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Schätzungsweise zehntausende Menschen in den USA sterben jedes Jahr an den Folgen von süchtig machenden Schmerzmitteln. Jetzt fordern mehr als tausend Gemeinden und Einzelpersonen bei einem Muster-Prozess Schadenersatz in Milliardenhöhe.

Der Prozess in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio ist das bisher größte Verfahren im Zusammenhang mit der sogenannten „Opioid-Krise“ in den USA. 2.600 Gemeinden, Landkreise, Bundesstaaten und Stämme amerikanischer Ureinwohner klagen zusammen.

Tausend Kläger verlangen Schadenersatz von den Pharmaunternehmen

Die Kläger wollen, dass Hersteller und Vermarkter von süchtig machenden Schmerzmitteln für die Behandlung der Betroffenen zahlen. Außerdem sollen sie unter anderem die Kosten erstatten, die in der Vergangenheit für ärztliche Betreuung und Sozialhilfe der Abhängigen entstanden sind.

USA: Pharmaunternehmen wegen Schmerzmittel-Abhängigkeit vor Gericht; Foto: picture alliance / Oliver Killig/dpa-Zentralbild/dpa

Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Schmerzmittel-Abhängigen in den USA massiv an.

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Die Opioid-Krise ist seit Jahren ein Thema in den USA: Nach offiziellen Statistiken sind in den letzten 20 Jahren rund 400.000 Menschen an den Folgen ihrer Opioid-Sucht gestorben – ausgelöst durch von Ärzten verschriebene Schmerzmittel. Diese, so sagen die Kritiker, würden von den Pharmaunternehmen teils „aggressiv“ vermarktet werden.

Vergleich vor Prozessauftakt gescheitert

Der Versuch des Richters in Cleveland, in letzter Minute eine außergerichtliche Einigung zwischen Klägern und Beklagten zu bekommen, scheiterte. Einige Arzneimittel-Hersteller hatten in der Vergangenheit schon solche Einigungen erzielt. Ein Angebot in Höhe von knapp 50 Milliarden Dollar reichte den betroffenen Gemeinden in diesem Fall aber nicht – vor allem kleine Gemeinden befürchten außerdem, bei einer Lösung außerhalb des Gerichts nicht genug Geld zugesprochen zu bekommen.

Ärzte beklagen massiven Anstieg von Schmerzmittel-Missbrauch

Allein im Jahr 2017 gab es den US-Behörden zufolge rund 47.600 Todesfälle, das sind 130 Tote pro Tag. Deswegen rief Präsident Donald Trump den Gesundheitsnotstand aus. Zu den prominentesten Opfern zählt der Sänger Prince, der 2016 mit 57 Jahren an einer Überdosis gestorben ist.

„Das ist die Plage unserer Generation, höchstens vergleichbar mit der pandemischen Grippe von 1918“

Michael Kilkenny, ärztlicher Leiter des Gesundheitsamtes in Huntington, West Virgina


Arzneimittel-Hersteller: Verantwortungsvoller Umgang mit Opioiden in Deutschland

Der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller (BAH) betont, dass eine solche Entwicklung wie in den USA für Deutschland „auszuschließen“ sei. Der Markt für verschreibungspflichtige Arzneimittel mit Abhängigkeitspotenzial sei wirksam reguliert. Unter anderem durch strenge Vorgaben wie eine vollständige Dokumentation der Lieferkette und eine Gültigkeit von Betäubungsmittelrezepten für nur eine Woche. Dennoch sind Schmerzexperten auch hierzulande besorgt, wenn opioid-haltige Schmerzmittel zu schnell verschrieben werden.

Autor
SWR3