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Der Zeitungskorrespondent Deniz Yücel, der seit einem Jahr in der Türkei festgehalten wurde, ist frei. Normalisieren sich damit die Spannungen zwischen Deutschland und der Türkei?

Yücel war nicht der Einzige

Fünf Deutsche und viele andere Journalisten und Oppositionelle sitzen noch in türkischen Gefängnissen. Daran hat Deniz Yücel in seiner ersten Videobotschaft nach der Freilassung erinnert:

Michael Roth (SPD), Staatsminister im Auswärtigen Amt, bekräftigte im RBB, dass sich die Bundesregierung nun mit gleicher Kraft für andere, zu unrecht in der Türkei inhaftierte Menschen einsetzen werde. Es sei die höchste Aufgabe des Auswärtigen Amtes, den deutschen Bürgern zu helfen und Rechtsstaatlichkeit sowie Menschenrechte zu stärken.

Mehr als hundert Journalisten in Haft

Nach türkischem Recht können Terrorverdächtige bis zu fünf Jahre lang in Untersuchungshaft bleiben. Derzeit sitzen insgesamt fünf deutsche Staatsangehörige aus politischen Gründen in türkischer Haft. Und insgesamt sind mehr als hundert Journalisten inhaftiert.

Noch keine Normalität

Die Beziehungen zur Türkei haben sich aus Sicht von Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) noch nicht normalisiert. Es sei noch ein weiter Weg, sagte er der Rheinischen Post. Yücels Freilassung wiege nicht das Unrecht auf, das ihm wiederfahren sei.

So war sein erster Tag in Freiheit

Kurz nach der Entlassung aus dem türkischen Gefängnis twitterte der Anwalt Veysel Ok ein Bild des Welt-Journalisten, auf dem Yücel seine Ehefrau Dilek Mayatürk Yücel umarmt.

Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte die Freilassung. Ein Sprecher versicherte, es habe keinen „schmutzigen Deal“ mit der Türkei gegeben, um die Freilassung zu erreichen.

Außerdem dankte er der türkischen Justiz und sagte, dass Außenminister Sigmar Gabriel (SPD) sich in den vergangenen Tagen „intensiv bemüht“ habe, zu einer Lösung beizutragen.

Auf Twitter äußerte sich Sigmar Gabriel (SPD) zu der Freilassung.

Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte ebenfalls erleichtert.

Staatsanwaltschaft fordert 18 Jahre Haft

Die Freilassung hatte ein türkisches Gericht angeordnet. Vorher wurde aber eine Anklageschrift vorgelesen. Die Istanbuler Staatsanwaltschaft forderte darin 18 Jahre Haft für den Welt-Korrespondenten. Das Gericht habe die Anklageschrift angenommen und Yücel dann aus der Untersuchungshaft entlassen.

Ein Jahr in türkischer Haft

Mittwoch war es ein Jahr her, dass der deutsche Journalist Deniz Yücel in Istanbul in Polizeigewahrsam genommen wurde. Eine Anklage gegen ihn gab es bis dahin nicht.

„Entweder die Staatsanwaltschaft hat mich vergessen. Oder sie hat noch keine Anweisung dazu erhalten“, sagte Yücel selbst Mitte Januar in einem Interview mit der Nachrichtenagentur dpa. Neben seiner Frau Dilek Mayatürk-Yücel fehle ihm vor allem Gerechtigkeit, erklärte der Journalist dort auch.

Ministerpräsident machte Hoffnung

Menschenrechtsorganisationen und die Bundesregierung hatten die Türkei immer wieder aufgefordert, Deniz Yücel freizulassen. Aber alle Versuche, den 44-Jährigen frei zu bekommen, waren gescheitert.

Am Donnerstag hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim über den Fall Yücel gesprochen. Yildirim hatte vor seinem Deutschland-Besuch gesagt, dass er auf eine baldige Freilassung hoffe. Angela Merkel hatte nach dem Gespräch gesagt, sie habe Yildirim darauf hingewiesen, „dass dieser Fall eine besondere Dringlichkeit für uns hat“.

Autor
Hendrik Hänel
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Amelie Heß
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SWR3