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Sind Graffitis schützenswerte Kunst? Ja, sagt ein New Yorker Richter. Und das hat schwerwiegende Folgen für einen Hausbesitzer. Er muss 21 Sprayer entschädigen.

Das loftähnliche Backsteingebäude – eine ehemalige Fabrik – stand inmitten einer oberirdischen U-Bahn-Schleife im Stadtteil Queens, östlich von Manhattan.

Hauswände waren ihre Leinwände

In den 90er-Jahren hatte es Investor Jerry Wolkoff an Künstler vermietet. Sie nannten es „5Pointz“ – nach den fünf Stadtteilen New Yorks. Drinnen waren ihre Studios, die Wände draußen nutzten sie als Leinwände. Wandbildern, Graffitis und Künstler-Tags bedeckten irgendwann die gesamte Fassade – und zwar mit Genehmigung des Vermieters.

Eine der zentralen Figuren von „5Pointz“ ist Jonathan Cohen. Sehr dankbar sei man dem Hausbesitzer gewesen, sagt er.

Das alte Lied der Gentrifizierung

Doch 2013 änderte Jerry Wolkoff seine Meinung. Mein Haus, meine Entscheidung – unter dieser Prämisse ließ er die Wandbilder über Nacht weiß übertünchen und ein Jahr später die Gebäude abreißen. Inzwischen ist das Gelände ein Baustelle. Zwei 40-stöckige Hochhäuser werden dort hochgezogen.

Es ist das alte Lied der Gentrifizierung, das man in New York nur zu gut kennt: Aus Industriebrache wird Kunstfläche, dann kommen die Luxuswohnungen – das Ende für Projekte wie das selbst erklärte „größte Open-Air Museum für Spraykunst“.

Gesetzlicher Schutz für Graffitis

21 Graffiti-Künstler, die dagegen geklagt hatten, bekamen jetzt Recht. Der New Yorker Richter Frederick Block sprach ihnen außerdem viel Geld zu: umgerechnet fast 5,5 Millionen Euro Entschädigung.

Block sprach von einem „Mekka hochwertiger Spray-Kunst“. Er urteilte nach einem Gesetz, das Künstler vor der Zerstörung ihrer Werke schützt, selbst wenn sie nicht mehr in ihrem Besitz sind.

Kunst „anerkannten Formats“

Bedingung dafür ist, dass es sich um „Kunstwerke anerkannten Formats“ handelt. 45 der „5Pointz“-Werke stufte der Richter so ein. Eine Premiere. Noch nie, so Kunstanwalt Dean Nicyper, sei dieses Gesetz auf Graffiti angewandt worden.

Kunst, die New York gehörte

Für Jonathan Cohen ist die Anerkennung als Kunst neben dem Schadensersatz der eigentliche Erfolg des Prozesses. Investor Wolkoff dagegen nennt es Wahnsinn. Er sieht seine Eigentumsrechte verletzt und will in Berufung gehen.

Eine Anwohnerin jedoch zeigt sich begeistert: Ja: es sei sein Gebäude gewesen, aber doch nicht seine Kunst. Die habe immer New York gehört – das sei die Moral der Geschichte.

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Autor
Kai Clement