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Für viele liberale Türken ist es eine Riesen-Enttäuschung: Erdogan hat sein Ziel erreicht und seine Herrschaft gefestigt. Grünen-Politiker Cem Özdemir ist vor allem auf dessen deutsche Wähler sauer.

Unter den Gegnern des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan herrscht heute Kater-Stimmung, denn es ist klar: Der Langzeit-Präsident hat bei der Wahl gestern fast 53 Prozent der Stimmen erhalten. Damit hat er die Wahl gleich im ersten Wahlgang klar gewonnen.

„Wie die AfD eben“

Dabei haben auch viele Türken in Deutschland eine Rolle gespielt, die in den vergangenen Wochen in türkischen Konsulaten und anderen Stellen in Deutschland ihre Stimme abgeben konnten: Rund zwei Drittel von ihnen – und damit mehr, als in der Türkei selbst – stimmten für den umstrittenen Präsidenten, der seine Kritiker einsperren lässt und von dem viele befürchten, dass er sich zum Alleinherrscher – praktisch auf Lebenszeit – aufschwingen will. Diese Zahl bezieht sich allerdings auf jene mit Wahlrecht in der Türkei, die dieses auch genutzt haben.

Unter denen in Deutschland, die besonders wütend über das Ergebnis sind, ist der türkischstämmige Grünen-Politiker Cem Özdemir. Er verglich in einem kurz vor Mitternacht abgesetzten Tweet, die deutschen Wähler von Erdogans AK-Partei mit AfD-Anhängern:

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Im Interview mit SWR3 sagte Özdemir später: „Wir alle haben Erdogan unterschätzt. [...] Der Fehler, den Angela Merkel sicherlich mit ihrer Reisediplomatie gemacht hat, war, dass sie den Eindruck erweckt hat, als würde sie Wahlkampf für ihn machen.“

„Tiefe Spaltung“ in der türkischen Gesellschaft?

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Cansel Kiziltepe sprach am Montag im ARD-Morgenmagazin von einer „tiefen Spaltung“ der türkischen Gesellschaft. Kiziltepe nannte es erschreckend, dass sich die Zahl der Anhänger von Erdogans Regierungspartei AKP in Deutschland erhöht habe.

Ein Grund dafür sei, dass es in den vergangenen Jahrzehnten „faktisch“ keine Integrationspolitik gegeben habe. Menschen hätten sich ausgegrenzt gefühlt.

Grünen-Politiker Cem Özdemir; Foto: dpa/picture-alliance

Wüdend auf Erdogan-Anhänger in Deutschland: Grünen-Politiker Cem Özdemir.

dpa/picture-alliance

Tausende feiern auf Deutschlands Straßen

Die Erdogan-Fans feierten derweil in verschiedenen deutschen Städten: In Berlin gab es am Sonntagabend einen Autokorso mit rund hundert Fahrzeugen durch die westliche Innenstadt, wie ein Polizeisprecher sagte. Rund 200 Menschen nahmen daran teil. Der reguläre Verkehr musste teilweise umgeleitet werden, Zwischenfälle gab es aber nicht.

In Duisburg feierten Erdogan-Anhänger in der Nacht zum Montag laut Polizei ebenfalls mit Autokorsos sowie zahlreichen gezündeten Knallkörpern. Mehr als tausend Menschen blockierten zeitweise eine Straße. Einige bestiegen Ampelmasten und schwenkten von dort Fahnen von Erdogans islamisch-konservativer AKP.

Erdogan spricht von „Festtag der Demokratie“

Am frühen Montagmorgen war der Chef der Wahlkommission vor die Presse getreten und hatte den Sieg Erdogans bestätigt. Zu diesem Zeitpunkt waren laut der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu 99 Prozent der Wahlurnen geöffnet. Ihren Ergebnissen zufolge lag Erdogan mit 52,5 Prozent klar vor seinem konservativ-liberalen Herausforderer Muharrem Ince von der Oppositionspartei CHP, der auf 30,7 Prozent kam.

Erdogan sprach von einem „Festtag der Demokratie“. Wahlbeobachter meldeten besonders aus dem Südosten der Türkei Unregelmäßigkeiten. Erdogan-Gegner wie die mehrheitlich-kurdische HDP waren im Wahlkampf stark eingeschränkt gewesen. So hatte die Presse sie mehr oder weniger ignoriert. Dennoch übersprang die die Zehn-Prozent-Hürde und wird 11,5 Prozent der Sitze erhalten.

Autor
Christian Kreutzer
Autor
SWR3