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Die SPD kommt nicht zur Ruhe. Eigentlich wollte Noch-Parteichef Martin Schulz mit seinem Rückzug die Personaldebatte in seiner Partei beenden. Doch jetzt gibt es Kritik daran, dass Andrea Nahles kommissarisch Schulz' Nachfolgerin werden soll.

In der SPD regt sich Widerstand dagegen, dass die Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles heute kommissarisch zur Partei-Chefin ernannt wird. Die Berliner SPD lehnt die Ernennung ab. Man wolle vor einem möglichen Parteitag keine Tatsachen schaffen, heißt es in einem Bericht der Berliner Morgenpost.

Gegenkandidatur aus Schleswig-Holstein

Für eine Überraschung sorgte am Montagabend die Flensburger Oberbürgermeisterin Simone Lange. Sie kündigte an, auch für den SPD-Parteivorsitz kandidieren zu wollen. Damit möchte sie „den Mitgliedern wieder eine Stimme geben und sie an diesem Entscheidungsprozess ernsthaft beteiligen“, so begründete die 41-Jährige ihre Entscheidung.

Andrea Nahles.; Foto: dpa/picture-alliance

Andrea Nahles wäre die erste Frau an der Spitz der SPD.

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Wie es nun weiter geht, wollen Präsidium und Vorstand der SPD heute Nachmittag entscheiden.

Sehr wahrscheinlich ist, dass der bisherige Vorsitzende Martin Schulz seinen Rückzug erklären wird. Danach könnte Andrea Nahles zumindest kommissarisch zur SPD-Chefin ernannt werden. Sie wäre dann die erste Frau an der Spitze der SPD.

Dreyer unterstützt Nahles

Die stellvertretene SPD-Vorsitzende Malu Dreyer unterstützt die mögliche Ernennung von Nahles. Die SPD könne nicht führungslos bleiben, sagte sie der Deutschen Presse-Agentur.

Für ihre Bereitschaft, die SPD in dieser schwierigen Zeit zu leiten, bin ich ihr dankbar, und ich bin sicher, dass sie diese Aufgabe gut meistern wird.“

Malu Dreyer - Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz

Wofür gibt es Stellvertreter?

Bedenken gegen eine kommissarische Übernahme haben auch die Juristen in der SPD. Ihr Sprecher Harald Baumann-Hasske verwies in der Zeitung Die Welt darauf, dass die Partei für den Fall einen Rücktritts von SPD-Chef Martin Schulz sechs stellvertretende Vorsitzende habe. Für eine sofortige, wenn auch kommissarische Übernahme des Parteivorsitzes „gibt es satzungsmäßig keine Grundlage, dies ist in unseren Statuten nicht vorgesehen“, erklärte Baumann-Hasske.

Rolle rückwärts von Schulz

Am vergangenen Mittwoch hatte der derzeitige Parteichef Martin Schulz erklärt, dass er von seinem Posten abtreten werde. Bis dahin war aber noch die Rede davon, dass er bis März im Amt bleibe. Außerdem hatte er vorher das Amt des Außenministers für sich beansprucht, sollte die SPD in die Große Koalition ziehen. Doch auch von dieser Idee ist er schnell wieder abgekommen. Auch auf das Außenministeramt werde Schulz verzichten, gab der Noch-Parteichef am Freitag bekannt.

Andrea Nahles wird die Position von Martin Schulz am Dienstag übernehmen.; Foto: Imago

Andrea Nahles könnte die Position von Martin Schulz übernehmen.

Imago

Unklarheit in der SPD

Generell herrschte in der SPD nach den Bundestagswahlen Unklarheit. Vorerst war klar: Die SPD wird in die Opposition gehen. Als daraufhin die ersten Sondierungsgespräche zu einer Jamaika-Koaltion geplatzt sind, entschied sich die SPD doch nochmal um. Es folgte die zweite Sondierrunde, diesmal mit der SPD. Nun stehen die Mitglieder der SPD erneut vor der Wahl: Ab dem 20. Februar stimmen sie darüber ab: Große Koalition - ja oder nein?

Bürger hoffen auf Zustimmung zur GroKo

Ginge es nach den Bürgern, sollte die SPD einer Großen Koalition zustimmen. Das Meinungsforschungsinstitut Emnid hat in einer Bürgerumfrage herausgefunden, dass 57 Prozent der Befragten sich ein Ja zur GroKo von der SPD-Basis wünschen. Von den CDU-Anhängern unter den Befragten wünschten sich 87 Prozent eine Zustimmung der SPD.

Nur ein Drittel der Befragten vertrauten darauf, dass Nahles die SPD wieder an die Spitze bringen könnte. Rund 52 Prozent erwarteten keine größeren Erfolge durch eine neue Parteispitze.

Wer ist Andrea Nahles?

Sie mag die Macht

In ihrer Abi-Zeitung gab sie als Berufswunsch Hausfrau oder Bundeskanzlerin an. Seitdem gibt sie Vollgas. Als Teenager gründet sie einen SPD-Ortsverein, wird Juso-Chefin und mit gerade mal 28 Jahren Bundestagsabgeordnete. Dann lässt sie sich in einer Kampfabstimmung zur Generalsekretärin wählen – woraufhin der damalige Parteichef Franz Müntefering entnervt hinschmeißt. Sie wird später Arbeitsministerin und wäre jetzt als Parteichefin ihrem eigentlichen Berufswunsch noch mal ein Stückchen näher.

Sie mag es schnell

Sie ist 10 Kilometer vom Nürburgring entfernt aufgewachsen und da auch schon mit einem Lamborghini oder dem Motorrad drüber geheizt. Mit 18 – als Fahranfängerin – hatte sie dann einen schweren Unfall. In Schweden war sie auf einer Schotterpiste zu schnell unterwegs, krachte gegen einen Baum und wurde schwer verletzt. Sie war nicht angeschnallt. Seitdem hat sie eine große Narbe auf der Stirn, war aber danach laut eigener Aussage unfallfrei.

Sie mag es ruhig

Deshalb lebt sie immer noch in der Vulkaneifel auf einem Bauernhof, der schon ihren Ur-Großeltern gehört hat. Hier geht auch ihre kleine Tochter zur Schule. Nahles pendelt im Schnitt dreimal pro Woche nach Berlin. In ihrer Freizeit reitet sie gerne auf ihrem schwarzen Friesen-Wallach Sibby – auch aus Therapiegründen. Denn als Jugendliche hat sie sich beim Weitsprung beide Sehnen in der Hüfte gerissen und ist seitdem zu 50% schwerbehindert.