Glitzernde Prunk-Kleider, 3-Gänge-Menü im 5-Sterne-Hotel und Live-Band: Längst findet sich kaum ein Jahrgang damit ab, seinen Abi-Ball klein und bescheiden in der Schulaula zu feiern. Prunk und Protz müssen her. Doch warum eigentlich?

Abiball; Foto: dpa/picture-alliance

Abibälle sind in den vergangenen Jahren immer pompöser geworden – und vor allem teurer.

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Feinste Speisen, feinster Zwirn, feinste Musik – mit allem drum und dran kann eine Karte für den ersehnten Abi-Ball heute dreistellige Beträge kosten. Wenn dann Mama, Papa, Oma, Tante und Bruder mit den Abiturienten feiern wollen, kostet so ein Abend gern so viel wie ein Kurzurlaub. Doch wann haben sich Abi-Jahrgänge mit ihren Abschlussfeiern von Turnhallen und der Schulaula verabschiedet? Und warum? Soziologe und Jugend-Experte Klaus Hurrelmann hat es SWR-Redakteur Christian Rönspies im Interview verraten.

Warum tut es heute die Schulaula nicht mehr?

Die jungen Leute wollen einen Meilenstein setzen. Das Abitur ist an die Stelle gerückt, wo früher mal der Führerschein oder der Berufseintritt waren. Die Heirat, die heute sehr spät kommt, eignet sich auch nicht dazu.

In den Städten macht über die Hälfte der jungen Leute Abi, sodass sie in einem öffentlichen Raum zeigen wollen, dass sie diesen Schritt geschafft haben. Das darf dann auch was kosten, weil es einem biografisch sehr wichtig ist.

Welche Rolle spielen in diesem Zusammenhang soziale Medien? Dort geht es vielen jungen Leuten in der Regel um eine sehr positive Selbstdarstellung.

Ganz genau. Und das Abiturfest gehört da mit hinein. Das soll etwas Einmaliges sein. Das muss etwas sein, das man so schnell nicht vergisst. Da steckt auch ein bisschen Wettbewerb drin. Man möchte gegenüber der Nachbarschaftsschule zeigen: „Wir haben die originellere, die pfiffigere und die viel längere Party.“

Klaus Hurrelmann; Foto: imago

Der Soziologe Klaus Hurrelmann ist Experte für das Verhalten Jugendlicher.

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...vielleicht auch die protzigere Abi-Feier?

Sie darf nicht nur protzig sein. Sie muss auch irgendwie pfiffig und originell sein. Das sind sich die jungen Leute schon schuldig. Und ich weiß aus vielen Gesprächen, dass sie darauf auch großen Wert legen. Es soll also etwas sein, das Identität stiftet: „Wir sind eine besondere Schule und zu der gehöre ich.“

Wenn man Schüler selbst fragt, dann bekommt man häufig auch den Verweis auf die USA.

Das ist ganz eindeutig zu uns rübergekommen. Wenn wir uns zurückerinnern, hatten wir vor etwa zehn Jahren eine Phase, in der die jungen Leuten von sich aus anfingen, in den Schulen Abitur-Scherze, Abitur-Gags zu machen: Die Schule war am Morgen verriegelt, weil alle Schlösser mit Gips zugeklebt waren. Oder sie haben einen Elefant auf den Schulhof getrieben, der Rektor musste darauf sitzen und sich belachen lassen. Das ist ausgeartet und hat richtig gefährliche Konturen angenommen.

Nun suchte man nach besseren, nach konstruktiveren Lösungen. Da sind natürlich immer die angelsächsischen Länder, die USA voran, aber auch Großbritannien, Vorbilder. Dort sieht man, wie man Rituale feiert, die Spaß machen, die viele Leute anziehen und die nicht gefährlich sind. Allerdings sieht man jetzt auch, wie teuer das werden kann.

Abi-Ball im 5-Sterne-Hotel: Erzeugt das bei den jungen Menschen möglicherweise auch falsche Erwartungen an das Leben? Oder sehen sie das eher entspannt als ein Highlight vor dem Start ins richtige Leben?

Nach all dem, was wir aus Studien bei Jugendlichen und aus ihren eigenen Äußerungen ablesen können, sind sie schon sehr realistisch. Das war ein Abschnitt. Es muss nicht in der gleichen Weise weitergehen. In diesen Abi-Bällen steckt ja auch die Botschaft: „Ich habe einen wichtigen Schritt hinter mir, jetzt beginnt ein neuer.“ Und der neue Abschnitt ist heutzutage bei langen Ausbildungsgängen, bei spätem Eintritt in den Beruf ein weiter Weg. Da sind die jungen Leute realistisch.

Sie wissen, dass der Übergang von der Ausbildung in den Beruf heute ungeheuer lange dauert und eine richtig mühselige Strecke sein kann. Die Hochschulen sind eigentlich als nächste dran. Wenn man dort fertig ist mit der Ausbildung, möchte man eines Tages auch eine schöne Feier haben. Und da sind die deutschen Universitäten und Fachhochschulen noch weit zurück. Ich denke, wir werden das Gleiche erleben wie mit den Abiturfeiern. Auch dort wird die amerikanische Kultur Einzug halten – mit Ritualen und Feiern zum Abschluss.