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Zwei Amokläufe innerhalb von nur zwei Wochen in den USA. Ein US-Schüler und ein Student haben sich dabei geopfert - und gelten jetzt als Helden.

Zwei Kugeln in den Oberkörper halten Riley Howell nicht auf: Der 21-Jährige Student, so berichten Zeugen später, rennt einfach weiter auf den Amokläufer zu, der kurz zuvor in die University of North Carolina in Charlotte eingedrungen ist. Er bringt ihn mit einem „Body-Slam“ zu Fall – so heftig, dass der Täter später klagt, er habe dabei innere Verletzungen davongetragen.

Erst die dritte Kugel ist tödlich

Noch während die beiden zu Boden gehen, feuert der Schütze den letzten Schuss auf Howell ab. Der wird in den Kopf getroffen und stirbt. Andere haben sich ebenfalls auf den Schützen gestürzt und schaffen es jetzt, ihn zu entwaffnen. Am Ende sind zwei Studenten tot, vier verletzt. Das war am letzten Dienstag im April.

Trauernde nach Schul-Amoklauf; Foto: Reuters

Mitschüler trauern nach dem Amoklauf in Highlands Ranch um Kendrick Castillo.

Reuters

Ähnliche Szene, nur eine Woche später: Ein Junge und ein Mädchen dringen in eine Highschool in dem Städtchen Highlands Ranch in Colorado ein. Sie reißen Türen auf und beginnen, auf Schüler und Lehrer zu schießen. Gleich zu Beginn kommt der 18-jährige Junge in das Klassenzimmer von Kendrick Castillo. Der hat gerade Englischunterricht. Er sitzt direkt neben der Tür.

Zwei von mehreren 

Castillo und zwei Mitschüler springen sofort auf. Sie packen den Schützen und „knallen ihn an die Wand“, wie Zeugen später erzählen. Dabei löst sich ein Schuss. Castillo – der drei Tage vor dem Schulabschluss steht – wird getroffen und stirbt. Er ist der einzige Tote. Acht Mitschüler werden verletzt.

„Die Familien von Kendrick Castillo und Riley Howell sollten jetzt ihre Zukunft planen, nicht ihre Beerdigung“, twittert die Abgeordnete und Waffengegnerin Gabrielle Giffords. Sie selbst wurde im Januar 2011 von einem Attentäter in den Kopf geschossen und überlebte (das linke Bild zeigt Kendrick Castillo, das rechte Riley Howell):

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Jetzt trauert Amerika um die „Helden“, die sich geopfert haben. Und viele fragen: Was hat es zu bedeuten, dass Schüler plötzlich zu Kämpfern werden, die selbst der Tod nicht schreckt? Denn Howell und Castillo waren nur zwei von mehreren, die die Angreifer attackierten und ihr Leben riskierten. Die anderen hatten nur mehr Glück.

„Kämpfe, wenn du musst“

Hat die Zahl der Amokläufe an Schulen und Universitäten etwas mit den Jugendlichen angestellt? Fakt ist: Seit den 1990er Jahren ist die Zahl derartiger Angriffe im Land der allmächtigen Waffenlobby massiv in die Höhe geschnellt – die Liste wirkt bereits relativ unübersichtlich, wie ein Blick in Wikipedia zeigt.

Schon lange bekommen Schüler an US-Schulen Sicherheitstrainings für Amok-Situationen: „Lauf weg, wenn du kannst. Versteck dich, wenn du nicht weglaufen kannst. Kämpfe, wenn du musst“, lautet die Devise.

Viele scheinen jetzt auf den letzten Punkt zu setzen: kämpfen. Aber warum? Susan Payne, von der Anti-Gewalt-Initiative „Safe2Tell“ wird in der New York Times (NYT) zitiert: Dieser „Instinkt“ habe wohl viel mit der Darstellung von Gewalt und Gegengewalt in den Massenmedien zu tun.

„Ich wünschte, er wäre abgehauen“, sagt der Vater

„Die jungen Leute sind heute besser informiert, als uns klar ist“, erklärt Payne. Sie würden alles um sich herum durch ihre eigene Brille wahrnehmen und dann untereinander besprechen, was man tun kann.

Eine Lehre, die viele Schüler aus früheren Amokläufen, die sie im Fernsehen gesehen haben, ziehen, lautet offenbar: Warte nicht darauf, dass dich jemand rettet; sei kein wehrloses Opfer. Dann lieber selbst aktiv werden.

„Trauerzug für einen Helden“ heißt es in diesem Tweet von ABC – die Beerdigung von Riley Howell mit Hunderten die mit der Familie trauern:

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„Ich hoffe, wir sehen bald mehr davon“, freut sich Sicherheitstrainer Greg Crane im Gespräch mit der NYT. Seine Kurse setzen stark darauf, „die Kontrolle zurückzugewinnen“, wie Crane das nennt.

Andere hoffen stattdessen auf mehr Prävention: Besser wäre es anonyme Meldesysteme einzurichten, in denen Schüler auf mögliche Problemfälle hinweisen könnten, sagt Beverly Kingston vom Zentrum für Gewaltprävention in Boulder, Colorado. „Es geht ja nicht nur um die steigende Zahl von Amokläufen, sondern auch von Selbstmorden. Wie gehen wir als Nation damit um, wenn andere leiden?“

John Castillo, der Vater des toten Kendrick, hat der Denver Post unter Tränen gesagt, er sei nicht überrascht, dass sein Sohn so etwas gemacht habe. „Ich wünschte, er wäre abgehauen und hätte sich versteckt“, sagt Castillo. „Aber so war er nicht. Bei ihm ging es immer darum, anderen zu helfen und sie zu beschützen.“

Autor
Christian Kreutzer
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SWR3