Autor
Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Lauteren Applaus als er hat auf dem SPD-Parteitag niemand bekommen: Juso-Chef Kevin Kühnert riss mit seinen Auftritten viele Delegierte von den Stühlen. Dabei war sein Wahlergebnis eher schwach.

Das Wahlergebnis sieht aus wie ein Dämpfer: Bei der Wahl der fünf stellvertretenden SPD-Parteivorsitzenden hat Juso-Chef Kevin Kühnert das zweitschlechteste Ergebnis bekommen – 70,4 Prozent. Immer noch besser als Arbeitsminister Hubertus Heil. Aber deutlich schlechter als die drei Frauen, die in Zukunft mit Kühnert und Heil Vizevorsitzende der SPD sind.

Applaus und Jubelrufe

Und doch: Wäre der SPD-Parteitag ein Poetry-Slam, bei dem nach der Lautstärke des Applaus entschieden wird, dann wäre Kühnert jetzt vermutlich SPD-Chef. Denn seine klaren Aussagen kommen an in großen Teilen der SPD – wenn auch nicht bei allen, wie die 70,4 Prozent zeigen.

Applaus und Jubelrufe erhielt Kühnert in Berlin unter anderem für scharfe Kritik an CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer. Auch seine Forderungen, „Konzernmacht“ zu begrenzen und das Steuersystem gerechter zu gestalten, erntete große Zustimmung.

Dann zog der Parteilinke und Groko-Kritiker auch noch auf originelle Weise Rote-Socken-Vorwürfe durch den Kakao:

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Kühnert: Gebühren statt Bustickets

Für Kühnert ist der Ausgang der SPD-Mitgliederbefragung zur neuen Parteispitze ein doppelter Triumph geworden: Nicht nur, dass das von ihm unterstützte Team Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans gewann. Die beiden stützten auch Kühnerts nunmehr erfolgreiche Ambitionen auf den Vizeposten. Es ist ein ordentlicher Machtzuwachs für den Juso-Chef, der erst vor zwei Wochen mit 88,6 Prozent im Amt bestätigt wurde.

Eine Idee, wie er sich in dem angestrebten Posten profilieren kann, hat Kühnert auch schon: Innerhalb der ersten 100 Tage im Amt könnte er vorschlagen, den Nahverkehr mit Bus und Bahn „nicht mehr über Tickets, sondern über Gebühren zu finanzieren“, gestaffelt nach Wohnort und Einkommen, wie er in dieser Woche der „Rheinischen Post“ sagte.

Einem solchen Vorschlag wäre die Aufmerksamkeit sicher - wie so oft bei Kühnert. Bereits seit seiner Wahl zum Juso-Vorsitzenden im November 2017 sorgt er regelmäßig für Unruhe in der SPD und für bundesweite Schlagzeilen.

Gabriel vergleicht Kühnert mit Trump

So zum Beispiel im Mai, als Kühnert sich für Enteignungen von Wohnungsbaukonzernen aussprach. Einen „radikalen DDR-Verharmloser“ nannte ihn CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, Ex-SPD-Chef Sigmar Gabriel attestierte Kühnert Egozentrik und Medienbesessenheit nach der „Methode Donald Trump“.

Derlei Ausbrüche sind für Kühnert vor allem ein Beleg, dass er etwas richtig gemacht hat. Seine Prominenz sorgt dafür, dass er mehr Druck auf die Parteispitze machen kann als manche Juso-Vorsitzende vor ihm.

Dabei wird auch klar: Kühnert, der mit 30 Jahren immer noch an seinem Studium der Politikwissenschaft herumlaboriert, ist jetzt nicht nur im engsten Parteizirkel angekommen. Er hat auch den Bereich der Realpolitik betreten: Wollte er die SPD noch vor Kurzem mit Karacho aus der Großen Koalition reißen, schlägt er jetzt leisere Töne an.

Nichts mehr mit Ausstieg, nur noch ein paar vorsichtige Mahnungen im Umgang mit CDU und CSU sind jetzt von ihm zu hören. Man müsse die Union zu mehr Klimaschutz und einem großen Investitionsprogramm drängen – Revolution klingt anders.