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Vom Missbrauchsskandal in der katholischen und evangelischen Kirche sprechen derzeit fast alle. Eine neue Studie der Uniklinik Ulm beleuchtet jetzt auch den Sport – und geht von Hunderttausenden Betroffenen aus.

200.000 Betroffene im Breitensport und 114.000 jeweils in der katholischen und der evangelischen Kirche. Das sind hochgerechnete Zahlen einer bisher unveröffentlichten Studie der Uniklinik Ulm.

Doppelt so viele Fälle im Sport wie in der Kirche?

Jörg Fegert, ärztlicher Direktor der Ulmer Kinder- und Jugendpsychiatrie, hat erstmals die Angaben der Betroffenen in unterschiedlichen Institutionen verglichen. Sein Fazit:

„Wir haben in Deutschland ungefähr doppelt so viele Fälle im Sport wie in der katholischen Kirche.“

Wichtig ist, hier auch die Relationen zu betrachten. Die katholische Kirche in Deutschland hatte 2017 rund 23,3 Millionen Mitglieder, die evangelische etwa 21,5 Millionen. In Sportvereinen waren zur gleichen Zeit etwa 23,91 Millionen Menschen. Häufig sind aber Kinder in der Kirchengemeinschaft nicht aktiv, treffen kaum alleine auf Geistliche. In Sportvereinen sind Kinder oft auch ohne erwachsene Begleitung.

Die Zahlen aus dem Sport sind in der breiten Öffentlichkeit so noch nicht angekommen. Vor zweieinhalb Jahren gab es erstmals Zahlen zum Ausmaß des sexuellen Missbrauchs im Leistungssport. Da hatte das Team um Jörg Fegert 1.800 Leistungssportlerinnen und Sportler befragt.

„Im Leistungssport waren wir schon entsetzt zu merken, dass mehr als ein Drittel sexuelle übergriffige Dinge erlebt hat“, sagt Fegert. „Und wenn man es sehr eng nimmt, haben drei Prozent tatsächliche Übergriffe mit Penetration – schwerste Taten – erlebt.“ Dazu komme eine hohe Zahl an „ungewollten Berührungen“.

Finanzielle Förderung im Sport an Präventionskonzepte knüpfen

Auf die Daten haben Sport und Politik reagiert, Kinderschutzmaßnahmen angemahnt. Das fand zunächst wenig Gehör. Jetzt aber der nächste Schritt: Es geht ans Geld.

Das für den Leistungssport zuständige Bundesinnenministerium hat die finanzielle Förderung des Leistungssports an die Vorlage von Präventionskonzepten geknüpft. Laut Staatssekretär Markus Kerber heißt das für den Sport, Ansprechpartner für das Thema zu benennen, erweiterte Führungszeugnisse ihrer Mitarbeiter einzuholen und diese zum Thema zu schulen. Ob und wie das Bundesinnenministerium die Umsetzung der Konzepte überprüft, konnte Kerber nicht sagen.

Schwachstellen im Sportsystem noch nicht aufgearbeitet

Sportsoziologin Bettina Rulofs forscht seit Jahren zum Thema sexueller Missbrauch. Sie empfiehlt dem Bundesinnenministerium, nicht nur auf Vertrauen zu setzen: „Man muss abwarten, ob das eine Frage der Ehre und des Glaubens bleibt, oder ob das Bundesinnenministerium etwa stichprobenartig auch Kontrollen durchführt, um zu testen, ob die Standards auch tatsächlich in den Verbänden eingehalten werden.“

Die Schwachstellen im Sportsystem, die sexuellen Missbrauch begünstigen, sind noch gar nicht aufgearbeitet. Da setzt die Aufarbeitungskommission der Bundesregierung an. Seit Anfang Mai wendet die sich gezielt an Betroffene aus dem Sport. Bittet sie anonym ihre Geschichte zu erzählen. Laut Kommission haben sich bereits Betroffene aus unterschiedlichen Sportarten gemeldet.

Die Sportschau zeigt am Samstagabend eine Doku zu dem Thema.