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Christian Kreutzer
Christian Kreutzer, SWR3; Foto: SWR3
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Offenbar sind in Nordsyrien fast 800 Angehörige von IS-Kämpfern entkommen – wohl vor allem Frauen und Kinder aus dem Ausland. Die angegriffenen Kurden sagen, sie könnten sie nicht mehr bewachen.

Die Geflohenen hätten am Sonntag die Tore des Camps in Ain Issa gestürmt und seien entkommen, berichteten die syrisch-kurdischen Behörden. Vor und während ihrer Flucht griffen demnach türkische Luftwaffe und Artillerie Punkte ganz in der Nähe des Lagers an. Kurdische Medien berichten, auch das Lager selbst sei getroffen worden.

90 Prozent der Wachen sind an der Front

So scheint sich zu bewahrheiten, was viele befürchten: Dass die türkische Offensive nicht zuletzt dem IS nutzt. Dieses Bild, das die „Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte“ getwittert hat, zeigt angeblich einige der Flüchtenden:

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Im Lager von Ain Issa sollen annähernd 12.000 Menschen untergebracht sein, darunter nahezu 1.000 ausländische Frauen mit Verbindungen zum IS und deren Kinder. Sie würden normalerweise von rund 700 Milizionären bewacht, berichten Agenturen. Zur Zeit seien dort aber nur noch rund 70 Wachen, weil die anderen kämpfen müssten.

Riesiger Blutzoll im Kampf gegen den IS

Die syrische Kurdenmiliz YPG („Volksbefreiungseinheiten“), beziehungsweise, die mit Hilfe der USA gegründete „Syrian Democratic Front“, in der neben Kurden auch syrische Araber aus der Grenzregion zum Irak kämpfen, gelten eigentlich als Verbündete des Westens: Im jahrelangen blutigen Rückeroberungskrieg gegen den „Islamischen Staat“ (IS) standen sie an der Seite der USA und leisteten vermutlich den mit Abstand größten Blutzoll unter den IS-Gegnern. Sie verloren tausende ihrer männlichen und weiblichen Kämpfer.

Die Haftlager könnten sie jetzt unter den Bomben der Türkei und ihrer arabischen Verbündeten möglicherweise nicht länger kontrollieren, warnten die Kurden nach dem Einmarsch der türkischen Truppen nach Nordostsyrien. Das habe im Moment auch keine Priorität, zitierte die britische BBC einen Kommandeur der angegriffenen kurdischen YPG-Miliz, die eine Schwesterorganisation der türkischen PKK ist.

AKK zeigt sich empört über USA und Türkei

Am Mittwoch war die Türkei über die Grenze nach Syrien einmarschiert. Ankaras Ziel ist, die von ihr als Terroristen eingestuften YPG-Kämpfer aus dem Grenzgebiet zu vertreiben. International wurde die Offensive größtenteils verurteilt. Bislang sollen rund 130.000 Menschen auf der Flucht vor der türkischen Armee und ihrer arabischen Verbündeten sein. Viele Staaten befürchten eine Verschlimmerung der humanitären Lage in Syrien und ein Wiedererstarken des IS.

CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer hat derweil harte Kritik am Vorgehen der Nato-Partner USA und Türkei in Nordsyrien geübt. Es sei ein „verheerendes Signal“ an die Kurden in der ganzen Region, dass die USA der Türkei freie Hand für ein Vorrücken eigener Truppen in Nordsyrien gelassen habe, sagte die CDU-Chefin am Sonntag auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in Saarbrücken.