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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Der Tod der 29-Jährigen Lyra McKee in Nordirland weckt schlimmste Erinnerungen. Jetzt sprechen die Täter von einem tragischen Versehen. Derweil wurde eine Frau festgenommen.

Rund 3.500 Menschen starben in dem annähernd 30-jährigen bürgerkriegsähnlichen Nordirland-Konflikt. Er endete 1998 mit dem sogenannten Karfreitagsabkommen – zumindest offiziell. Mit dem Brexit und einer neuen harten Grenze zwischen Irland und der britischen Provinz Nordirland könnte er wieder aufflackern, fürchten viele.

Am Donnerstagabend vergangener Woche wurden die schlimmsten Befürchtungen wahr: Die 29-jährige Journalistin Lyra McKee wurde am Rande schwerer Ausschreitungen von einer Kugel in den Kopf getroffen, als sie neben einer Gruppe von Polizisten stand, und starb.

Ort der Tragödie: Das geschichtsträchtige Londonderry, wie es unter Protestanten heißt – oder „Derry“, wie die irischen Katholiken sagen. 1972 war die Stadt Schauplatz des „Bloody Sunday“. Damals schossen britische Soldaten auf unbewaffnete Teilnehmer einer nicht genehmigten Demonstration. 14 Menschen wurden getötet.

Tod durch einen Querschläger

Gerade hier hatten sich irisch-katholische Nationalisten und protestantische Loyalisten jahrzehntelang bekämpft. Auch jetzt befürchten viele, dass die Stadt zum Schauplatz eines neuen blutigen Konflikts um Nordirland wird.

Schnell war klar: Die Journalistin war nicht das Ziel der mörderischen Attacke. Ein Querschläger habe die junge Frau getroffen, teilte die Polizei mit. 2014 war McKee mit dem Blog „Brief an mein 14-jähriges Ich“ bekannt geworden. Darin schildert sie ihre Schwierigkeiten, als Homosexuelle in Belfast aufzuwachsen.

Die Polizei hat Bilder veröffentlicht, die den Schützen zeigen sollen. Der Mann trägt eine Sturmhaube über dem Gesicht und feuert mehrere Schüsse ab. Zu sehen ist auch, wie Benzinbomben auf Polizisten geworfen werden, bevor die Schüsse fallen.

„Derry heute Nacht. Absoluter Wahnsinn.“

Jetzt hat sich die katholische Terrorgruppe „New IRA“ – eine radikale Abspaltung der früheren nordirischen „Irisch Republikanischen Armee“ (IRA) – zu der Tat bekannt und sich zugleich dafür entschuldigt. Wohlgemerkt nicht für den Mordversuch an Polizisten. Aber immerhin für den Tod von Lyra McKee.

Die Reporterin sei „tragischerweise getötet“ worden, als sie an der Seite „feindlicher Kräfte“ (der Polizei) gestanden habe, zitierte die Zeitung „The Irish News“ am Dienstag aus einer Erklärung der Splittergruppe. Zugleich bat die New IRA die Angehörigen McKees – Freunde, Familie und Lebensgefährtin – „aufrichtig um Entschuldigung“.

Ob die Tragik von McKees Tod die Gewalt bremsen kann? Noch kurz vor ihrem Tod hatte McKee die Gewalt auf Derrys Straßen beobachtet und getwittert: „Derry heute Nacht. Absoluter Wahnsinn.“

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McKees Twitteraccount ist mittlerweile gesperrt. Naomi O'Leary, Korrespondentin der US-Zeitung Politico, hat ihrerseits einen Screenshot vom letzten Tweet der 29-Jährigen getwittert. Darunter steht:

„Eine Journalistin ist bei der Berichterstattung über die Ausschreitungen in Derry getötet worden. Ihr Name war Lyra McKee. Sie war 29. Kürzlich hat sie zwei Buchverträge bei Faber (einem Verlag, Anm.) unterschrieben, wo man sie einen „aufsteigenden Stern des investigativen Journalismus“ nannte. Das ist ihr letzter Tweet vom Schauplatz der Unruhen.“

Verdächtige festgenommen

Am Dienstag soll die Polizei eine 57-jährige Frau festgenommen haben. Zwei am Samstag festgenommene junge Männer seien dagegen freigelassen worden, teilte die Polizei am Dienstag mit.

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