Stand:

Die Macher des satirischen Youtube-Kanals „Bohemian Browser Ballett“ werden nach dem Dreh eines Videos bedroht. Dafür machen sie die AfD verantwortlich.

Wer in den vergangenen Tagen Facebook oder Twitter aufgemacht hat, ist vielleicht über diesen Artikel gestolpert: Unter der Überschrift „Ein Hauch von '33 – und plötzlich stehen sie vor deiner Tür“ beschreibt der Autor Schlecky Silberstein, was bei ihm los war, nachdem sein Team ein Satire-Video zu den Ereignissen in Chemnitz gedreht hat.

Der Autor Christian Brandes, Künstlername Schlecky Silberstein; Foto: dpa/picture-alliance

Der Autor Christian Brandes, bekannt unter seinem Blogger-Namen Schlecky Silberstein.

dpa/picture-alliance

Was ist passiert?

Bei der Produktionsfirma Steinberger Silberstein GmbH ist am 16. September eine Morddrohung eingegangen.

Die Firma produziert für das gemeinsam von ARD und ZDF betriebene Online-Angebot funk das Satireformat Bohemian Browser Ballett.

Einer der Gesellschafter der Produktionsfirma ist Christian Brandes, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Schlecky Silberstein.

Unter diesem Namen tritt er auch als Autor für das Bohemian Browser Ballett in Erscheinung.

Was hat die Morddrohung mit dem Video zu tun?

Knapp eine Woche vor der Morddrohung, am 7. September, drehte das Team von Schlecky Silbersteins Produktionsfirma auf einem Platz in Berlin-Lichtenberg das Satire-Video für den Youtube-Kanal Bohemian Browser Ballett.

Nach Angaben von Silberstein soll der Videoclip mit dem Titel „Volksfest in Sachsen“ eine „Parodie auf den Wahnsinn in Chemnitz“ sein:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu YouTube erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Das Video bei YouTube ansehen.


Zur Kulisse gehörte unter anderem ein nachgestellter AfD-Infostand. In einer Szene des Films spielen Schauspieler AfD-Vertreter, die Partei-Eintrittserklärungen verteilen. In einer anderen Szene jagen als Skinheads verkleidete Schauspieler einen dunkelhäutigen Menschen.

Während der Dreharbeiten wird die Filmcrew ihrerseits von Passanten und Anwohnern gefilmt.

War es klar, dass es sich um Dreharbeiten für eine Satiresendung handelt?

Christian Brandes alias Schlecky Silberstein schreibt in seinem Blog dazu:

Beim Dreh in Berlin-Lichtenberg versammelten sich schnell Anwohner, die den Verdacht schöpften, wir wollten eine gefakte Nazi-Demo in Berlin inszenieren. Geduldig erklärten wir das Set und die Story, bemerkenswert vielen Menschen mussten wir auch die Kunstfreiheit erklären.


Was hat die AfD damit zu tun?

Mit zwei Facebook-Posts verbreitet die AfD die Behauptung, bei dem Film-Set in Berlin-Lichtenberg habe es sich um Dreharbeiten für ein „Fake-Video“ gehandelt.
Mit dem Wort Fake-Video wird der Eindruck erweckt, die Filmemacher würden die Szenen später als dokumentarisches Material – also zum Beispiel für Berichterstattung in den Nachrichten – verwenden.

Christian Brandes alias Schlecky Silberstein wirft der AfD vor, ohne diese Posts wären ihm und seiner Firma die Morddrohung „erspart geblieben“.

Um welche Posts geht es?

Den ersten Post setzte die Bundes-AfD am 12. September auf ihrem Facebook-Account ab:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Facebook erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Facebook ansehen.

Unter dem Titel „Neues Fake-Video aufgedeckt“ schreibt die Partei, hinter den Dreharbeiten stünden „mutmaßliche politische Gegner“ der AfD.

Es sei der Versuch, ein Fake-Video an einem gefälschten AfD-Parteistand zu drehen. Die AfD bezeichnet die Filme-Macher als „Täter“:

Bisher (Stand: 19.09.2018) erwähnte die AfD in diesem Post nicht, dass es sich um Dreharbeiten für ein Satire-Video handelte.

Den zweiten Post veröffentlichte der AfD-Landesverband Berlin am 14. September:

Du hast DNT aktiviert. Wir stellen die Verbindung zu Facebook erst her, wenn du dies erlaubst. Die Einwilligung ist freiwillig und gilt nur temporär. Mehr dazu findest du in unseren Datenschutzhinweisen.
Den Beitrag bei Facebook ansehen.

Darin ist unter anderem ein Video zu sehen, bei dem der Berliner AfD-Landtagsabgeordnete Frank-Christian Hansel an der Tür der Produktionsfirma Steinberger Silberstein GmbH klingelt. Ihm wird aber nicht geöffnet. Das Video endet mit Hansels Worten: „Aber wir kommen wieder“.

Christian Brandes schreibt in seinem Blog Schlecky Silberstein dazu:

Natürlich wusste jeder bei der Partei, dass wir eine Satire drehen. Wir haben das komplette Set mit entsprechenden Hinweise zugekleistert. Hansel „besuchte“ uns, als wir uns schon längst als Auftraggeber des Satire-Drehs zu Erkennen gegeben hatten. Und dennoch stellte er sich taktisch blöd. Man kann auch sagen: Er hielt an der perfiden Lüge fest.


Was sagt die AfD dazu?

Der Berliner AfD-Vorsitzende Georg Pazderski verteidigte das Vorgehen seiner Partei. Er erklärte, es gehe um die Aufdeckung unlauterer Propaganda mit Geldern des öffentlich-rechtlichen SWR.

Wie reagiert der Südwestrundfunk?

Wegen der Morddrohung prüft der Sender derzeit rechtliche Schritte. Der für funk zuständige SWR-Programmdirektor, Gerold Hug, teilte mit:

Man kann immer darüber streiten, ob man eine Satire gelungen findet oder nicht. Aber wenn Drohungen und Einschüchterungsversuche gegen Künstler, Produzenten oder andere Medienschaffende erfolgen, zeigen sich gesellschaftliche Zustände, die Anlass zu Besorgnis geben. Die Freiheit der Kunst, der Presse und der Meinungsäußerung sind für den SWR nicht verhandelbare hohe Güter.


Autor
SWR3