicher ist: Im Iran bahnt sich ein Aufstand an. Das belegen zahlreiche Videos, die trotz gesperrter Internetzugänge nach außen dringen. Die Staatsmacht in Teheran ist besorgt, das Parlament hat eine Krisensitzung anberaumt.

Vergangene Nacht in Schiras im Süden des Iran: eine Menschenmenge - angeblich bis zu 50.000 Demonstranten - vertreiben Polizisten in einem Einsatzwagen:

Die Demonstrationen haben am Donnerstag in Maschhad begonnen und richten sich gegen jüngst gestiegene Preise für Grundnahrungsmittel wie Geflügel und Eier. Seit dem internationalen Atomabkommen 2015 hat sich die Wirtschaft im Iran zwar verbessert, aber die Arbeitslosenzahlen sind weiter hoch, die Inflation ist gestiegen.

Wer demonstriert hier wogegen?

Es sind die größten Demonstrationen seit der „grünen Revolution“ nach der umstrittenen Präsidentenwahl 2009. Mittlerweile haben sich die Proteste auf viele Städte ausgeweitet.

Die Demonstranten wenden sich jetzt auch gegen das Regime selbst – vor allem gegen den mächtigsten Mann im Staat: den Religionsführer und obersten Rechtsgelehrten Ayatollah Ali Chamenei. Unklar ist, ob die Demonstrationen gegen die Preiserhöhungen und die Proteste gegen das Regime von den selben Leuten getragen werden.

Machtloser Präsident verteidigt Demonstranten

Derweil stellte sich Irans Präsident Hassan Ruhani teilweise auf die Seite der Demonstrierenden: Die Menschen dürften protestieren, sagte er. Die Öffentlichkeit sollte aber wegen der Demonstrationen nicht „um ihr Leben und ihre Sicherheit“ bangen müssen. Die Protestierenden sollten im legalen Rahmen demonstrieren. Ruhani kritisierte auch US-Präsident Donald Trump wegen seiner Tweets zu den Protesten: „Dieser Typ in Amerika (...) hat vergessen, dass er iranische Menschen vor einigen Monaten „Terroristen“ genannt hatte.“ Trump hatte die Internetsperre kritisiert, die seit Tagen im Iran gilt.

Auf ein Eingreifen Ruhanis können die Demonstranten allerdings kaum hoffen: Zwar ist er seit 2013 Präsident und hat theoretisch ähnliche Befugnisse, wie andere Staatsoberhäupter. Im iranischen System stehen allerdings über Präsident und Parlament Religionsführer Chamenei sowie der so genannte Wächterrat. Die können jede demokratische Entscheidung durch ihr Veto aushebeln.