Der sogenannte „Reichsbürger“ hat vor einem Jahr einen SEK-Beamten erschossen. Die Richter sind sich sicher: Es war keine spontane Tat, sondern kaltblütig geplanter Mord. Entsprechend hart fiel ihr Urteil aus.

Der 50-jährige Wolfgang P. aus Georgensgmünd in Mittelfranken bekam lebenslänglich. Was er im Oktober 2016 getan hat, werteten die Richter als Mord und Mordversuch.

Was war passiert?

Der Angeklagte im Reichsbürgerprozess.; Foto: DPA

Der Angeklagte im Reichsbürgerprozess.

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Der sogenannte „Reichsbürger“ war Jäger und durfte lange Zeit Waffen besitzen. Damit war 2016 aber Schluss. Die Behörden hielten ihn für unzuverlässig. Denn: er hatte seinen eigenen Staat ausgerufen, lehnte die Bundesrepublik ab.

Weil er seine rund 30 Waffen nicht abgeben wollt, rückte Mitte Oktober 2016 am frühen Morgen ein Spezial-Einsatzkommando (SEK) der Polizei bei ihm an. Mehr als 20 Beamte stürmten sein Haus – durch Keller, Haustür und Terrasse. Sie sollten die Waffen einkassieren.

Gepflasterter Hof vor einem Haus mit gelber Linie am Boden; Foto: dpa picture-alliance

Eine gelbe Linie soll die Grundstücksgrenze des Hauses von Wolfgang P. verdeutlichen. Hier fand der Polizeieinsatz statt.

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SEK-Beamte: „Kugelhagel“

Der 50-Jährige eröffnete sofort das Feuer, schoss sogar durch Wände. Vor Gericht sprechen die SEK-Beamten später von einem „Kugelhagel“. Einer der Polizisten wurde tödlich getroffen, brach vor dem Haus zusammen. Drei weitere Polizisten wurden verletzt.

Angeklagter schweigt

Vor Gericht redet der Angeklagte nicht selbst über den Fall, er lässt seine Anwältin sprechen. Die nennt den Polizeieinsatz „dilettantisch“. Ihr Mandant habe Gebrüll im Haus gehört und Einbrecher vermutet.

Konnte man das Blaulicht übersehen?

Hat der Angeklagte also gar nicht gewusst, dass die Polizei kommt? Um das rauszufinden, hatte das Gericht vor Ort experimentiert: Die Richter gingen zum Haus von Wolfgang P. und ließen Polizeiautos mit „Tatütataa“ und Blaulicht auffahren. Ihr Urteil: Die Polizei konnte niemand im Haus übersehen und überhören. Die Einbrecher-Ausrede haben die Richter deshalb nicht geglaubt.

Das Blaulicht von Polizeifahrzeugen spiegelt sich auf Hauswänden wieder; Foto: dpa/picture-alliance

Nicht zu übersehen: Blaulicht erhellt das Haus von Wolfgang P. und dessen Nachbarschaft. Für die Richter der Beweis, dass Wolfang P. genau wusste, auf wen er schoss.

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Gericht: Wolfang P. wollte möglichst viele Polizisten töten

Im Gegenteil. Die Richter waren nach dem Experiment überzeugt, dass Wolfang P. wollte so viele Polizisten wie möglich töten wollte. Er habe sich auf die Tat vorbereitet. Deshalb verurteilten die Richter ihn auch wegen Mordes, nicht wegen Totschlags.

Fall macht „Reichsbürger“-Szene deutschlandweit bekannt

Der Fall hat dafür gesorgt, dass jeder in Deutschland mitbekommen hat, dass es so etwas wie „Reichsbürger“ überhaupt gibt. Bis dato galten Anhänger der Szene als harmlose Spinner.

Die selbst ernannten „Reichsbürger“ und ihre Anhänger behaupten, die Bundesrepublik existiere nicht, stattdessen bestehe das „Deutsche Reich“ von vor 1945 fort. Andere rufen ihren eigenen Staat aus – so wie Wolfgang P. Die sogenannten „Reichsbürger“ lehnen deutsche Gesetze, amtliche Entscheidungen und Institutionen wie Parlamente und Gerichte der Bundesrepublik ab.